Makroskop
Kommentar

Die zweifelhafte Erzählung vom Fachkräftemangel

| 25. Juni 2026
IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Längere Arbeitstage, späteres Renteneintrittsalter, weniger Teilzeit – so lauten viel diskutierte Antworten auf den Fachkräftemangel. Daten zur Arbeitsmarktlage erwecken Zweifel an der Zweckmäßigkeit solcher Maßnahmen.

Der Fachkräftemangel wird oft einfach erklärt: Der demografische Wandel sorge dafür, dass zu viele alte Menschen in Rente gehen, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachkommen. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft. Ohnehin seien junge Menschen eher auf eine gute Work-Life-Balance bedacht – darauf, ihre Freizeit mit Freunden oder Reisen zu verbringen – statt diszipliniert zu arbeiten. 

Die „Lösungen“ klingen genauso einfach: Die Koalition aus Union und SPD diskutiert gerade das Ende des 8-Stunden-Tages. Dazu kommt, das Recht auf Teilzeit einschränken, wie es der Wirtschaftsflügel der Union vorgeschlagen hatte, oder ein späteres Renteneintrittsalter, wie es etwa Wirtschaftsministerin Katherina Reiche als unausweichlich sieht.

So einfach sind die Lösungen aber nicht. Der Fachkräftemangel ist komplex. Er ist kein demografisches Schicksal, für das sich die Lohnabhängigen in Deutschland „einfach mal zusammenreißen“ und mehr arbeiten müssten. Er ist eine Erzählung, die die Verantwortung der Politik und Unternehmen auf Lohnabhängige schiebt und eine Ausrede dafür, Arbeitnehmerrechte abzubauen: bei den Arbeitsbedingungen, der Arbeitszeit, der Entlohnung.

Wer geht, kommt nicht wieder

Von 2022 bis 2023 verließen etwa 191.000 Personen Berufe, die zu sogenannten Engpassberufen gehören, wie die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) ausrechten.

Etwa 167.000 Personen kamen in der Zeit neu dazu. Unterm Strich bedeutet das: Es fließt Personal ab – der Mangel an Arbeitskräften verstärkt sich. In Zukunft wird sich das vor allem in der Pflege und dem Handwerk weiter zuspitzen, weil immer mehr Menschen gebraucht werden: in der Pflege durch den demografischen Wandel und im Handwerk durch die marode Infrastruktur.

Dass Menschen gerade diese Berufe verlassen, ist kein Zufall. Hier herrschen schlechte Arbeitsbedingungen, etwa durch Schichtdienste und starre Hierarchien. Den Zahlen der Bertelsmann Stiftung zufolge orientieren sich zwei Drittel der Menschen, die im Gesundheits- und Pflegebereich kündigen um, weil sie bei einem anderen Arbeitgeber im selben Berufsfeld nicht auf Besserung hoffen. Hohe Arbeitsbelastung und fehlende Wertschätzung sind hier keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles Problem.

Das ist gefährlich für den Arbeitsmarkt. Der Effekt verstärkt sich so von selbst: Wenn Menschen ihren Beruf verlassen, fehlen immer mehr Fachkräfte und die Arbeitsbelastung steigt weiter für diejenigen, die bleiben. Jene kündigen dann umso eher – ein Teufelskreis.

Damit gehen auch Wissen, neue Ideen und Perspektiven verloren. Schließlich wurden diese Arbeitskräfte über Jahre ausgebildet und haben Arbeitserfahrung gesammelt.

Hinzu kommen geringe Löhne. Den Zahlen der Bertelsmann Stiftung zufolge verdienen Menschen in Engpassberufen etwa fünf Prozent weniger als der Durchschnitt. Das liegt auch an einem weiteren Trend, den die Arbeitgeber zu verantworten haben: Tarifflucht.

Die Tarifflucht ist real

Tarifverträge bedeuten die gleichen Bedingungen für alle: bei Löhnen, Arbeitszeiten, Urlaub, Kündigungen und so weiter. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat ausgerechnet, dass 2024 rund 41 Prozent aller Beschäftigten in Betrieben mit Branchentarifvertrag arbeiten. Das sind 26 Prozentpunkte weniger als 1996.

