Makroskop
US-Staatsschulden

Amerikas Finanzpolitik außer Rand und Band

| 02. Juni 2026
IMAGO / UPI Photo

Über die Ursachen der wachsenden US-Verschuldung und die Nervosität an den internationalen Bondmärkten.

An den internationalen Bondmärkten wächst die Nervosität. Der Krieg gegen den Iran schürt neue Inflationsängste, während zugleich die globale Konjunktur an Schwung verliert. Viele Zentralbanken stehen damit erneut vor der Frage, ob sie die Zinsen weiter anheben müssen – obwohl die Finanzlage zahlreicher Staaten seit der Covid-19-Pandemie ohnehin angespannt ist. 

Besonders unter Druck geraten dabei die langfristigen Kapitalmarktzinsen, die sich nicht direkt durch die Geldpolitik steuern lassen, sondern an den Bondmärkten gebildet werden. Getrieben von veränderten Erwartungen über Inflation, Wachstum und die künftige Geldpolitik sind diese Renditen international kräftig gestiegen. Das verschärft die Probleme der öffentlichen Haushalte zusätzlich. Denn höhere Zinsen verteuern nicht nur Investitionen, sondern auch die Finanzierung wachsender Staatsschulden.

Im internationalen Vergleich hat Amerika die Pandemie wirtschaftlich gut überstanden und seither eine beeindruckend gute Entwicklung hingelegt. Der US-KI-Boom – das Ringen um die technologische Weltherrschaft – bleibt dabei der kritische Antriebsmotor. Doch auch in den USA entfaltet der Irankrieg zunehmend drosselnde Auswirkungen auf die Wirtschaft – und angesichts steigender Zinsen mehren sich Stimmen, die sich um die Lage der öffentlichen Bundesfinanzen sorgen.

Es ist erstaunlich, dass es um die Lage der öffentlichen Bundesfinanzen so lange ruhig geblieben war. Denn die Lage ist tatsächlich außergewöhnlich. Trotz niedriger Arbeitslosigkeit und kräftigem Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren, beträgt das Defizit im Bundeshaushalt rund sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts. Die Trump-Regierung zeigt jedoch keinerlei Bemühungen, dieses zu reduzieren. Stattdessen entwickelt der Präsident fast wöchentlich neue Pläne für zusätzliche umfangreiche Ausgabenprogramme.

Darunter ein Programm in Höhe von 1776 Millionen US Dollar – diese Zahl wurde gewählt, weil die USA in diesem Jahr ihr 250-jähriges Jubiläum feiern –, um Opfer des sogenannten „lawfare“ der demokratischen Vorgängerregierung Joe Bidens zu entschädigen. Begünstigt würden unter anderem Personen, die am 6. Januar 2021 das Kapitol erstürmten und dabei Personen- und Sachschäden anrichteten.

Sofern es dazu tatsächlich kommen sollte – selbst unter Republikanern gibt es Widerstände – wäre dies nur das i-Tüpfelchen der Zustandsbeschreibung der öffentlichen Bundesfinanzen sowie der Regierung, die dahintersteht: völlig außer Rand und Band.

Die USA haben eine überparteiliche Institution, das „Congressional Budget Office“ (CBO) in Washington DC, das regelmäßig Analysen zur Lage der Bundesfinanzen durchführt. Am 11. Februar 2026 veröffentlichte das CBO eine solche Analyse, welche auch die Auswirkungen des im letzten Jahr beschlossenen „One Big Beautiful Bill“ der Trump-Regierung beinhaltet. Das Steuersenkungsgesetz allein wird laut CBO die Bundesschulden in den nächsten zehn Jahren um rund 3,4 Billionen Dollar erhöhen.  

Die Veröffentlichung des CBO mit dem Titel “The Budget and Economic Outlook: 2026 to 2036” enthält auch Schaubilder zur längerfristigen Entwicklung der Bundesschulden, ausgedrückt als Anteil am BIP in Prozent, also als Schulden(-stands)quote. 

