Deutsche Unternehmen wollen investieren – doch die Nachfrage fehlt
Deutschlands Unternehmen investieren so wenig wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. Eine neue KfW-Unternehmensbefragung zeigt: Die Ursachen reichen tiefer als Bürokratie und mangelnde Finanzierung.
Deutschlands Unternehmen wollen investieren – sie tun es trotzdem immer seltener. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Unternehmensbefragung 2026 der KfW. Zwar sehen 92 Prozent der befragten Unternehmen grundsätzlich Investitionsbedarf. Tatsächlich investierten im vergangenen Jahr jedoch nur 57 Prozent der Betriebe – so wenige wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr. KfW-Vorstandschef Stefan Wintels spricht von einem Warnsignal: „Deutschland steht vor einer großen Investitionsaufgabe – staatlich wie privat.“ Dennoch blieben „zu viele Projekte seit Jahren in der Warteschleife“.
Investitionen seien vor allem in Digitalisierung, Dekarbonisierung und Innovation notwendig. Als größte Hemmnisse nennen die Unternehmen hohe Kosten, Bürokratie, Fachkräftemangel sowie schwierigere Finanzierungsbedingungen. Nur noch 24 Prozent der Betriebe bewerten die Aufnahme eines Bankkredits als leicht, während bereits 26 Prozent von schwierigen Finanzierungsbedingungen berichten. Gleichzeitig verschlechtern sich nach Angaben der KfW bei vielen Unternehmen Eigenkapitalquote und Bonität, was die Kreditaufnahme zusätzlich erschwert.
Bemerkenswert ist jedoch die Struktur des Investitionsbedarfs. Fast zwei Drittel der Unternehmen sehen vor allem Modernisierungsbedarf bei bestehenden Anlagen. 61 Prozent nennen Rationalisierungsinvestitionen, 55 Prozent Investitionen in Digitalisierung und 54 Prozent Maßnahmen zur Dekarbonisierung. Auf Platz drei folgen Ersatzinvestitionen mit 43 Prozent. Deutlich seltener planen Unternehmen dagegen Erweiterungsinvestitionen: Nur 32 Prozent wollen ihre Produktionskapazitäten ausbauen. Für die KfW ist dies ein Hinweis auf verhaltene Wachstumserwartungen.
Fast jedes zweite Unternehmen klagt über rückläufige Nachfrage
Dazu passt ein weiterer Befund der Untersuchung. Fast jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) berichtet von einer rückläufigen Nachfrage in den vergangenen zwölf Monaten, während lediglich 22 Prozent steigende Auftragseingänge verzeichneten. Besonders ausgeprägt ist die Schwäche im Handel. Im Groß- und Außenhandel meldeten 54 Prozent der Unternehmen sinkende Nachfrage, im Einzelhandel 53 Prozent. Selbst im Verarbeitenden Gewerbe, dem Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft, berichten 48 Prozent der Betriebe von rückläufigen Aufträgen.
Auch die Erwartungen bleiben gedämpft. Lediglich jedes fünfte Unternehmen rechnet in den kommenden zwölf Monaten mit steigender Nachfrage, während 40 Prozent einen weiteren Rückgang erwarten. Im Einzelhandel überwiegt der Pessimismus besonders deutlich: 44 Prozent rechnen mit sinkenden Umsätzen, aber nur 16 Prozent mit einer Verbesserung. Auch im Baugewerbe (42 Prozent) sowie bei kleinen Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis eine Million Euro (42 Prozent) dominieren die negativen Erwartungen. Lediglich größere Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz zeigen sich etwas optimistischer.
Die Ergebnisse sprechen damit für eine gesamtwirtschaftliche Nachfrageschwäche und nicht für die Probleme einzelner Branchen. Industrie, Handel, Bau und Dienstleistungen berichten gleichermaßen von rückläufigen Aufträgen. Vor diesem Hintergrund erscheint die Investitionszurückhaltung kaum überraschend. Unternehmen modernisieren zwar ihre bestehenden Strukturen, verzichten aber häufig auf den Ausbau ihrer Kapazitäten. Die geringe Bedeutung von Erweiterungsinvestitionen deutet darauf hin, dass viele Betriebe ihre Absatzchancen derzeit zurückhaltend einschätzen.
Die KfW verweist in ihrer Analyse vor allem auf Bürokratie, Fachkräftemangel und schwierigere Finanzierungsbedingungen. Langfristig dürften diese Faktoren zweifellos eine wichtige Rolle spielen. Die Umfrage legt jedoch noch einen weiteren Zusammenhang nahe: Eine schwache Nachfrage geht mit geringer Investitionsbereitschaft und einem eingetrübten Finanzierungsklima einher. Unternehmen investieren typischerweise dann, wenn sie erwarten, ihre zusätzlichen Kapazitäten künftig auslasten zu können. Bleiben diese Erwartungen aus, werden Investitionen verschoben – selbst dann, wenn der Modernisierungsbedarf unbestritten ist.
Über viele Jahre stützte sich das Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft auf eine dynamische Weltkonjunktur, günstige Energie und expandierende Exportmärkte. Inzwischen haben sich diese Voraussetzungen grundlegend verändert. Die Nachfrage aus China wächst deutlich langsamer, geopolitische Konflikte verteuern Energie und Lieferketten, während sich auch wichtige Absatzmärkte schwächer entwickeln.