„Produktivitätswachstum ist ein echtes free lunch“
Mehr arbeiten für den Wohlstand, fordert Bundeskanzler Friedrich Merz. Der Ökonom Alfred Kleinknecht widerspricht – und erklärt, warum die deutsche Wirtschaftspolitik seit der Agenda 2010 am falschen Hebel ansetzt.
Alfred Kleinknecht studierte seit 1977 Wirtschaftswissenschaft an der Freien Universität Berlin und wurde 1984 an der Freien Universität Amsterdam promoviert. Nach Lehrtätigkeit an Universitäten in Maastricht und Amsterdam bekleidete er von 1997 bis zu seiner Emeritierung 2013 eine Professur an der TU Delft. 2006 war er Gastprofessor an der Universität La Sapienza in Rom und 2009 an der Université Panthéon Sorbonne in Paris. Kleinknecht war zeitweise einer der meistzitierten niederländischen Ökonomen. Seit 2013 ist er als Forscher am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung tätig.
Herr Kleinknecht, seit der Gründung der Bundesrepublik ist die deutsche Wirtschaft pro Kopf um das 6,5-fache gewachsen. Bundeskanzler Friedrich Merz sagt nun, wir müssen mehr arbeiten, um diesen Wohlstand zu erhalten. Was sagen Sie dazu? Benötigen wir in Deutschland eine höhere Arbeitszeit?
Die Wertschöpfung der Wirtschaft kann nur auf zwei Arten wachsen: entweder durch mehr Arbeitsstunden oder durch produktivere Arbeitsstunden, also mit mehr Wertschöpfung pro Stunde. Seit den Hartz-Reformen wächst in Deutschland die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde langsamer, liegt aber noch deutlich über der Nulllinie. Das deutsche Wirtschaftswachstum wurde in der Vergangenheit vor allem durch produktivere Arbeitsstunden und wenig durch mehr Arbeitsstunden zustande gebracht.
Was hat sich mit den Hartz-Reformen geändert?
Vor allem die Lohnzurückhaltung verursacht eine langsamere Einführung von moderner Prozesstechnologie, wodurch die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde langsamer wächst. Deutschlands technologischer Fortschritt ist also langsamer und das muss kompensiert werden mit mehr Fleiß. Ein arbeitsintensiveres Wachstum senkt allerdings auf Dauer die Arbeitslosigkeit unter das von den Angebotstheoretikern gewünschte Niveau der NAIRU.
Was ist darunter zu verstehen?
Laut dem Konzept der NAIRU, der Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment, ist eine gewisse Arbeitslosigkeit notwendig, um die Gewerkschaften in ihren Lohnforderungen zu disziplinieren. Die Theorie besagt, dass wenn die Arbeitslosenquote dem NAIRU-Niveau entspricht, die Inflationsrate stabil bleibt. Sinkt die Arbeitslosigkeit unter das NAIRU-Niveau, dann werden die Gewerkschaften aufmüpfig. Darüber machen sich die neoliberalen Berater von Merz Sorgen. Darum der Appell an die Deutschen, mehr zu arbeiten. Solange das Produktivitätswachstum positiv ist, gibt es aber keinen Bedarf an mehr Arbeitsstunden, um das Bruttoinlandsprodukt zu behalten, das man jetzt hat. Will man Wachstum erzeugen, ginge das auch durch Produktivitätsfortschritte.
Was nicht zu Merz durchzudringen scheint.
Merz‘ Forderung widerspricht sogar den Grundlagen der neoklassischen Theorie. Laut dieser wählen Individuen ihre Arbeitszeit frei nach persönlichen Präferenzen. Verzichtet jemand bewusst auf Einkommen durch eine niedrigere Arbeitszeit, steigt dessen individuelle Wohlfahrt durch die zusätzliche Freizeit. Der Nutzen von mehr Freizeit ist dann größer als der Nutzen, ein größeres Auto zu fahren. Wenn die CDU diese Person zwingt wieder mehr zu arbeiten, wird das Wohlfahrtsniveau dieser Person wieder sinken.
In den ersten 25 Jahren der Bundesrepublik ist die Produktivität jährlich mit vier bis acht Prozent gewachsen. Seitdem hat sich der Produktivitätsfortschritt deutlich verlangsamt: In den letzten 25 Jahren lag dieser bei jährlich unter zwei Prozent. Warum ist mangelndes Produktivitätswachstum überhaupt ein Problem?
