Makroskop
Adam Smith

Der Vereinnahmte

| 30. Juni 2026

Warum Adam Smith großes Werk "Wohlstand der Nationen" auch 250 Jahre nach seinem Erscheinen noch aktuell ist – und bis heute fehlinterpretiert wird.

Das genaue Geburtsdatum des „Vaters der klassischen Nationalökonomie“ ist nicht einmal bekannt. Allein, dass Adam Smith 1723 im schottischen Kirkcaldy geboren wurde, weiß man. Ohne Frage war Smith der erste wissenschaftliche Ökonom, der mit seinem Werk der Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstandes der Nationen, kurz: Wohlstand der Nationen, eine umfassende – man möchte sagen holistische – Analyse der zu seiner Zeit aufkommenden und sich entwickelnden kapitalistischen Ordnung geliefert hat. Das Werk gilt neben Charles Darwins Über die Entstehung der Arten und dem Marx’schen Kapital als eines der wichtigsten Bücher der Weltgeschichte.

Es gibt bis heute eine Reihe von Übersetzungen des Werkes: So erschien 1978 von Horst Claus Recktenwald Der Wohlstand der Nationen und 1991 die von Heinz D. Kurz herausgegebene Aufsatzsammlung Adam Smith (1723-1790), Ein Werk und seine Wirkungsgeschichte sowie schließlich 2005 Adam Smith, Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker von Erich W. und Monika Streissler. Im Folgenden sind alle wörtlichen Zitate von Adam Smith überwiegend der Übersetzung von Streissler aber auch der von Rechtenwald entnommen. 

Als Smith am 17. Juli 1790 im Alter von 67 Jahren in Edinburgh starb, betrug die durchschnittliche Lebenserwartung seiner Zeitgenossen nur 35 Jahre. Dieser niedrige Wert war eine Folge von harter ausbeuterischer Arbeit, hoher Kindersterblichkeit, mangelnder Hygiene und schlechter ärztlicher Versorgung. Um 1760 – also zu Beginn der industriellen Revolution – waren die Arbeiter einer totalen Verelendung unterworfen. In England, das mit Schottland noch vereinigt war, lebten sieben Millionen Einwohner. 1982 schilderte Paul-Heinz Koesters in seinem Standardwerk Ökonomen verändern die Welt. Lehren, die unser Leben bestimmen die Lage so:

„Viele von ihnen besaßen nicht mehr als Bett, Tisch, Stuhl und einen Napf zum Spucken. Bis zu 1,5 Millionen Menschen hatten oft keine Arbeit, waren ‚nutzlose Arme‘. Kinder bettelten oder wurden von den Fürsorgeämtern in die Fabriken geschickt, wo die ‚flinken Finger‘ bis zu 16 Stunden arbeiten mußten. Und viele Kapitalisten war es nur recht, wenn die Lebensmittelpreise kletterten, weil dadurch die paupers, die Armen, gezwungen waren, mehr zu leisten (heute erklärt das die „moderne“ neoklassische Arbeitsmarkttheorie mit einer „anormalen“ Arbeitsangebotsfunktion, HJB). Auch tat man nichts für die – von Adam Smith geforderte – Bildung der Massen. Denn es galt die Formel: Armut + Unwissenheit = Zufriedenheit“.

Gut ein halbes Jahrhundert nach dem Tod von Smith veröffentlichte 1845 der deutsche Unternehmer und Gelehrte Friedrich Engels (1820-1895) sein bekanntes Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Hier beschreibt er bis ins Detail die Verelendung des englischen Proletariats unter den jetzt etablierten kapitalistischen Verhältnissen.

Leben und Ausbildung

Adam Smith wuchs in wohlhabenden und geordneten Verhältnissen auf – wie viele der später weltberühmten Gelehrten seiner Zeit. Seine Geburtsstadt Kirkcaldy zählte damals kaum 1.500 Einwohner. Sein Vater, Rechtsanwalt und Zollbeamter, starb bereits zwei Monate vor Smiths Geburt im Jahr 1723. Die Mutter, Tochter eines Gutsbesitzers, wurde über 90 Jahre alt und blieb die prägende Bezugsperson seines Lebens. Smith war Einzelkind, von schwächlicher Konstitution und seiner Mutter eng verbunden. Er heiratete nie.

Schon früh galt er als ausgesprochen verträumt. In Gesprächen war er häufig so sehr in seine eigenen Gedanken versunken, dass er seine Umgebung kaum wahrnahm – eine Eigenschaft, die später legendär werden sollte. Beinahe hätte sein Leben jedoch eine völlig andere Wendung genommen: Im Alter von vier Jahren wurde Smith von einer Gruppe fahrender Leute entführt. Sein Onkel konnte ihn wenig später unversehrt zurückholen.

