Das Ende der Massenarbeitslosigkeit
Jahrzehntelang prägte die Angst vor Arbeitslosigkeit die Wirtschaftspolitik. Der Soziologe Florian Butollo prognostiziert trotz KI nun das Gegenteil: Nicht Kapital, sondern Arbeit wird zum knappen Gut.
Das Ende des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit wurde in den siebziger Jahren durch eine Serie von Gegenschlägen eingeleitet. Alles begann mit dem Ende des Bretton-Woods Systems. Danach löste die Ölkrise einen kräftigen Kosten- und Inflationsschub aus. Und 1979 erhöhte die Fed mit dem sogenannten Volckerschock die Zinsen schlagartig auf über 20 Prozent (nominal), gefolgt durch eine weltweite Rezession, die die Arbeitslosigkeit kräftig nach oben trieb. In den Niederlanden kam noch die Dutch Disease hinzu: ein schwerer Sanierungsdruck in export- und importempfindlichen Sektoren durch einen überhöhten Wechselkurs des Guldens.
Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg kann als Teil einer expansiven langen Kondratieff-Welle interpretiert werden, die in den 1970er Jahren auslief. Oder anders gesagt: Der auslaufende Kondratieff-Boom könnte die Halbierung des Produktivitätswachstums Anfang der siebziger Jahre erklären.
Die Zusammenkunft all dieser Gegenschläge innerhalb eines Jahrzehnts sorgte nicht nur für sehr hohe Arbeitslosigkeit, sondern auch für allgemeine Ratlosigkeit bei den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie. Diese wurde noch verstärkt durch den Eindruck, dass der Keynesianismus als dominante Doktrin kein Rezept gegen den Zusammenlauf von hoher Arbeitslosigkeit plus Inflation hatte. Dieses unter dem Begriff der Stagflation bekannte Phänomen wurde zur Sternstunde für die Herren (keine Damen) der Mont Pellerin Society, die sich selbst als 'neoliberal' bzw. als 'Angebotstheoretiker' affichierten. Sie hatten ihre beste Zeit ab den frühen achtziger Jahren bis zur Finanzkrise 2007/08.
Seither rühren sich zunehmend akademische Gegenbewegungen. Florian Butello, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt, ist mit seinem 2006 im Suhrkamp-Verlag erschienen Buch Das knappe Gut Arbeit Teil dieser Gegenbewegungen – denn es markiert eine wichtige Frontlinie der Debatte: die Zeit der Massenarbeitslosigkeit ist vorbei.
In ihrer Hochphase profitierten die Angebotstheoretiker von hartnäckig hohen Arbeitslosenquoten. Die Angst vor der Massenarbeitslosigkeit saß tief und zwang alles, was noch links und irgendwie progressiv war, in die Defensive. Der niederländische Sozialminister Ad Melkert rief in den 90er Jahren: „Wir haben nur noch drei politische Prioritäten: Arbeit, Arbeit und nochmals: Arbeit!“. Alles was dazu beitrug, die Arbeitslosigkeit zu senken, war willkommen – wie problematisch es für die Umwelt, die Einkommens- und Vermögensverteilung, die soziale Kohäsion oder die Steuermoral auch gewesen sein mag.
Doch das schwere Marktversagen im Finanzsektor 2007/8 brachte die Herren von der Mont Pellerin Society nicht nur ideologisch in die Defensive. Sie verloren auch ihre Trumpfkarte: die Massenarbeitslosigkeit. Obwohl das Wirtschaftswachstum nach der Jahrhundertwende nicht eindrucksvoll war, sank die Arbeitslosigkeit kontinuierlich. Eine Erklärung hierfür ist das sinkende Produktivitätswachstum, das nicht zuletzt durch eine Politik der Lohnzurückhaltung und Strukturreformen des Arbeitsmarktes verursacht wurde.
Leider erhält dieser Aspekt wenig Aufmerksamkeit bei Butollo, obwohl es seine Argumentation in diversen Kapiteln hätte stützen können. Eigentlich ist es einfach: Bei einer gegebenen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bestimmt das Wachstum der Arbeitsproduktivität (= BIP pro Arbeitsstunde), wieviel Arbeitsstunden nötig sind. Kurz nach der Jahrhundertwende sinken die Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität in wichtigen OECD-Ländern und liegen viele Jahren etwas unter den Wachstumsraten des BIP. Das führt zu wachsender Nachfrage nach Arbeit – trotz des bescheidenen Wirtschaftswachstums.
Hier können übrigens auch postkeynesianische Ökonomen etwas lernen: es ist nicht das Wirtschaftswachstum, sondern die Wechselbeziehung von Wirtschaftswachstum und Wachstum der Arbeitsproduktivität die entscheidend ist für den Arbeitsmarkt. Wollen die Postkeynesianer in dieser Diskussion relevant bleiben, dann müssen sie an einer Theorie des Produktivitätswachstums arbeiten.
Genau hier leistet Butollos Buch einen wertvollen Beitrag mit interessanten und zum Teil eigens erstellten Fallstudien. Sein Kernargument: Bei den Versuchen, mit Automatisierung Arbeit einzusparen, manifestieren sich immer wieder 'Rebound-Effekte'. So schaffe etwa die Kostensenkung durch Automatisierungsprozesse mehr Spielräume für Preissenkungen. Die Folge: extra Absatz, damit mehr Produktion und Arbeit. Zudem ist für die Automatisierung selbst auch wieder zusätzliche Arbeit nötig – etwa für Verbauungen, Schulungen, Wartungs- und Reparaturdienste.