Quelle: https://www.cbo.gov/publication/62105 

Chronologie der Schulden-Schübe

Zur Zeit der Jahrhundertwende um 1900 waren der amerikanische Bundeshaushalt sowie die Schulden der Bundesregierung noch sehr klein. Der erste Schub auf rund 30 Prozent des BIP folgte mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Der Einfluss des Wirtschaftswachstums zeigt sich dann während der folgenden „Roaring Twenties“: solange der Nenner, das BIP, schneller wächst als der Zähler, das Haushaltsdefizit, sinkt die Schuldenquote. Und zu Friedenszeiten verfolgte die Bundesregierung damals das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts.

Der zweite Staatschulden-Schub kam mit der Weltwirtschaftskrise. Und zwar weniger aufgrund besonders hoher Defizite, sondern weil mit dem BIP der Nenner stark sank: während der Großen Depression schrumpfte das reale Bruttoinlandprodukt um rund 30 Prozent, das Preisniveau fiel um rund 25 Prozent. So war der zweite Anstieg der Schuldenquote vergleichbar groß wie der erste, obgleich die Kriegsdefizite viel höher waren.

Gleichzeitig stieg die US-Arbeitslosenquote auf rund 25 Prozent – nicht wegen unflexibler Löhne, sondern weil Deflation die Krise verstärkte. Rund ein Drittel der amerikanischen Banken gingen in diesem Zuge insolvent.

Der dritte große Anstieg der Staatsschuldenquote folgte schließlich mit dem Zweiten Weltkrieg.

Danach begann eine bemerkenswerte Entwicklung. In den Jahrzehnten nach Kriegsende sank die amerikanische Schuldenquote von über 100 Prozent des BIP auf rund 30 Prozent Anfang der 1980er Jahre. Anschließend kehrte sich der Trend um: Schritt für Schritt stieg die Quote wieder auf ein Niveau, das zuletzt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht worden war.

Das wirft eine interessante Frage auf. Zwar haben die Vereinigten Staaten in den vergangenen fünf Jahrzehnten mehrere Kriege geführt, doch keiner davon war wirtschaftlich oder militärisch auch nur annähernd mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Wie konnte die Staatsverschuldung unter diesen Bedingungen dennoch so stark anwachsen?

Um dieser Entwicklung nachzugehen, lohnt ein Blick auf zwei Zeitreihen der Datenbank der amerikanischen Notenbank (FRED). Die erste zeigt die Entwicklung der Schuldenquote, die zweite den Saldo des Bundeshaushalts, jeweils in Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Reihen reichen zwar nicht ganz so weit zurück wie die Daten des CBO, bieten aber einen entscheidenden Vorteil: Rezessionsphasen sind darin grau markiert. Dadurch lässt sich besonders gut erkennen, wie Konjunktureinbrüche, Fiskalpolitik und Staatsverschuldung zusammenwirken.

Quelle: FRED

Während der langen Phase sinkender Schuldenquoten zwischen 1945 und den frühen 1980er Jahren unterbrachen Rezessionen den Trend lediglich vorübergehend. Erst die Wirtschaftskrise nach dem ersten OPEC-Preisschock führte zu einem leichten Anstieg. Dieser blieb jedoch begrenzt, weil die hohe Inflation jener Jahre den Schuldenstand relativ zum BIP entwertete.

Ab 1980 beginnt dann eine neue Epoche. Um die Entwicklung besser einordnen zu können, habe ich die Zeitreihe nach den jeweiligen Präsidentschaften gegliedert. Der erste markante Anstieg der Schuldenquote fällt in die Ära Ronald Reagans. Unter Bill Clinton stabilisierte sich die Lage wieder; die Schuldenquote ging sogar zurück – eine in dieser Phase bemerkenswerte Ausnahme. Der nächste große Schub folgte unter George W. Bush und mündete schließlich in die Große Finanzkrise und die anschließende Große Rezession. Unter Barack Obama stabilisierte sich die Schuldenquote erneut auf hohem Niveau, bevor sie während der ersten Amtszeit Donald Trumps wieder zu steigen begann. Die Covid-19-Pandemie beschleunigte diese Entwicklung schließlich noch einmal erheblich.