Von 1730 bis 1737 besuchte Smith die Burgh School in Kirkcaldy. Anschließend studierte er drei Jahre am College in Glasgow, wo er sich mit Latein, Griechisch, Mathematik und Moralphilosophie beschäftigte. 1740 wechselte er mit einem Stipendium an die Universität Oxford. Dort verbrachte er sechs Jahre weitgehend als Autodidakt – allerdings weniger aus eigenem Antrieb als aus Notwendigkeit. Oxford befand sich damals in einem intellektuellen Niedergang, die Professorenschaft galt als konservativ und die Lektüre moderner Philosophen war unerwünscht. Als Smith beim Lesen von David Humes als skandalös geltendem Traktat über die menschliche Natur ertappt wurde, erhielt er einen strengen Verweis.

Enttäuscht von der geistigen Enge Oxfords kehrte Smith nach Schottland zurück. Prägend wurde nun der Moralphilosoph, Aufklärer und vorklassische Ökonom Francis Hutcheson (1694–1746), bei dem er in Glasgow studierte. Hutcheson beeinflusste Smiths Denken nachhaltig und gilt zugleich als Wegbereiter einer ethischen Tradition, aus der später der Utilitarismus und die subjektive Wertlehre der Neoklassik hervorgingen.

Bereits ab 1748 machte sich Smith mit öffentlichen Vorlesungen über Recht und Literatur in Edinburgh einen Namen. Zwei Jahre später erhielt er den Lehrstuhl für Logik an der Universität Glasgow, bevor er 1752 die Professur für Moralphilosophie und damit die Nachfolge seines Lehrers Hutcheson übernahm.

Smith als Revolutionär?    

Man muss die Zeit berücksichtigen, in der Smith sein Studium und Leben als Gelehrter verbracht hat. Die Zeit war noch vom Absolutismus und Merkantilismus geprägt, die – so Smith – „den Fortschritt der Nation zu wirklichem Reichtum und wirklicher Größe hemmen, statt ihn zu beschleunigen“ und „den wirklichen Wert des jährlichen Produktes seines Bodens und seiner Arbeit vermindern, statt ihn zu vermehren.“

Die so geäußerte Kritik an König und Adel war für ihn nicht ungefährlich. Ob er allerdings staatlichen Repressalien ausgesetzt war, wie zum Beispiel Karl Marx (1818-1883) oder Emanuel Kant (1724-1804), ist nicht überliefert. 

Die zu Smiths Zeiten vorherrschende Wirtschaftsform des Merkantilismus setzte, verkürzt gesagt, auf eine positive Handelsbilanz (Exportüberschüsse), um Gold und Geld ins Land zu holen und die Kriege der absolutistischen Könige finanzieren zu können. Das Volk musste dagegen in bitterer Armut leben. „Keine Gesellschaft kann ungefährdet blühen und glücklich sein, wenn der weitaus größere Teil ihrer Mitglieder arm und erbärmlich ist“, schrieb Smith. 

Die Gründe des Elends lagen auch an der von führenden merkantilen Vertretern – darunter der englische Ökonom und Arzt Bernard Mandeville (1670-1733) – geforderte und umgesetzte rigorose Niedriglohnpolitik. Nach Mandeville muss der Arbeitslohn für den Arbeiter die einzige Quelle seiner Subsistenzmöglichkeit darstellen, dieser zudem durch öffentliche Kontrollen niedrig gehalten werden. Um Druck auf die Arbeiter auszuüben, seien Armutshäuser abzuschaffen und das Betteln strengstens zu verbieten. Auch die Arbeitsdisziplin sei behördlich zu überwachen und jede Aufsässigkeit zu ahnden. Arbeiterzusammenschlüsse müssten staatlich verboten werden, da sie nur dazu führten, dass die Löhne steigen.