Doch auch der Mehreinsatz von Teilzeitkräften verursacht 'Rebound'-Effekte: Um mehr Stunden arbeiten zu können, haben viele zusätzliche Hilfe nötig im Haushalt, für hilfsbedürftige Mitmenschen oder Kinderbetreuung. Ähnliches gilt für Migration. Migranten können zwar zu zusätzlichen Arbeitsstunden beitragen. Sie konsumieren allerdings auch ihr Gehalt und dies erfordert weitere Produktion und Arbeit. Auch die Migration kann also nicht verhindern, dass der Arbeitskräftemangel durch die demografische Entwicklung verschärft wird.
Zumal die Strukturreformen des Arbeitsmarktes das Wachstum von Niedriglohnsektoren mit niedriger Produktivität und geringen technologischen Möglichkeiten begünstigt haben. In diesen Sektoren grassiert William Baumols Cost Disease. Ein Extrembeispiel für die Kostenkrankheit ist der Kunst- und Kultursektor: Bei einer Aufführung der Beethovensymphonie sind seit Beethovens Lebzeiten kaum Produktivitätsfortschritte erzielt worden. Darum sind Konzertkarten so teuer. Andere, weniger extreme Beispiele für die Cost Disease sind Hotels, Restaurants und Cafés, Pflegeberufe oder allerlei persönliche Dienstleistungen. In diesen Sektoren gibt es wenig Produktivitätswachstum und (dadurch) viele Arbeitsplätze. Das lässt diese Dienstleistungen relativ teuer werden im Vergleich zur Produktion in dynamischeren Sektoren.
Vieles was Butollo in seinen Fallstudien entdeckt, wird übrigens durch die neo-schumpeterianische Literatur (indirekt) bestätigt. Butollo beschreibt implizit das Prinzip, dass in jeder neuen, dynamischen Industrie nach einer progressiven Periode irgendwann die abnehmenden Mehrerträge zuschlagen. Autoren wie Gilbert Cette et al. (2015) haben gezeigt, dass – nach einer goldenen Periode von 1995-2004 – der Beitrag der IT für das aggregierte Produktivitätswachstum in wichtigen OECD-Ländern stark abnimmt.
Ein anderes Beispiel ist Robert J. Gordons (2016) Beschreibung des relativen Niedergangs von Sillicon Valley. Die IT-Industrie ist zweifellos noch immer die dynamischste Industrie der USA. Allerdings hat sie – anders als in der goldenen Periode – nicht mehr die Kraft, um das aggregierte amerikanische Produktivitätswachstum auf ein nach historischen Standards hohes Niveau zu bringen. Ob die KI hier Veränderung bringen kann, bleibt abzuwarten. Es ist durchaus möglich, dass KI-Investoren abnehmende Mehrerträge der Chiptechnologie unterschätzen.
Vieles, vor allem das anhaltend niedrige Produktivitätswachstum, spricht dafür, dass Butollo recht hat und wir eine Periode wachsenden Arbeitskräftemangels vor uns haben. Und das hat Konsequenzen. So wird sich früher oder später das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit verändern. Butollo zeigt, wo es jetzt schon gelingt, für Menschen im Niedriglohnsektor bessere Löhne und/oder Arbeitsverhältnisse durchzusetzen. Auch neue Debattenräume über die Art des Wirtschaftswachstums entstehen. Die Umweltbewegung kann jetzt zum Beispiel leichter den Bau eines neuen Flughafens verhindern. In den Zeiten der Massenarbeitslosigkeit hätte das Argument von tausenden neuen Arbeitsplätzen im Flughafen viel mehr Gewicht gehabt.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Neoliberalen mit der Deregulierung der Arbeitsmärkte, Sozialabbau und Lohndruck selbst erst eine regelrechte Innovations- und Produktivitätskrise geschaffen haben. Das niedrige Produktivitätswachstum sorgt für arbeitsintensives Wachstum – und das verändert wiederum die Kräfteverhältnisse und das politische Klima.
Letztendlich führt kein Weg daran vorbei, dass die Wirtschaft nur auf zwei Arten wachsen kann: entweder mit mehr Arbeitsstunden oder mit produktiveren Arbeitsstunden. Mit sehr niedrigen Wachstumsraten der Produktivität seit Anfang der 2000er Jahre bleibt nur der Einsatz von mehr Arbeit. Aber Buttollo zeigt überzeugend: Das arbeitsintensive Wirtschaftswachstum hat auch seine Grenzen. Selbst die Versuche, dem knappen Gut Arbeit mit Digitalisierung und Automatisierung beizukommen, helfen wenig. Auch hier sorgen abnehmenden Mehrerträge für 'Rebound'-Effekte.
Wie also mit den sehr eingeschränkten Möglichkeiten, überhaupt noch Wirtschaftswachstum zu generieren, umgehen? Butollo fordert dazu auf, noch einmal gut nachzudenken, wie wir mit Arbeit als knappes Gut umgehen wollen. Letztlich geht es um die Frage: Welche Art von Wirtschaftswachstum und Wohlfahrt wollen wir eigentlich?
Florian Butollo: Das knappe Gut Arbeit, Berlin: Edition Suhrkamp 2026