Makroskop
Bezemers Bilanz

Es mangelt nicht an Ideen für neues Geld

| 14. April 2026

In Europa droht ein monetärer Wettbewerb um die Kontrolle des Zahlungsverkehrs. Doch welche Geldordnung ist für Europa die klügste Wahl?

In der „Woche des Geldes“, die Ende März bereits zum fünfzehnten Mal in den Niederlanden stattfand, sollten junge Menschen lernen, „kluge finanzielle Entscheidungen zu treffen“. Die entsprechenden Unterrichtsmaterialien stellt das Finanzministerium bereit. Ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt erreichte mich ein Vorschlag, die Geldmenge an die weltweite Fläche unberührter Natur zu koppeln. Auch eine Form der „Geldentscheidung“, allerdings von deutlich grundsätzlicherer Art. Ob ich das nicht unterstützen wolle?

Solche Geldreformer gehen davon aus, dass die Wirtschaft ein grundlegendes Problem hat – und dass dessen Ursache im Geldsystem selbst liegt. Entsprechend vielfältig sind die Vorschläge. Die niederländische Initiative „Ons Geld“ etwa kritisiert, dass Geschäftsbanken Geld in Form von Krediten schöpfen. Die Alternative wäre schuldenfreies Geld, geschaffen und verwaltet von einer öffentlichen Institution – eine Idee, die schon amerikanische Ökonomen in den 1930er-Jahren vertraten.

Eine noch ältere Diagnose, die sowohl im mittelalterlichen Christentum als auch im Islam verbreitet war, sieht im Zins das Kernproblem: Geld dürfe kein Geld „gebären“. Spätere Denker verknüpften diese Kritik mit dem Wachstumszwang moderner Volkswirtschaften. Unternehmen müssten ihre Umsätze ständig steigern, um mehr zurückzuzahlen, als sie geliehen haben. Würde man den Zins abschaffen, so die These, verschwände auch der Wachstumsdruck, der heute als Bedrohung für den Planeten gilt.

Andere Ansätze setzen an einem anderen Punkt an: Geld werde zwangsläufig gehortet, was zu Vermögenskonzentration führe. In einer gesunden Wirtschaft müsse es jedoch zirkulieren. Der Belgier Silvio Gesell schlug deshalb bereits 1911 eine Geldform vor, die automatisch an Wert verliert. Stabile Inflation als Segen. John Maynard Keynes griff diese Idee 1944 mit seinem Konzept des „Bancor“ für den internationalen Zahlungsverkehr auf: Länder mit dauerhaften Exportüberschüssen sollten ihre Guthaben beim Internationalen Währungsfonds verlieren. Realisiert wurde das nie.

Für sogenannte „Goldbugs“, die häufig eher rechts verortet sind, liegt das Problem in der Macht des Staates und der Zentralbanken. Eine Rückkehr zum Goldstandard soll das Geldmengenwachstum begrenzen. Im Idealfall, so die Vorstellung, könnte man gleich die Zentralbanken – und vielleicht auch den Staat – abschaffen.

Auch auf der progressiven Seite wird die Ausweitung der Geldmenge kritisch gesehen – allerdings aus anderen Gründen. Energie, Rohstoffe und Natur seien begrenzt, daher müsse auch das Geld an diese Grenzen gekoppelt werden: an Ölreserven, CO₂-Budgets oder eben an die verbleibende Natur. Wird davon weniger, verknappt sich automatisch auch das Geld.

All das sind radikale Entwürfe für ein „besseres“ Geldsystem: konzipiert als Blaupause und getragen von der Hoffnung, die Wirtschaft grundlegend zu verbessern. Gleichzeitig sind viele dieser Ideen in einem anderen Sinne „gut gemeint“: nämlich kaum umsetzbar.

Die einfache Antwort lautet, dass top-down entworfene Systeme in komplexen Gesellschaften selten funktionieren. Schnell fällt dann der Verweis auf die Sowjetunion. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Es gab durchaus erfolgreiche Geldreformen von oben: von der Amsterdamer Wechselbank, die 1609 den „Bankgulden“ etablierte, über die Einführung des Dollars in der jungen US-Republik bis hin zu den „Greenbacks“ im amerikanischen Bürgerkrieg oder der Währungsreform in Deutschland 1945. Solche Eingriffe sind möglich.

Dass viele Reformideen scheitern, liegt oft weniger an ihrer Umsetzbarkeit als an bestehenden Machtverhältnissen. Manche sind tatsächlich unpraktikabel – auch der Vorschlag in meinem Posteingang gehörte dazu. Doch es wäre ein Fehler, solche Entwürfe vorschnell zu belächeln. Eine neue Form von „Blaupausen-Geld“ ist bereits auf dem Vormarsch.

Sogenannte Stablecoins wie Tether – eine Art stabilisierte Variante von Kryptowährungen – gewinnen rasant an Bedeutung als Zahlungsmittel. Auch sie sind ein konstruiertes Geldsystem, entwickelt 2014 in Kalifornien. Anders als viele idealistische Entwürfe verfolgen sie jedoch klare kommerzielle Interessen. Tether wird von einem Unternehmen mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln kontrolliert. Gewinnorientierung kann durchaus mit öffentlichem Nutzen einhergehen – aber ebenso mit einer Konzentration von Geldmacht. Umso mehr, seit auch Donald Trump Stablecoins unterstützt.

Europa steht damit vor einer strategischen Entscheidung: Setzen sich dollarbasierte Stablecoins durch – oder bleibt der Euro das dominante Zahlungsmittel? Es zeichnet sich ein monetärer Wettbewerb um die Kontrolle des Zahlungsverkehrs ab.

Europa mag kein Interesse an einem solchen Konflikt haben. Doch, um es mit Trotzki zu sagen: Der Konflikt hat Interesse an Europa. Schon heute ist die europäische Zahlungsinfrastruktur weitgehend in amerikanischer Hand. Droht nun auch die Währungshoheit verloren zu gehen?

Europa braucht eine eigene Antwort – und die Möglichkeiten dazu sind vorhanden. 2002 wurde das nationale Geld durch den Euro ersetzt. Der nächste Schritt liegt nahe: ein digitaler Euro und eine eigenständige Finanzinfrastruktur. Nicht nur junge Menschen müssen lernen, kluge Geldentscheidungen zu treffen. Auch in Brüssel ist diese Fähigkeit gefragt.