Dass alles waren nicht nur theoretische Forderungen der Merkantilisten, nein, es war die bittere Realität. Im Wohlstand der Nationen kritisiert Adam Smith die Lohnpolitik seiner Zeit entsprechend deutlich: „Ein Mensch muß von seiner Arbeit immer leben, und sein Lohn muß zumindest ausreichen, um ihn zu ernähren. In den meisten Fällen muß er sogar etwas höher sein; andernfalls wäre es ihm unmöglich, eine Familie zu ernähren, und die Gattung solcher Arbeiter könnte die erste Generation nicht überdauern.“

Auch fast 250 Jahre später wirken seine Ausführungen erstaunlich aktuell. In einem wohlhabenden Land wie Deutschland erreichen Millionen Beschäftigte mit ihrem Erwerbseinkommen das von Smith formulierte Mindestkriterium nicht mehr. Viele Familien sind auf staatliche Transfers wie Kinder- oder Wohngeld angewiesen, häufig ergänzt durch finanzielle Unterstützung aus dem familiären Umfeld. Mit anderen Worten: Nicht der Markt allein gewährleistet heute den von Smith geforderten existenzsichernden Lohn, sondern erst die Kombination aus Erwerbseinkommen, Sozialstaat und familiärer Solidarität.

Smith und die „Theorie der ethischen Gefühle“

Bevor Adam Smith 1776 sein Hauptwerk veröffentlichte, legte er 1759 mit der Theorie der ethischen Gefühle den philosophischen Grundstein seines Denkens. Darin entwirft er das Bild einer Gesellschaft, die nicht auf autoritärer Bevormundung beruht, sondern auf der Fähigkeit des Menschen, aus Eigeninteresse zu handeln und zugleich in ein Geflecht sozialer Beziehungen eingebunden zu sein. Smith stellte sich damit gegen die Vorstellung des englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588-1679), der im starken Staat, dem „Leviathan“, die Voraussetzung für Ordnung und Zusammenhalt sah.

Diese Idee einer „natürlichen Freiheit“ prägt auch den Wohlstand der Nationen. Smith argumentiert, dass individuelles Gewinnstreben unter den richtigen institutionellen Bedingungen nicht nur dem Einzelnen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt zugutekommt. So schreibt er: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse.“ Märkte funktionieren demnach nicht deshalb, weil Menschen selbstlos handeln, sondern weil sie im Tausch ihre eigenen Vorteile verfolgen und dabei ungewollt auch die Bedürfnisse anderer erfüllen.

Smith befürwortet eine Wettbewerbsordnung

Den menschlichen Eigennutz verband Smith mit Freiheit, die er als ein Fehlen von Behinderungen definierte. Gesamtwirtschaftlich bzw. ordnungstheoretisch sei diese Verbindung am besten in einer freien Marktwirtschaft realisierbar. Es käme hier zu einer „Harmonie“ zum Vorteil Aller. Wie durch eine „unsichtbare Hand“ haben die ökonomischen Gesetze das Produzieren, Verkaufen und Kaufen von Waren im Griff. Ein jeder, der gegen das Gesetz von Angebot und Nachfrage verstößt, wird wirtschaftlich bestraft und muss im schlimmsten Fall sogar Insolvenz anmelden. Der Produzent müsse das anbieten, was der Nachfrager wünscht und dabei besser sein als seine Konkurrenten.

Auf diese Weise garantiere der Wettbewerb, dass es jeweils zu einer optimalen Zusammensetzung des quantitativen und qualitativen sowie zeitlich bestimmten Güterangebots gemäß den Wünschen der Verbraucher kommen würde: „Zweck und Ziel aller Produktion ist der Verbrauch, und die Interessen des Produzenten sollten nur soweit berücksichtigt werden, wie es zur Förderung der Interessen der Verbraucher nötig ist. Diese Maxime ist so vollkommen einleuchtend, dass es abgeschmackt wäre, sie beweisen zu wollen.“

Wettbewerb unter Anbietern und Nachfragern schütze dabei gleichzeitig vor einem Machtmissbrauch durch einzelne Wirtschaftssubjekte. Somit sei eine funktionierende freie Wettbewerbsordnung die beste bzw. „natürlichste“ aller möglichen Wirtschaftsordnungen.      

Was Adam Smith nicht beachtete bzw. kritisierte, war die dem Wettbewerb inhärente Zerstörungskraft durch Konzentrations- und Zentralisationsprozesse. Diese hat kein anderer wissenschaftlich so herausgearbeitet wie Karl Marx. Smith erkannte auch nicht, dass der Wettbewerb das Problem von sowohl negativen als auch positiven externen Effekten nicht löst.

Damit stieß Smiths Marktmodell dort an Grenzen, wo Wettbewerb nicht funktioniert oder Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Umweltbelastungen sind ein klassisches Beispiel: Solange ihre Folgekosten keinen Preis haben, werden sie vom Markt nicht berücksichtigt. Doch selbst wenn diese Kosten eingepreist werden sollen, stößt dies häufig auf politischen und gesellschaftlichen Widerstand.