Das Schöne am Produktivitätswachstum ist: es ist ein echtes 'free lunch'! Ein Vorteil ohne Nachteil. Wenn Menschen durch schlaues Nachdenken, oder durch bessere Maschinen in einer Arbeitsstunde mehr Wertschöpfung hinbekommen, dann wächst der Kuchen, der extra verteilt werden kann zwischen Kapital, Arbeit und Staat. Aber wenn, wie in den letzten Jahen, der Kuchen langsamer wächst, dann gibt es schärfere Verteilungskonflikte oder Diskussionen, ob die Rente wohl noch finanzierbar ist.
Nun können Produktivitätsfortschritte in verschiedenen Bereichen und auf unterschiedliche Weise stattfinden. Auch der Betrieb von Kohlekraftwerken war beispielsweise ein Produktivitätsfortschritt, jedoch mit negativen ökologischen Konsequenzen. Welche Formen der Produktivitätssteigerung halten Sie für sinnvoll, und welche vielleicht auch nicht?
Arbeitsproduktivität ist im Prinzip: Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde. Für die Erfassung der Arbeitsproduktivität wäre es wünschenswert, ein grünes BIP zu messen. Wir müssten dann den Schaden durch Umweltverschmutzung bei der Produktion des BIP (negative externe Effekte) wieder abziehen. Damit hätten wir dann ein realistischeres Bild von unserer Wohlfahrt.
Sie weisen oft darauf hin, dass die Produktivität in Deutschland bis etwa zum Jahr 2000 stärker gewachsen ist als in den USA, woran hat das gelegen?
Bis Mitte der neunziger Jahre war das Produktivitätswachstum in Deutschland und Europa substanziell höher als in den USA. In den Jahren des Wirtschaftswunders spielten hier vor allem Wiederaufbaueffekte eine Rolle, sowie der Import von moderner Technologie aus den USA, der damals führenden Wirtschaftsmacht. Das etwas höhere Produktivitätswachstum in Europa im Vergleich zu den USA ab den siebziger Jahren würde ich dann aber eher dem Rheinländischen Modell zuschreiben: vertrauensvolle Arbeitsverhältnisse mit längerer Bindung an den Betrieb. Dies ist günstig für das Management von Erfahrungskenntnissen und ermöglicht inkrementelle Innovation: die kontinuierliche Weiterentwicklung von Produkten, Prozessen und Systemen. Im amerikanischen Modell des Hire and Fire mit flexibleren Arbeitsbeziehungen hat diese inkrementelle Innovation nicht gut funktioniert. Damit haben sie die Schlacht um die Old Economy – den Industriesektor – verloren.
Was ist seit 2000 passiert? Haben wir diesen Vorteil gegenüber den USA immer noch?
Während das deutsche Produktivitätswachstum zurückging, hatten die Amerikaner etwa seit der Jahrhundertwende eine zirka zehnjährige Phase höherem Produktivitätswachstums, welches durch die Fortschritte im IT-Sektor befeuert wurde. Das amerikanische Modell brachte radikale Innovationen hervor, womit sie in der New Economy den Europäern voraus waren. Ab 2005 nimmt der Beitrag der IT am amerikanischen Produktivitätswachstum allerdings stark ab. Ab 2017 gibt es wieder ein kurzes Aufleben der amerikanischen Produktivitätsziffern, was vermutlich aber weniger mit technologischem Fortschritt zu tun hat, sondern mit Trumps und Bidens expansiver Fiskalpolitik, die den Auslastungsgrad der Wirtschaft erhöht hat.
Erklären Sie das genauer.
Bei Schwankungen im Auslastungsgrad fluktuiert die Wertschöpfung stärker als die Arbeitsstunden. Steigen also durch expansive Fiskalpolitik die Auftragseingänge, steigt die Wertschöpfung unmittelbar, während neue Mitarbeiter meistens erst mit einer gewissen Zeitverzögerung eingestellt werden. Dies weckt dann den Eindruck, dass die Produktivität im Aufschwung schneller steigt. Das tut sie vermutlich auch, allerdings weniger als es die Produktivitätsstatistik suggeriert. Im Konjunkturabschwung ergibt sich der gegenteilige Effekt: Sinken die Auftragseingänge dann werden nicht sofort sämtliche Mitarbeiter entlassen. Der Produktivitätszuwachs scheint dann niedriger zu sein.