Die Covid-19-Pandemie ließ die Schuldenquote zwar nochmals deutlich steigen, der Anstieg fiel jedoch überraschend moderat aus. Ein wichtiger Grund dafür war die hohe Inflation der Folgejahre, die das nominale BIP kräftig anwachsen ließ und damit den Nenner der Schuldenquote vergrößerte.

Hinzu kommt ein oft übersehener Zusammenhang: Je höher die bestehende Schuldenquote bereits ist, desto höher kann auch das laufende Haushaltsdefizit ausfallen, ohne dass die Schuldenquote weiter steigt. Rein mathematisch wächst die mit einer stabilen Schuldenquote vereinbare Defizitquote mit dem Niveau der Schuldenquote selbst. Deshalb beobachten wir am Ende der Biden-Präsidentschaft eine Stabilisierung der Schuldenquote auf hohem Niveau, obwohl die Haushaltsdefizite weiterhin beträchtlich blieben.

Bevor wir zum ersten Schaubild und damit zur zweiten Amtszeit Donald Trumps sowie den Projektionen des CBO für die kommenden drei Jahrzehnte zurückkehren, lohnt sich jedoch zunächst ein Blick auf die historische Entwicklung der Haushaltsdefizite. Denn erst sie zeigen, welche politischen Entscheidungen hinter den Bewegungen der Schuldenquote stehen.

Quelle: FRED

Hoovers „Liquidation“, Roosevelts halber Mut

Schaubild 3 zeigt, dass der Bundeshaushalt zu Beginn der Großen Depression nahezu ausgeglichen war. Die Regierung Herbert Hoovers hielt an den Prinzipien einer vermeintlich soliden Haushaltsführung fest, die damals unter dem Schlagwort „Sound Finance“ firmierten. Zwar versuchte Hoover, die Wirtschaft mit verschiedenen Maßnahmen zu stabilisieren, auf eine kreditfinanzierte Ausweitung der Staatsausgaben verzichtete er jedoch weitgehend.

In seinen Memoiren schilderte Hoover später die Ratschläge seines Finanzministers Andrew Mellon mit bemerkenswerter Offenheit: „Liquidate labor, liquidate stocks, liquidate the farmers, liquidate real estate ... Purge the rottenness out of the system.“ Die Krise sollte sich selbst bereinigen. Fallende Preise, Unternehmenszusammenbrüche und Massenarbeitslosigkeit galten als notwendiger Reinigungsprozess.

Mellon war zweifellos ein erfolgreicher Unternehmer und einer der reichsten Männer seiner Zeit. Als Krisenökonom erwies er sich jedoch als bemerkenswert fehlgeleitet. Die konsequente „Liquidation“ großer Teile der amerikanischen Wirtschaft führte nicht zur Erholung, sondern zu einer weiteren Verschärfung der Depression. Die Quittung folgte 1932 mit der politischen „Liquidation“ an der Wahlurne: Mit Franklin D. Roosevelt wurde Hoover nach nur einer Amtszeit abgewählt.