Weitgehend offen ließ Smith letztlich auch, wie Markteinkommen verteilt werden. Tatsächlich aber führen Marktmacht, Monopole und Kapitaleinkommen dazu, dass Einkommen und Vermögen tendenziell immer weiter auseinanderdriften.

Smith war kein Unternehmerfreund

Die oft zitierte „unsichtbare Hand", die im Wohlstand der Nationen übrigens nur ein einziges Mal erwähnt wird, machte Smith aber keineswegs zum naiven Verfechter ungezügelter Märkte. Im Gegenteil: Er warnte eindringlich vor der Macht von Monopolen und Kartellen. Unternehmen könnten den Markt bewusst verknappen und Preise weit über ihr natürliches Wettbewerbsniveau treiben. Ebenso berühmt ist seine Warnung, Geschäftsleute träfen sich nur selten, „ohne dass das Gespräch in einer Verschwörung gegen die Öffentlichkeit endet oder irgendein Plan ausgeheckt wird, wie man die Preise erhöhen kann“.

Bemerkenswert aktuell wirken auch Smiths Überlegungen zur Inflation. Während heute häufig vor einer „Lohn-Preis-Spirale“ gewarnt wird, hielt er steigende Gewinne für den stärkeren Preistreiber. Kaufleute, schrieb er sinngemäß, beklagten lautstark die angeblich schädlichen Folgen hoher Löhne, schwiegen jedoch über die preistreibende Wirkung ihrer eigenen Gewinne. „Sie klagen nur über die anderer Leute.“

Smith war kein Staatsverächter

Trotz seiner konsequenten Kritik am Absolutismus und Merkantilismus sah Smith die Notwendigkeit und Wichtigkeit staatlicher Funktionen. Der Staat habe für ein umfassendes Rechtssystem zu sorgen, eine Landesverteidigung mit einem stehenden Heer sicherzustellen und öffentliche Güter anzubieten, die Private mangels lukrativer Gewinnaussichten nicht produzieren würden. Auch ein öffentlich finanziertes Bildungswesen und weitere Staatseingriffe forderte er: von der Regulierung des Bankgeschäftes, der Zinskontrolle bis über drastische Steuern zur Eindämmung des Alkoholkonsums und zur Förderung von Kunst und Kultur. Ein Staatsverächter wie heute die Neoliberalen, die den Staat als „Kostgänger“ der Wirtschaft diskreditieren, war Smith nicht.

Den Wettbewerb sah er auch nicht vom Staat gefährdet, sondern vielmehr von den Unternehmern. Im Wohlstand der Nationen warnt er davor, dem nur seinem Eigeninteresse verpflichteten Unternehmer irgendeinen politischen Einfluss im Staatssektor einzuräumen: „Das Interesse der Kaufleute aller Branchen in Handel und Gewerbe weicht in mancher Hinsicht stets vom öffentlichen ab, gelegentlich steht es ihm auch entgegen.“

Nach Smiths Tod setzte sich allerdings eine Lesart seines Denkens durch, die den Markt immer stärker sich selbst überlassen wollte. Der Staat sollte sich weitgehend auf die Rolle des Schiedsrichters beschränken und auch in Krisenzeiten an einem ausgeglichenen Haushalt festhalten. Aus dieser Tradition entwickelte sich das wirtschaftsliberale Leitbild des Laissez-faire.

Den entscheidenden Gegenentwurf formulierte im 20. Jahrhundert der britische Ökonom John Maynard Keynes. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise zeigte er, dass Märkte keineswegs automatisch zur Vollbeschäftigung zurückfinden. Wirtschaftliche Krisen seien keine bloßen Betriebsunfälle, sondern könnten sich durch sinkende Nachfrage selbst verstärken. In solchen Situationen müsse der Staat aktiv gegensteuern, investieren und die Konjunktur stabilisieren. Die Vorstellung, der Markt heile sich stets selbst, hielt Keynes für einen Irrtum.

Smith und die Arbeitswerttheorie

Nicht zufällig beginnt Der Wohlstand der Nationen mit einem Kapitel über die Arbeitsteilung. Für Smith ist sie der Schlüssel zu wachsender Produktivität und steigendem Wohlstand. Berühmt wurde sein Beispiel der Stecknadelfabrik, in der spezialisierte Arbeit die Produktion vervielfacht.

Doch Smith sah auch die Schattenseiten. Arbeitsteilung macht Menschen voneinander abhängig und kann monotone Tätigkeiten hervorbringen, die den Einzelnen geistig verkümmern lassen. Wer sein Leben mit immer denselben Handgriffen verbringe, werde, so Smith, „stumpfsinnig und unwissend“. Deshalb plädierte er für eine öffentlich finanzierte Bildung, insbesondere für Kinder aus ärmeren Familien.