Mit Blick auf die Produktivitätsentwicklung warnen Sie vor den negativen Effekten angebotsseitiger „Strukturreformen“ am Arbeitsmarkt. Nun werden insbesondere aus der CDU/CSU Stimmen laut, die eine Agenda 2030 fordern – angelehnt an Schröders Agenda 2010: Eine Flexibilisierung von Arbeitszeiten, eine Beschränkung des Rechts auf Teilzeit und ein härterer Umgang mit Grundsicherungsempfängern. Dabei fragt man sich: Welchen Einfluss hat die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik auf das Produktivitätswachstum?
Die Flexibilisierung von Arbeit durch die Angebotstheoretiker hat der Innovation und Produktivität deutlich geschadet. Dazu gibt es inzwischen einiges an Literatur. Nach den Hartz-Reformen in Deutschland schwächt sich das Produktivitätswachstum ab, wodurch für das Wirtschaftswachstum relativ mehr Arbeitskräfte nötig sind. Für Letzteres wurden die Hartz-Reformen hoch gelobt; über Ersteres (die Produktivität) hat man lieber geschwiegen. Offenbar machen sie sich bei der CDU jetzt schon Sorgen, dass durch das arbeitsintensivere Wachstum nach den Hartz-Reformen die industrielle Reservearmee zu klein wird, wodurch die Macht der Gewerkschaften steigt. Übrigens könnte die Flexibilisierung der Arbeitszeiten kontraproduktiv sein, da es vermutlich vor allem um die Freiheit der Unternehmer geht, die Arbeitszeiten zu bestimmen. Menschen die Kinder erziehen oder für Ihre Mitmenschen sorgen müssen, können dann bezahlte Arbeit schwieriger kombinieren mit ihren Sorgepflichten und verlassen den Arbeitsmarkt vielleicht komplett.
Die Arbeitslosenquote in Deutschland steigt. 2025 lag sie bei 6,3 Prozent und damit auf einem höheren Niveau als während der Corona-Pandemie. Wie hängt die Produktivitätsentwicklung mit der Arbeitslosigkeit zusammen?
Im Prinzip wird die Arbeitslosigkeit durch zwei Größen bestimmt: Das Wachstum des BIP im Verhältnis zum Wachstum des BIP pro Arbeitsstunde. Wächst das BIP schneller als das BIP pro Arbeitsstunde, dann sind extra Arbeitsstunden nötig. Im umgekehrten Fall kann man die Arbeitszeit senken. Der Verdienst der Hartz-Reformen ist, dass sie das Wachstum der Arbeitsproduktivität gesenkt haben, wodurch der Arbeitseinsatz leichter steigen kann. Allerdings werden (wie schon gesagt) bei einem geringerem Produktivitätswachstum auch die Verteilungsspielräume kleiner.
Das Ziel, die Produktivität weiter zu steigern, klingt natürlich immer vielversprechend. Aber haben wir das Potenzial dazu, oder ist dieses vielleicht schon ausgeschöpft?
Diese Frage erinnert mich an eine berühmte Aussprache eines Präsidenten des amerikanischen Patentamtes von vor über 100 Jahren. Er vermutete, dass das Patentamt in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wohl geschlossen werden könnte: Die Menschheit hätte ja inzwischen alle wichtigen Erfindungen getan. Nein, die Produktivität wird auch in der Zukunft steigen. Sie steigt allerdings langsamer unter den Rahmenbedingungen neoliberaler Angebotspolitik.
Welche politischen Maßnahmen würden Sie vorschlagen, um die Produktivität anzukurbeln?
Es gibt eine Reihe von Argumenten warum neoliberale Angebotspolitik der Innovation und Produktivität (auch in Deutschland) geschadet hat. Die wichtigsten sind erstens die Schwächung der Tarifdeckung und der Flächentarifverträge, die zusammen mit Lohnzurückhaltung die Diffusion von Prozessinnovationen bremst. Zweitens erschweren flüchtigere Arbeitsbeziehungen mit mehr Flexjobs das Management von betriebsspezifischem Erfahrungswissen, sprich die permanente Durchentwicklung von Produkten, Prozessen und Systemen. Drittens erodiert durch leichtere Entlassungen die Betriebsbindung und -loyalität, wodurch technologisches Wissen schnell zu Konkurrenten abfließt. Durch diese externen Effekte lohnen Investitionen in neues Wissen weniger. Mit anderen Worten: gute Löhne sowie reguläre und langfristige Beschäftigungsverhältnisse steigern die Produktivität.