Franklin D. Roosevelt trat sein Amt mit dem Versprechen an, „bold, persistent experimentation“ zu wagen – mutige und beharrliche Experimente im Kampf gegen die Krise. John Maynard Keynes bestärkte ihn darin. In einem offenen Brief vom Dezember 1933 forderte er den Präsidenten auf, die traditionellen Fesseln der Finanzpolitik abzustreifen:

„In der Vergangenheit hat die orthodoxe Finanzlehre einen Krieg als die einzige legitime Rechtfertigung angesehen, Beschäftigung durch staatliche Ausgaben zu schaffen. Sie, Herr Präsident, haben sich von diesen Fesseln gelöst und sind nun frei, im Interesse von Frieden und Wohlstand jene Methoden anzuwenden, die bislang nur den Zwecken von Krieg und Zerstörung vorbehalten waren.“

Roosevelt ging zweifellos weiter als sein Vorgänger Hoover. Der New Deal schuf neue Institutionen, stärkte den Sozialstaat und leitete eine wirtschaftliche Erholung ein. Dennoch blieb seine Finanzpolitik gemessen an der Tiefe der Krise bemerkenswert vorsichtig. Wie Schaubild 3 zeigt, erreichten die Haushaltsdefizite selbst auf dem Höhepunkt des New Deal kaum mehr als fünf Prozent des BIP.

Quelle: FRED

Wie Schaubild 4 zeigt, musste die amerikanische Wirtschaft bis zum Zweiten Weltkrieg auf die Rückkehr zur Vollbeschäftigung warten. In sieben Friedensjahren war die Arbeitslosenquote lediglich von 25 auf 15 Prozent gesunken. Das Leiden von Millionen Haushalten wurde dadurch unnötig verlängert. Keynes kommentierte diese Entwicklung 1940 mit bitterem Sarkasmus:

„It seems politically impossible for a capitalistic democracy to organize expenditures on the scale necessary to make the grand experiment which would prove my case – except in war conditions.“

Es schien also politisch unmöglich, in Friedenszeiten jene Staatsausgaben zu organisieren, die notwendig gewesen wären, um die Wirtschaft wieder auf Vollbeschäftigungskurs zu bringen. Erst der Krieg machte möglich, was die Politik zuvor verweigert hatte.

Kehren wir nun zu Schaubild 3 zurück. Bis etwa 1980 dominieren dort vergleichsweise moderate Haushaltsdefizite. In Verbindung mit kräftigem nominalem Wirtschaftswachstum – also realem Wachstum plus Inflation – führte dies zu einem langfristigen Rückgang der Schuldenquote.

Reagan und die Laffer-Kurve

Anfang der 1980er Jahre änderte sich das Bild grundlegend. Ronald Reagan erhöhte die Verteidigungsausgaben massiv und setzte zugleich die erste von insgesamt drei großen republikanischen Steuersenkungsrunden in Gang. Um diesen Kurswechsel mit dem traditionellen Bekenntnis zu soliden Staatsfinanzen vereinbar erscheinen zu lassen, griff die Republikanische Partei auf eine Theorie zurück, die sich später als außerordentlich politisch nützlich erweisen sollte: die sogenannte Laffer-Kurve.

Ihr Urheber, der Chicago-Ökonom Arthur Laffer, soll die Grundidee einst auf einer Serviette skizziert haben. Die Überlegung ist zunächst trivial. Bei einem Steuersatz von null Prozent erzielt der Staat keine Einnahmen. Bei einem Steuersatz von 100 Prozent ebenfalls nicht, weil dann niemand mehr einen Anreiz hätte, steuerpflichtiges Einkommen zu erzielen. Dazwischen muss es folglich einen Steuersatz geben, bei dem die Staatseinnahmen maximiert werden.

Bis hierhin ist die Argumentation logisch. Ideologisch wird sie erst an der entscheidenden Stelle: Man unterstellt schlicht, dass sich die amerikanische Wirtschaft stets auf dem „falschen“, also dem rechten Ast der Kurve befindet. Dann würden Steuersenkungen nicht zu geringeren, sondern zu höheren Staatseinnahmen führen. Aus dieser Behauptung entstand einer der langlebigsten Glaubenssätze der modernen amerikanischen Wirtschaftspolitik: Steuersenkungen finanzieren sich selbst. Oder, wie es in Washington seit Reagan heißt: tax cuts pay for themselves.

