Makroskop
Kommentar

Baerbock: Arroganz ersetzt keine Diplomatie

| 09. Juni 2026
IMAGO / photothek

Das Scheitern bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat ist mehr als eine diplomatische Schlappe. Es ist ein Indikator dafür, wie Deutschland in der Welt inzwischen wahrgenommen wird.

Vor gut einem Jahr sicherte sich Annalena Baerbock mit einem umstrittenen politischen Manöver die Präsidentschaft der UN-Generalversammlung. Die erfahrene Diplomatin Helga Schmid, ursprünglich für das Amt im Gespräch und international hoch angesehen, wurde nicht nominiert. Schon damals stellte sich die Frage, welches Signal von diesem Vorgang ausgeht. Heute, nach Deutschlands Niederlage bei der Wahl zum UN-Sicherheitsrat, stellt sich diese Frage umso dringlicher.

Manchmal sagen Niederlagen mehr über ein Land aus als Erfolge. Das Scheitern Deutschlands bei der Wahl zum Sicherheitsrat ist mehr als eine diplomatische Schlappe. Es ist ein Indikator dafür, wie Deutschland in der Welt inzwischen wahrgenommen wird.

Außenminister Johann Wadephul erklärte die Niederlage unter anderen durch mögliche Gegenmobilisierung und mit Deutschlands außenpolitischen Positionen im Nahostkonflikt. Die Bundesregierung habe für ihre Haltung einen diplomatischen Preis bezahlt, lautete die Botschaft. Damit sollte wohl der Eindruck entstehen, Deutschland sei gewissermaßen Opfer seiner moralischen Konsequenz geworden. Doch das scheint allenfalls die halbe Wahrheit zu sein.

Denn es gibt Hinweise darauf, dass nicht nur politische Positionen, sondern auch der diplomatische Stil der vergangenen Jahre zu Deutschlands schwacher Unterstützung beigetragen haben könnte. Besonders deutliche Worte fand nach Medienberichten der ehemalige Präsident Botswanas, Mokgweetsi Masisi. Am Rande eines Treffens afrikanischer Spitzenpolitiker soll er Baerbock ungewöhnlich scharf kritisiert haben. Sie hätte sich besser auf ihre Arbeit als deutsche Außenministerin konzentrieren sollen, statt Nigerianern vorzuschreiben, wo sie ihre Toiletten bauen sollten, oder Afrikanern zu erklären, wie sie mit Elefanten umzugehen hätten. Masisi soll dabei von einem „herablassenden und respektlosen Verhalten“ Deutschlands gesprochen haben.

Solche Stimmen sollte man ernst nehmen. Denn sie stammen, sofern sie in den Medien korrekt wiedergegeben wurde, nicht von einem politischen Gegner in Berlin, sondern von einem ehemaligen Staatsoberhaupt eines Kontinents, dessen Stimmen Deutschland dringend benötigte. Seine Worte verweisen auf ein Problem, das bereits die deutsche Außenpolitik unter Baerbock immer wieder begleitet hat: die Neigung, moralische Überlegenheit mit diplomatischer Überzeugungskraft zu verwechseln.

Annalena Baerbock hat ihre Amtszeit als Außenministerin mit dem Anspruch verbunden, eine wertegeleitete Außenpolitik zu vertreten. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Außenpolitik braucht Werte. Aber es stellte sich schon damals die Frage, wessen Werte das sein sollten. Zudem ersetzen Werte kein diplomatisches Geschick. Und vor allem ersetzen sie nicht die Fähigkeit, auch die eigenen Positionen zu hinterfragen.

Genau daran scheint es nun wieder gefehlt zu haben. Wer Baerbocks öffentliche Auftritte über Jahre verfolgt hat, konnte häufig den Eindruck gewinnen, dass sie Diplomatie mit moralischer Unterweisung verwechselt. Kaum eine Gelegenheit wurde ausgelassen, anderen Staaten Lektionen über Werte, Verantwortung und die richtige Haltung zu erteilen. Der Ton war oft der einer Lehrerin, nicht der einer Diplomatin.

Besonders problematisch ist eine solche Haltung gegenüber Ländern des Globalen Südens. Dort erwartet man keine Vorträge und Belehrungen, sondern Respekt und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wer anderen ständig erklärt, was sie zu tun und zu lassen haben, darf sich nicht wundern, wenn dies als Überheblichkeit wahrgenommen wird. Viele Staaten wollen Partner sein, keine Schüler.

Die Psychologie nennt das Overconfidence – die Tendenz, die eigene Urteilskraft zu überschätzen und Kritik vor allem bei den anderen zu verorten. Wer von der moralischen Richtigkeit der eigenen Position überzeugt ist, unterschätzt leicht, wie der eigene Ton auf andere wirkt. Ablehnung wird dann nicht als Anlass zur Selbstreflexion verstanden, sondern als Beleg dafür, dass die anderen falsch liegen oder es noch nicht verstanden haben. Aus Überzeugung wird Selbstgewissheit, aus Selbstgewissheit dann Belehrung.

Auf der anderen Seite kommt dann ein weiterer Mechanismus hinzu, den die Psychologie als Reaktanz bezeichnet. Menschen reagieren oft mit Widerstand, wenn sie den Eindruck haben, bevormundet zu werden. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Staaten. Wer anderen ständig erklärt, was sie zu tun haben, provoziert leicht genau die Ablehnung, die er eigentlich überwinden möchte. Selbst gut gemeinte Botschaften verlieren ihre Wirkung, wenn sie als Ausdruck vermeintlicher Überlegenheit wahrgenommen werden. Wahrscheinlich hat auch das beim Wahlverhalten gegen Deutschland in der UN eine Rolle gespielt.

Wer ständig erklärt, warum er recht hat, aber immer seltener erlebt, dass andere zustimmen, sollte also ernsthaft über sich selbst und den eigenen Stil nachdenken. Deutschlands Niederlage im Sicherheitsrat ist deshalb mehr als ein verlorener Wahlgang. Sie ist eine Erinnerung daran, dass man Partner nicht gewinnt, indem man sie belehrt, sondern indem man sie respektiert. Vielleicht liegt hierin die eigentliche Lehre nicht nur dieser Wahlschlappe: Die Welt wartet nicht auf deutsche Erzieher*innen.