Makroskop
Krach in der Redaktion

Das BIP ist kein guter Indikator für die Wirtschaftspolitik

| 07. Mai 2026

Seit Jahrzehnten dominiert ein wachsendes Bruttoinlandsprodukt die wirtschaftspolitische Zielvorstellung. Doch macht das unser aller Leben wirklich besser? Und was wäre die Alternative? 

In der MAKROSKOP-Redaktion gibt es bei verschiedenen Themen unterschiedliche Meinungen. In diesem Format tragen wir die Debatten öffentlich aus. Möge das bessere Argument gewinnen!

„Ein starkes BIP ist der Motor unserer Gesellschaft“, „Wirtschaftswachstum ist der Weg zu mehr Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit“, „eine steigende Flut hebt alle Boote“? In der allgemeinen wirtschaftspolitischen Debatte erfährt das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts oft eine regelrechte Überhöhung als zentraler wirtschaftspolitischer Indikator. Ein steigendes BIP sichere den Wohlstand für alle, heißt es.

Diese und ähnliche Perspektiven prägen schon viele Jahrzehnte maßgeblich den Diskurs. Nach dem zweiten Weltkrieg beschlossen die herrschenden Industrienationen erstmals internationale Standards für volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Seither ist das BIP weltweit und auch in Deutschland die wichtigste Kennzahl zur Messung wirtschaftlicher Aktivität, Grundlage internationaler Vergleiche und eine der zentralen Steuerungsgrößen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Klar ist, Wachstum stabilisiert die Wirtschaft und erweitert die Verteilungsspielräume in der Gesellschaft. Wächst der Kuchen, können neue Stücke unter allen aufgeteilt werden, ohne einen Streit darüber zu führen, ob der bisher bestehende Bestand wirklich fair aufgeteilt ist. Ob die neuen Stücke „gerecht“ verteilt werden, ist die nächste Frage. Die Vergangenheit lässt starke Zweifel entstehen.

So oder so und ganz allgemein: Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die Summe der wirtschaftlichen Produktion einer Volkswirtschaft. Macht ein steigender Wert dieser Kennzahl unser aller Leben wirklich besser? Denn das ist es doch, was am Ende zählt. Sollten wir unsere Wirtschaftspolitik weiterhin so zentral am Wachstum des BIPs ausrichten?

Hohe Produktion gleich gutes Leben?

Im Jahr 2021 traf eine verheerende Flut das Ahrtal in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz: 180 Menschen verloren ihr Leben, tausende Gebäude und Brücken wurden zerstört, und unzählige Haushalte sowie Unternehmen büßten einen Großteil ihres Eigentums ein. Die ökonomischen Schäden waren enorm – zumindest kurzfristig.

Doch Zerstörung zieht Wiederaufbau nach sich. Was verloren ging, wird ersetzt, repariert, neu errichtet. Für viele Unternehmen bedeutet das zusätzliche Aufträge und steigende Umsätze. In den Jahren nach der Katastrophe zeigte sich in der Region ein deutlich überdurchschnittliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts – ein Effekt, der maßgeblich auf die Rekonstruktionsmaßnahmen zurückgeführt wird.

Das verweist auf ein grundlegendes Problem: Das Bruttoinlandsprodukt erfasst jede Form wirtschaftlicher Aktivität, ohne zwischen ihrem gesellschaftlichen Nutzen zu unterscheiden. Es wächst durch den Verkauf von Fast Food ebenso wie durch die Behandlung der daraus resultierenden Krankheiten. Es steigt bei Umweltzerstörung, bei der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und selbst dann, wenn Menschen durch Umsiedlungen oder Enteignungen ihre Lebensgrundlage verlieren.

Hinzu kommt, dass das BIP ausschließlich bezahlte Arbeit berücksichtigt. Ein erheblicher Teil gesellschaftlich notwendiger Tätigkeiten bleibt unsichtbar: Hausarbeit, Pflege, Kinderbetreuung und ehrenamtliches Engagement. Diese Formen der Arbeit sind zentral für das Funktionieren der Wirtschaft, werden jedoch weder entlohnt noch angemessen anerkannt. Besonders deutlich wird dabei eine strukturelle Schieflage: Der Großteil dieser unbezahlten Arbeit wird von Frauen geleistet.