Reagan ist dabei nicht deshalb zu kritisieren, weil er in einer Rezession eine expansive Fiskalpolitik betrieb. Zu Beginn seiner Präsidentschaft litt die amerikanische Wirtschaft unter den Folgen des sogenannten Volcker-Schocks. Die Notenbank hatte die Zinsen zur Inflationsbekämpfung auf historische Höchststände angehoben und damit eine schwere Doppelrezession ausgelöst. Unter diesen Umständen waren höhere Staatsdefizite durchaus angebracht.

Bemerkenswert war vielmehr die ideologische Verpackung dieser Politik. Was unter einem demokratischen Präsidenten als unverantwortlicher Keynesianismus gegolten hätte, wurde unter Reagan als angebotsorientierte Revolution gefeiert. Die Steuersenkungen sollten sich angeblich selbst finanzieren, weil sie Wachstum, Investitionen und damit die Steuereinnahmen so stark erhöhen würden, dass die ursprünglichen Einnahmeverluste vollständig kompensiert würden.

Genau das geschah nicht. Das Ergebnis des ersten großen Laffer-Experiments waren hohe Haushaltsdefizite und eine deutlich steigende Schuldenquote. Die versprochene wundersame Selbstfinanzierung blieb aus.

Überschüsse unter Clinton und die Dotcom-Blase

In den späten 1990er Jahren folgte dann eine Entwicklung, die in der gesamten Nachkriegsgeschichte eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Unter Bill Clinton erzielte der Bund mehrere Jahre in Folge Haushaltsüberschüsse (Schaubild 3), während die Schuldenquote deutlich zurückging (Schaubild 2).

Ich erinnere mich noch gut an meine Ankunft am Levy Economics Institute im September 2000. Damals schien die wirtschaftspolitische Debatte in den Vereinigten Staaten von einer einzigen Frage beherrscht zu werden: Was würde geschehen, wenn die amerikanischen Staatsschulden tatsächlich verschwänden? Viele Beobachter hielten es für realistisch, dass der Bund seine Schulden innerhalb weniger Jahre vollständig tilgen könnte. Dies schien für viele Zeitgenossen wie ein Traum zu sein.

Nur einer träumte damals nicht mit: Wynne Godley. Godley war mein Lehrer für Makroökonomik in Cambridge gewesen. Inzwischen war er emeritiert und arbeitete am Levy Economics Institute, wohin er mir später selbst den Weg ebnete. Ein Jahr zuvor hatte er seinen Aufsatz Seven Unsustainable Processes veröffentlicht und arbeitete intensiv an jener „Financial Balances“-Analyse und den sogenannten Stock-Flow-Consistent Models, die bis heute das Fundament der wirtschaftspolitischen Analysen des Levy Institute bilden.

Für Godley war die Situation erstaunlich klar. Die Haushaltsüberschüsse des Staates waren kein Zeichen ökonomischer Wunderkräfte, sondern das Spiegelbild wachsender Verschuldung in anderen Sektoren der Volkswirtschaft. Wenn der Staat spart, muss sich zwangsläufig jemand anders verschulden. Ende der 1990er Jahre war es vor allem der amerikanische Unternehmenssektor, der seine Schulden immer weiter ausweitete. Die Börsen euphorisierten sich an der vermeintlich grenzenlosen Zukunft des Internets, und die Verschuldung wuchs im Takt des Dotcom-Booms.

Godley hielt diese Entwicklung für nicht nachhaltig. Wenige Monate später sollte sich zeigen, wie recht er hatte. Anfang 2000 platzte die Dotcom-Blase. Die amerikanische Wirtschaft rutschte in eine Rezession, und die Hoffnung auf dauerhaft sprudelnde Steuereinnahmen verflog ebenso schnell wie die Fantasien der New Economy.

