Deutschlands große Umverteilung nach oben
Einkommensungleichheit in Deutschland seit 1995 gestiegen
Wer profitiert vom wirtschaftlichen Wachstum? Unsere Grafik im Fokus zeigt, wie sich das verfügbare Einkommen nach Steuern und Sozialtransfers zwischen den einkommensstärksten zehn Prozent und der unteren Hälfte der Bevölkerung verteilt.
Schon der Größenvergleich ist aufschlussreich: Die untere Hälfte der Bevölkerung umfasst fünfmal so viele Menschen wie die obersten zehn Prozent. Dennoch vereint die kleine Spitzengruppe einen deutlich größeren Anteil am gesamten Einkommen auf sich.
Auffällig ist vor allem die zeitliche Entwicklung. Bis Mitte der 1990er-Jahre blieb die Einkommensverteilung in Deutschland weitgehend stabil. Seitdem öffnete sich die Schere spürbar. Erst ab Mitte der 2010er-Jahre flacht dieser Trend ab; die Ungleichheit verharrt seitdem auf einem hohen Niveau.
Die Ursachen sind vielfältig. Eine wichtige Rolle dürfte der Wandel des Arbeitsmarktes gespielt haben. Die Tarifbindung sank von 67 Prozent der Beschäftigten im Jahr 1996 auf nur noch 41 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig begünstigten die Hartz-Reformen den Ausbau des Niedriglohnsektors und erhöhten damit die Spreizung der Markteinkommen.
Hinzu kamen tiefgreifende steuerpolitische Veränderungen. Der Spitzensteuersatz wurde zwischen 1980 und 2007 von 56 auf 45 Prozent gesenkt. Noch deutlicher fiel die Entlastung bei Kapitaleinkommen aus, die seit Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 pauschal mit 25 Prozent besteuert werden. Auch die Körperschaftsteuer wurde im Laufe der Jahrzehnte erheblich reduziert.
Am unteren Ende der Einkommensverteilung entwickelte sich die Belastung dagegen in die entgegengesetzte Richtung. Haushalte mit geringen Einkommen zahlen zwar kaum Einkommensteuer, verwenden aber einen großen Teil ihres Einkommens für Konsum. Sie sind deshalb besonders von der Umsatzsteuer betroffen, die seit 1980 schrittweise von 13 auf 19 Prozent angehoben wurde.
Dass die Einkommensverteilung seit etwa 2015 unverändert bleibt, ist ebenfalls kein Zufall. Größere steuerpolitische Veränderungen blieben aus, gleichzeitig dürfte die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns die Lohnungleichheit am unteren Ende der Verteilung gebremst haben.
Die Einkommensungleichheit lässt sich also nicht allein mit Globalisierung oder technologischem Wandel erklären. Sie zeigt vielmehr, wie eng die Entwicklung der Einkommensverteilung mit politischen Entscheidungen über Arbeitsmarkt-, Steuer- und Sozialpolitik verknüpft ist.