Auch über die Verteilung des erwirtschafteten Wohlstands sagt das Bruttoinlandsprodukt nichts aus. Das BIP kann steigen, während große Teile der Bevölkerung kaum davon profitieren. Ungleichheit bleibt unsichtbar – ja, sie kann sogar mit wachsender Wirtschaftsleistung einhergehen. Solange Nachfrage vorhanden ist, kann selbst ein auf Ausbeutung beruhendes Produktionsmodell zu steigenden Kennzahlen führen.

Ein weiterer blinder Fleck spiegelt sich in der Finanzialisierung der Wirtschaft. Finanzmärkte gewinnen an Gewicht, während sich produktive Unternehmen zunehmend an kurzfristigen Renditezielen orientieren. Gewinne entstehen verstärkt durch Finanzgeschäfte statt durch produktive Investitionen. Der Finanzsektor kann das BIP erhöhen, ohne die realen Lebensbedingungen zu verbessern. Gleichzeitig verschärft diese Entwicklung häufig Ungleichheiten und erhöht die Anfälligkeit für Krisen.

Gibt es eine Alternative zum BIP?

Wenn Katastrophen, Zerstörung und Ausbeutung das BIP steigern, stellen sich Fragen: Ist das wirklich gut für uns und verbessert das unser Leben? Ist das Bruttoinlandsprodukt ein geeigneter Orientierungsindikator für unseren Lebensstandard? Und wenn nicht, was folgt daraus?

In der „Beyond GDP“-Literatur wurden in der Vergangenheit verschiedenste Ansätze diskutiert. Ein Konzept, das in jüngster Vergangenheit mehr Aufmerksamkeit erfahren durfte, ist die Doughnut-Ökonomie der Ökonomin Kate Raworth. Grundsätzlich beschreibt dies einen Handlungsraum zwischen zwei Grenzen: einem sozialen Fundament und einer ökologischen Decke. Ziel ist nicht maximales Wachstum, sondern ein Gleichgewicht – ein „sicherer und gerechter Raum“ für wirtschaftliches Handeln.

Das soziale Fundament umfasst dabei Mindeststandards, die für ein gutes Leben notwendig sind. Dazu zählen unter anderem Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung und Bildung, aber auch Aspekte wie Wohnen, soziale Gleichheit, politische Teilhabe oder Geschlechtergerechtigkeit. Die ökologische Decke markiert hingegen die planetaren Belastungsgrenzen. Überschreitungen zeigen sich etwa im Klimawandel, im Verlust der Biodiversität, in der Übernutzung von Süßwasser oder in der Belastung von Böden und Luft.

Solange die sozialen Mindeststandards erfüllt und die Wirtschaft sich innerhalb der planetaren Grenzen bewegt, ist nach Raworth die Basis für ein gutes Leben gesetzt. Ob das Bruttoinlandsprodukt dabei wächst oder nicht, ist erstmal nicht der wirtschaftspolitische Fokus. Das wäre ein bedeutsamer politischer Richtungswechsel, der mutmaßlich eine harte demokratische Debatte mit erheblichem Widerstand organisierter Interessen mit sich ziehen dürfte.

Auch wenn das BIP dabei nicht im Zentrum steht, bleibt makroökonomische Stabilität entscheidend. Schon kleine Einbrüche der gesamtwirtschaftlichen Produktion ohne Aussicht auf eine stabile Entwicklung in der Zukunft können das wirtschaftliche Klima spürbar eintrüben und zu unangenehmen privatwirtschaftlichen Einsparungen führen. Das kann in niemandes Interesse sein.

Wichtig für einen wirtschaftspolitischen Richtungswechsel im Sinne des skizierten guten Lebens ist daher eine klare wirtschaftspolitische Perspektive, die Vertrauen schafft. Teil davon muss eine durchdachte und mutige industriepolitische Strategie des Staates sein, die Projekte anstößt und Risiken glaubhaft absichert. Eine Wirtschaftspolitik jenseits des BIP ist möglich, verlangt jedoch klare Prioritäten und politischen Willen.