Im Schatten der Terroranschläge vom 11. September 2001 schlug die Regierung George W. Bush dann einen Kurs ein, der die finanzpolitische Wende der Reagan-Jahre fortsetzte. Sie finanzierte nicht nur kostspielige Militäreinsätze in Afghanistan und später im Irak, sondern verabschiedete zugleich eine weitere große Steuersenkung.

Gegen eine expansive Fiskalpolitik in einer konjunkturellen Schwächephase wäre grundsätzlich wenig einzuwenden gewesen. Doch erneut wurde dieselbe Geschichte erzählt wie schon unter Reagan. Die Steuersenkungen würden sich angeblich selbst finanzieren. Erneut berief man sich auf die Laffer-Kurve, erneut wurde versprochen, dass höhere Wachstumsraten die Einnahmeverluste mehr als ausgleichen würden.

Das Ergebnis war dasselbe wie in den 1980er Jahren. Die versprochene Selbstfinanzierung blieb aus. Von den Steuersenkungen profitierten überproportional die oberen Einkommensgruppen, während die Haushaltsdefizite wieder deutlich zunahmen und die Schuldenquote ihren nächsten Aufwärtsschub erhielt.

Die Ära der „Subprime Mortgages“ und der US-Immobilienblase

Zunächst aber blieben die Haushaltsdefizite und die Staatsschulden erstaunlich moderat. Der Grund war derselbe Mechanismus, den Wynne Godley bereits für die späten 1990er Jahre beschrieben hatte: Wieder sprang ein anderer Sektor ein und verschuldete sich anstelle des Staates. Diesmal waren es die privaten Haushalte. Getrieben von immer lockereren Kreditstandards und stetig steigenden Immobilienpreisen türmten sie Schulden in historischem Ausmaß auf. Es war die Ära der „Subprime Mortgages“ und der amerikanischen Immobilienblase.

Die Rechnung wurde erst später präsentiert. Als die Blase platzte, folgten die Große Finanzkrise und die Große Rezession. Das reale Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um rund drei Prozent. Im Vergleich zur Großen Depression, als die Wirtschaftsleistung um etwa 30 Prozent eingebrochen war, erscheint das moderat. Doch die Krise erschütterte das Finanzsystem bis ins Mark und zwang den Staat erneut dazu, als Schuldner letzter Instanz einzuspringen.

Entsprechend schnell stieg das Haushaltsdefizit an. Es erreichte zeitweise rund zehn Prozent des BIP und lag damit etwa doppelt so hoch wie die Defizite während der Roosevelt-Jahre in den 1930er Jahren (Schaubild 3). Dieser Anstieg spiegelte einerseits das Wirken der automatischen Stabilisatoren wider: Steuereinnahmen brachen ein, während die Ausgaben für Arbeitslosigkeit und soziale Sicherungssysteme stiegen. Andererseits war er das Ergebnis aktiver Krisenpolitik, insbesondere des Konjunkturprogramms der Obama-Regierung im Umfang von 787 Milliarden Dollar.

Rückblickend spricht vieles dafür, dass dieses Paket zu klein ausfiel. Der Council of Economic Advisers hatte ursprünglich ein deutlich umfangreicheres Programm von rund 1,8 Billionen Dollar empfohlen. Durchsetzen konnte sich jedoch Finanzminister Larry Summers, der vor den politischen Widerständen gegen ein größeres Paket warnte.

Noch folgenreicher war allerdings, was danach geschah. Nach den Kongresswahlen von 2010 gewannen die Republikaner die Kontrolle über das Repräsentantenhaus und machten die Rückkehr zu vermeintlich soliden Staatsfinanzen zu ihrem zentralen politischen Projekt. Die Folge war eine Phase vorzeitiger fiskalischer Konsolidierung. Während die Privatwirtschaft noch immer mit den Folgen der Krise kämpfte, trat der Staat auf die Bremse.