Die Entwicklung ist bedenklich. Der Tarifabbau verschafft Arbeitgebern mehr Verhandlungsmacht und verstärkt sogleich ungleiche Arbeitsbedingungen in verschiedenen Konzernen. Für einzelne Unternehmen ist das rational: Sie senken die Lohnkosten und steigern damit ihre Wettbewerbsfähigkeit. Gesamtwirtschaftlich führt das aber in die andere Richtung – es schwächt die Nachfrage.

Die Politik unternimmt dagegen wenig. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Regierung aus Union und SPD noch vorgenommen, höhere Tarifbindung aufzubauen. Auch die Europäische Union hatte 2022 eine Richtlinie verabschiedet, die Mitgliedstaaten, bei einer Tarifbindung unter 80 Prozent einen Aktionsplan zur Stärkung der Tarifverhandlungen vorzulegen. Zur Erinnerung: In Deutschland lag diese bei 41 Prozent. Bis 2024 hatten die EU-Länder Zeit, diese in nationales Recht umzusetzen.

Deutschland liegt bei der Umsetzung von stärkerer Tarifbindung im EU-Vergleich hinterher, bestätigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Neun Staaten in der EU kommen laut  der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auf eine Tarifbindung von mehr als 80 Prozent. Das sind Länder, mit denen Deutschland sich sonst gerne vergleicht: Italien, Belgien, Österreich, Frankreich, Spanien, Finnland, Schweden, Portugal und Dänemark. Warum also nicht auch bei der Tarifbindung?

Dabei wäre es rechtlich durchaus möglich, die Tarifbindung zu stärken. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales könnte Tarifverträge zum Beispiel für ganze Branchen allgemeinverbindlich erklären, nachdem sie zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden ausgehandelt wurden. Das bedeutet: Grundstandards müssten von allen Arbeitgebern dieser Branche eingehalten werden, unabhängig davon, ob sie Mitglied eines Arbeitgeberverbands sind. 

Gleichzeitig könnten Tarifparteien Bonusleistungen ausschließlich für Gewerkschaftsmitglieder vorsehen. Das verhindert Konkurrenz durch niedrigere Löhne – und stärkt Gewerkschaften. Stattdessen wählt die Politik den umgekehrten Weg: Man erhöht die Anforderungen an die Beschäftigten, statt Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen.

Das Paradoxon: Arbeitslose

Seit Jahren lautet das Mantra der Arbeitsmarktpolitik: mehr lernen, länger arbeiten, sich kontinuierlich weiterqualifizieren. Wer in Ausbildung, Studium und Beruf in sein Humankapital investiert, so das Versprechen, wird mit besseren Beschäftigungschancen belohnt. Doch genau dieses Versprechen gerät zunehmend ins Wanken. Immer häufiger trifft die Arbeitslosigkeit ausgerechnet jene, die alles richtig gemacht haben.

Seit 2022 steigt die Zahl der Arbeitslosen auch unter denjenigen, die einen Fach- oder Hochschulabschluss haben. 2025 lag die Arbeitslosenquote unter Akademikern bei 3,3 Prozent. Das klingt niedrig und liegt weiterhin unter dem Schnitt von 6,8 Prozent. Doch relativ betrachtet ist der Anstieg ziemlich hoch: Während die Gesamtarbeitslosigkeit seit 2022 um rund ein Sechstel zunahm, stieg die Akademiker-Arbeitslosigkeit um etwa die Hälfte. Der vermeintliche Schutz durch Qualifikation bröckelt.

Daran wird besonders klar: Der Fachkräftemangel ist kein Problem von Arbeitnehmern, die einfach etwas mehr arbeiten müssten oder sich anstrengen sollten. Er ist das Ergebnis der politischen Erzählung, wer sich anstrenge und studiert, der werde belohnt. Diese Erzählung drängt Menschen einerseits in akademische Berufe, die aber kaum zusätzliche Arbeitskräfte absorbiert. Andererseits bleiben Pflege und Handwerk unattraktiv, weil dort schlechte Löhne und Bedingungen herrschen.

Was Wohlstand wirklich bedeutet

Wer den Fachkräftemangel ernst nimmt, muss aufhören, ihn als individuelles Versagen zu behandeln und anfangen, an den richtigen Stellschrauben drehen: Arbeitsbedingungen in Engpassberufen verbessern, Tarifbindung stärken, Löhne in strukturell unterbewerteten Branchen anheben.