Mindestens ebenso grundlegend ist Smiths Arbeitswertlehre. Anders als die Merkantilisten, die den Handel, oder die Physiokraten, die den Boden als Quelle des Reichtums betrachteten, sah Smith die menschliche Arbeit als Ursprung des Wohlstands. Zugleich erkannte er, dass der Ertrag der Arbeit in einer kapitalistischen Wirtschaft zwischen Arbeitern, Grundeigentümern und Kapitalbesitzern aufgeteilt wird.

Diese Überlegungen wurden später zu einem wichtigen Ausgangspunkt für Karl Marx, der Smiths Arbeitswerttheorie aufgriff, sie jedoch grundlegend weiterentwickelte. Während Smith die Arbeit als Quelle des Wohlstands hervorhob, entwickelte Marx daraus seine Arbeitswert- und Mehrwerttheorie und machte sie zum Fundament einer grundlegenden Kritik des Kapitalismus. Für viele Unternehmer, Politiker und Ökonomen war diese Sichtweise eine Herausforderung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich deshalb zunehmend ein anderer theoretischer Ansatz durch: die Neoklassik. Anders als die klassische Politische Ökonomie erklärte sie den Wert von Gütern nicht mehr primär aus der aufgewendeten Arbeit, sondern aus dem subjektiven Nutzen und der Knappheit. Arbeit, Kapital und Boden galten nun als gleichberechtigte Produktionsfaktoren, deren jeweilige Erträge als Ergebnis des Marktprozesses verstanden wurden.

Diese Neuorientierung blieb allerdings umstritten. Marxistische Kritiker warfen der Neoklassik vor, sie blende Machtverhältnisse und Verteilungsfragen aus. So argumentierte etwa der Ökonom Otto Conrad (1876-1943), Produktionsmittel könnten ebenso wenig selbst Wert schaffen, wie eine Geige von allein Musik hervorbringe. Kapital und Maschinen erhöhten zwar die Produktivität der Arbeit, neuer wirtschaftlicher Wert entstehe jedoch erst durch den Einsatz menschlicher Arbeitskraft.

Conclusio

Adam Smiths epochales Werk Wohlstand der Nationen ist vielfach vereinnahmt worden. Smith wird häufig nur als „Staatsverächter“ oder als „Vater des ökonomischen Liberalismus“ stilisiert und beschrieben. Einige bezeichnen ihn auch als unbestechlichen Fürsprecher des Kapitalismus oder zumindest einer freien marktwirtschaftlichen Ordnung.

Das alles wird ihm nicht gerecht. Seine Staatskritik richtet sich gegen den Absolutismus und Merkantilismus mit seiner feudalen Ausbeutung der Arbeiter. Doch auch Smith war sich bewusst, dass jede Gesellschaft staatliche Institutionen braucht, die er im Wohlstand der Nationen im letzten Buch V – „Die Finanzen des Herrschers oder des Gemeinwesens“ – ausführlich behandelt.

Die von Smith eingeforderte „natürliche“ Wettbewerbsordnung – die beste zur optimalen Durchsetzung von Eigennutz und Freiheit – werde fortwährend durch Monopolbildungen und Absprachen bedroht. Smith warnt ausdrücklich vor der Übernahme politischer Ämter durch Unternehmer oder ihrer Einflussnahme auf die Politik. Eine Warnung, die zeitlos ist, und in unserer Gegenwart durch einflussreichen Lobbyismus, der Übertragung von hoheitlichen Aufgaben an Unternehmer und einer Unterordnung des Staates unter die Profitinteressen von international agierenden Konzernen zum Ausdruck kommt.

Der noch auf klassischer Lehre beruhende Wohlstand der Nationen hebt sich in erster Linie von der Neoklassik und insbesondere vom heutigen wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream ab. Smith‘ Arbeitswerttheorie, wenn auch fehlerhaft, erinnert daran, worauf wirtschaftlicher Wohlstand letztlich beruht: auf der produktiven Arbeit von Menschen. Dass dieser Gedanke im modernen ökonomischen Diskurs häufig hinter Finanzmärkten, Kapitalrenditen und Unternehmensbewertungen zurücktritt, gehört zu den bemerkenswerten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte.

Wer sich heute auf Adam Smith beruft, sollte deshalb nicht nur seine Verteidigung freier Märkte zitieren, sondern auch seine Kritik an Monopolen, Privilegien und wirtschaftlicher Macht ernst nehmen. Gerade darin liegt die eigentliche Aktualität seines Werkes.