Das Resultat war eine außergewöhnlich schleppende Erholung. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wurde Langzeitarbeitslosigkeit zu einem Massenphänomen in den Vereinigten Staaten. Die sozialen Folgen waren gravierend und fielen aufgrund des vergleichsweise schwach ausgebauten amerikanischen Sozialstaats deutlich härter aus als in vielen europäischen Ländern.

In diesen Jahren vertieften sich jene wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bruchlinien, die das Land bis heute prägen. Das Gefühl vieler Amerikaner, vom wirtschaftlichen Fortschritt ausgeschlossen zu sein, traf auf eine politische Elite, die über Haushaltsdisziplin stritt, während große Teile der Bevölkerung noch immer unter den Nachwirkungen der Krise litten. Aus dieser Gemengelage erwuchs die Polarisierung, die schließlich den politischen Aufstieg Donald Trumps und seinen Wahlsieg im Jahr 2016 ermöglichte.

Trump, Biden, Trump – und die Pandemie

Als Donald Trump im Januar 2017 erstmals das Präsidentenamt übernahm, fand er eine Volkswirtschaft vor, die nach sieben Jahren schleppender Erholung endlich wieder nahezu Vollbeschäftigung bei weitgehender Preisstabilität erreicht hatte. In einer solchen Phase des Konjunkturzyklus würde man normalerweise sinkende Haushaltsdefizite und eine weiter rückläufige Schuldenquote erwarten. Barack Obama hatte die Schuldenquote zumindest stabilisiert. Doch es kam anders. Die dritte große republikanische Steuersenkung wurde beschlossen, erneut unter Berufung auf die Idee Arthur Laffers, wonach sich Steuersenkungen letztlich selbst finanzieren würden. Trump verlieh Laffer 2019 sogar die „Presidential Medal of Freedom“. Das versprochene Wunder blieb allerdings auch diesmal aus: Defizitquote und Schuldenquote nahmen ihren Aufwärtstrend wieder auf.

Dann kam die Pandemie. Trotz extremer politischer Polarisierung reagierte die amerikanische Politik überraschend schnell und entschlossen mit mehreren umfangreichen Fiskalpaketen. Den Anfang machte noch die Trump-Regierung, Joe Biden setzte den Kurs anschließend fort. Die Defizitquote erreichte zeitweise 15 Prozent des BIP. Bemerkenswert war dabei, dass Biden – anders als seine demokratischen Vorgänger Bill Clinton und Barack Obama – keinen ernsthaften Versuch unternahm, den Bundeshaushalt rasch zu konsolidieren. Mit demokratischen Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses konzentrierte er sich darauf, sein wirtschaftspolitisches Programm umzusetzen.

Der Erfolg war unübersehbar. Anders als nach der Großen Depression und der Großen Rezession kehrte die amerikanische Wirtschaft innerhalb kurzer Zeit zur Vollbeschäftigung zurück. Bidens politisches Schicksal bestand allerdings darin, dass die Inflation gleichzeitig deutlich anzog. Bis heute wird darüber gestritten, ob die Konjunkturprogramme insgesamt zu groß dimensioniert waren. Unbestritten ist hingegen, dass auch eine Reihe von Angebotsschocks erheblichen Anteil an der Inflationsentwicklung hatte.

Festzuhalten bleibt: Als Donald Trump im Januar 2025 seine zweite Amtszeit antrat, erbte er erneut eine Volkswirtschaft mit nahezu Vollbeschäftigung. Gleichzeitig deutete die Inflationsentwicklung darauf hin, dass die angestrebte Zwei-Prozent-Marke in absehbarer Zeit wieder erreicht werden könnte.

Doch dann änderte sich die Lage erneut. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der neuen Trump-Regierung und die aktuellen Projektionen des CBO für die kommenden drei Jahrzehnte zeichnen heute ein Bild, das wesentlich zur Nervosität an den internationalen Bondmärkten beiträgt. Darum geht es im zweiten Teil dieser Analyse der amerikanischen Finanzpolitik außer Rand und Band.