Orbáns Sturz: Wie Ungarns Wirtschaftsmodell an Energiepreisen zerbrach
Nach 16 Jahren verliert Viktor Orbán die Macht – nicht trotz, sondern wegen seiner Wirtschaftspolitik. Energiepreisschock, steigende Inflation und ein angeschlagenes Industriemodell brachten Ungarn ins Hintertreffen. Der neue Premier Péter Magyar steht vor einer strukturellen Krise, die sich nicht schnell lösen lässt.
Nach 16 Jahren an der Macht wurde die Regierung von Viktor Orbán am vergangenen Sonntag abgewählt. Doch wie konnte der dienstälteste Regierungschef der EU so abrupt sein Amt verlieren? Neben mehreren politischen Skandalen war es vor allem die wirtschaftliche Bilanz seiner Partei Fidesz, die seinem Herausforderer Péter Magyar den Weg ebnete.
Die aktuelle Krise hat strukturelle Ursachen: Das Wirtschaftsmodell und die Energiepolitik des Landes haben sich als zunehmend anfällig erwiesen und Ungarn im europäischen Vergleich deutlich zurückfallen lassen.
Ein Wirtschaftsmodell in der Krise
Ungarn zählt zu den besonders offenen Volkswirtschaften Europas. 2024 lag die Importquote bei 71,1 Prozent und damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 46,1 Prozent; auch die Exportquote übertraf mit 75,4 Prozent den EU-Wert von 50,4 Prozent klar. Rund ein Viertel der Ausfuhren ging allein nach Deutschland.
Das Land gilt als klassische „Werkbankökonomie“, die eng in die Wertschöpfungsketten der deutschen Industrie eingebunden ist. Mit diesem Modell gelang es Viktor Orbán, die Arbeitslosigkeit von rund 12 Prozent bei seinem Amtsantritt um etwa zwei Drittel zu senken und das Land aus einer schweren Krise zu führen.
Nach der rumänischen Ökonomin Daniela Gabor versuchte Orban zwar die Abhängigkeit Ungarns von ausländischen Kapitalflüssen zu reduzieren, welche nach der Finanzkrise 2008 die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen hatten. Die Kontrolle der Wirtschaft, sollte in die Hände seiner Vertrauten gelegt werden. Dies gelang jedoch nur teilweise.
In seiner Rolle als verlängerte Werkbank muss sich Ungarn für multinationale Konzerne möglichst attraktiv machen. Ungarn steht nicht nur mit anderen EU-Staaten im preislichen Wettbewerb, sondern auch mit Ländern auf dem Balkan oder der Türkei. Das Land hat mit 9 Prozent die niedrigste Körperschaftssteuer der EU und einige der niedrigsten Sozial- und Umweltstandards.
Auch mit niedrigen Löhnen versucht Ungarn zu konkurrieren. Während sich das Lohnniveau in Ungarn in den 2000er Jahren im oberen Mittelfeld ehemaliger Ostblockstaaten in der EU befand, rutschte es unter Orban auf den vorletzten Platz und wurde kürzlich von Rumänien überholt. Das kann die Wahlniederlage aber nur bedingt erklären, da dies alles andere als eine neue Entwicklung ist. Zwar hat Orban mit diesem Modell die ungarische Wirtschaft stabilisieren können, eine wirkliche Entwicklung als Werkbankökonomie ist jedoch schwierig – die Wirtschaft steckt in einem hinteren Ende der Wertschöpfungskette fest.
Energiepolitik und Preiseschock
Das Preisniveau in Ungarn setzte sich während des Energiepreisschocks im Zuge des Ukrainekriegs stark von seinen europäischen Nachbarn ab. Die Gründe dafür liegen vor allem in der Energiepolitik des Landes.
Ungarn importiert einen Großteil seiner Energie und seine Industrie setzte – ähnlich wie Deutschland – auf günstiges russisches Gas. Laut der Internationalen Energie Agentur machten Öl und Gas 2024 jeweils ca. 30 Prozent des Energiemixes aus. Entsprechend importiert Ungarn ein Vielfaches seiner Energie. Die wichtigste inländische Energiequelle ist mit 37 Prozent die Kernkraft, nur 10 Prozent der inländisch produzierten Energie stammen aus erneuerbaren Quellen.
Dass diese Energiepolitik das Preisniveau in die Höhe trieb, mag auf den ersten Blick überraschen. Ungarn machte gerade zu Beginn des letzten Jahres Schlagzeilen damit, die niedrigsten Strompreise für private Haushalte in der EU zu haben. Auch die Gaspreise waren in Budapest so günstig, wie sonst nirgendwo im Vergleich europäischer Metropolen. Für manche ein Beleg für eine ausgewogene Energiepolitik.
Doch das Bild relativiert sich, wenn man die Preise mit dem niedrigeren Haushaltseinkommen ins Verhältnis setzt. Das ungarische Nachrichtenportal Telex berichtete, dass die ärmsten Haushalte (anteilig am Einkommen) die viert höchsten Ausgaben für Energie in der EU hatten. Die untere Mittelschicht rangierte auf Platz 6 und die Mittelschicht auf Platz 4.
Dass die Energiepreise für private Haushalte dennoch vergleichsweise niedrig blieben, lag vor allem an staatlichen Preisdeckeln. Für Unternehmen hingegen zählte Strom zeitweise zu den teuersten in der EU – mit entsprechenden Folgen: Ein Teil der höheren Energiekosten wurde über steigende Verbraucherpreise an die Kunden weitergegeben.
Der Einfluss der Energiepreise auf die Inflation zeigt sich daher erst auf den zweiten Blick. Besonders deutlich wird er bei Lebensmitteln, deren Produktion und Vertrieb stark von Transport- und Kühlkosten abhängen. Entsprechend stiegen die Preise hier besonders kräftig: Im Dezember 2022 lagen sie um 44,8 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Im Januar 2023 verteuerten sich die Verbraucherpreise um 25,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, für Rentner (eine wichtige Klientel der Fidesz) sogar um 27,4 Prozent.
Auch die Industrie geriet durch die hohen Energiekosten unter Druck. Innerhalb von zwei Jahren verdoppelten sich die Erzeugerpreise – ein massiver Kostenschub, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit spürbar schwächte. Damit geriet auch das auf niedrigen Kosten basierende Modell der Werkbankökonomie ins Wanken: Investitionen gingen zurück, Kapital floss ab.
In einer Stichprobe von 37 europäischen Ländern zwischen 2023 und 2025 verzeichnete Ungarn noch vor Deutschland und Italien den größten Produktionsrückgang im verarbeitenden Gewerbe.
Ausblick
Magyar ist deutlich pro-europäischer als sein Vorgänger und hat den russischen Einfluss auf Ungarn deutlich kritisiert, dennoch gab er sich bisher eher als konservativen Nationalisten.
Nach dem Besuch des US-Vizepräsidenten JD Vance, der Orbáns Wahlkampf unterstütze, sagte Magyar: „die ungarische Geschichte wird nicht in Washington, Moskau oder Brüssel geschrieben“. Doch will Ungarn seine Kontrolle über die Wirtschaft wiedererlangen, muss es sich sowohl gegenüber seinen Energielieferanten als auch den Kapitalmärkten behaupten. Dies würde nicht nur die Beziehungen zu Moskau, sondern auch zu Brüssel belasten.
Es wird sich zeigen, ob sich nicht nur Orbán, sondern auch das System Orbán abwählen lässt. Während seiner 16-jährigen Regierungszeit gelang es Orbán, die Justiz, die Verwaltung, den Sicherheitsapparat, die Wirtschaftselite und sogar einen Großteil der Presselandschaft mit Loyalisten zu besetzen. Dies wird sich nicht reibungslos abwickeln lassen, auch wenn Magyars Partei mit der nötigen Zweidrittelmehrheit ausgestattet ist, um Verfassungsänderungen durchzusetzen.
Die Fidesz hat der ungarischen Bevölkerung seit 2010, nach vielen wirtschaftlichen Schlüsselindikatoren, einen schlechteren Lebensstandard und geringeren Wohlstand bieten können, als ihn viele der europäischen Nachbarn genießen. Die jüngste Amtszeit Orbáns hat die Geduld der Ungarn überstrapaziert.
Allerdings sind viele der Probleme, wie das Wirtschaftsmodell und die Energiepolitik, struktureller Natur und lassen sich nicht kurzfristig lösen. Der nächste Preisschock durch den Irankrieg könnte für den neuen Premierminister zum Lackmustest werden.