Makroskop
KI-Revolution

Wenn künstliche Intelligenz den Kapitalismus neu programmiert

| 16. Juni 2026

Ein Gedankenexperiment über die Zukunft von Arbeit, Preisen und Märkten.

Von Eckhard Plinke und Frank Wettlauffer

Die Finanzmärkte feiern künstliche Intelligenz (KI) bereits als nächste große Wachstumsrevolution. Die Bewertungen von Technologieunternehmen steigen rasant, Milliarden fließen in Rechenzentren, Chips und Softwareplattformen. Doch während Investoren vor allem auf Produktivitätsgewinne und neue Geschäftsmodelle blicken, Utopisten von fast kostenlosen Gütern und Dienstleistungen für alle schwärmen und Dystopisten Massenarbeitslosigkeit und Verelendung befürchten, gerät eine grundlegendere Frage zunehmend in den Fokus: Was geschieht mit der Marktwirtschaft selbst, wenn künstliche Intelligenz und Robotik große Teile ihrer konstituierenden Merkmale ersetzen?

Noch erscheint diese Vorstellung futuristisch. Dennoch lohnt sich ein Gedankenexperiment. Denn die Logik einer vollständig automatisierten Wirtschaft könnte zentrale Pfeiler des Kapitalismus infrage stellen – von der Lohnarbeit über Unternehmensgewinne bis hin zur Preisbildung. Im Extremfall könnte die klassische Koordination über Märkte durch ein KI-gestütztes Steuerungssystem ersetzt werden. Die folgenden Überlegungen sind weniger als Prognose zu verstehen. Vielmehr dienen sie als Vision über die mögliche Endlogik einer KI-getriebenen Ökonomie, welche sehr an die Ideale der klassischen Ökonomen erinnert, und als Orientierung über die daraus resultierenden politischen Entscheidungen.

Wenn Roboter Roboter bauen

Die industrielle Revolution ersetzte Muskelkraft durch Maschinen. Die KI-Revolution geht einen Schritt weiter: Sie automatisiert zunehmend auch kognitive Tätigkeiten. Nicht nur Fabrikarbeiter, sondern ebenso Buchhalter, Juristen, Analysten oder Softwareentwickler geraten in Konkurrenz zu lernfähigen Systemen. Während derzeit horizontale, das heißt branchenübergreifende KI-Anwendungen vor allem White-Collar-Arbeitsplätze vernichten, könnten zukünftig auch vertikale, also unternehmensspezifische Dienstleistungen, wie zum Beispiel die Erstellung von Software, von KI übernommen werden. In einer weit fortgeschrittenen Automatisierung produzieren Roboter mit Hilfe anderer Roboter Maschinen, Software und Endprodukte. Der menschliche Arbeitseinsatz sinkt kontinuierlich.

Die Hoffnung, wie bei früheren Automatisierungswellen Arbeitsplätze durch neue Produkte, Strukturwandel Richtung Dienstleistungen und Neuverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzungen zu erhalten, dürfte sich als trügerisch erweisen: Neue Produkte und Dienstleistungen würden ebenfalls von Robotern und KI-Agenten angeboten. Und für Dienstleistungen, die keine KI ersetzen kann – etwa menschliche Wärme oder körperliche Zuwendung – kann auch nur maximal 24 Stunden am Tag Nachfrage erzeugt werden.

Was passiert mit den Lohneinkommen?

Wenn KI Arbeitskräfte ersetzt, entfallen auch die Löhne. Lohneinkommen sind aber ein konstituierendes Element der gegenwärtigen Marktwirtschaft: Arbeitnehmer erhalten Einkommen, konsumieren Güter und Dienstleistungen und erzeugen dadurch Nachfrage, die den Wirtschaftskreislauf aufrechterhält. Wenn menschliche Arbeit in großem Umfang verschwindet, gerät dieses System unter Druck. Denn eine Wirtschaft kann zwar theoretisch enorme Mengen produzieren – unser derzeitiges marktwirtschaftliches System funktioniert aber nur dauerhaft, wenn ausreichend Kaufkraft vorhanden ist.

Was passiert mit Preisen und Gewinnen?

Wenn Arbeit als Produktionsfaktor an Bedeutung verliert, hat dies aber weitgehende Auswirkungen auf das Preissystem, die das Problem fehlender Lohneinkommen und Nachfrage relativiert. Vollautomatisierung lässt die physische Arbeitsproduktivität extrem ansteigen, das heißt: immer mehr Güter werden mit immer weniger menschlichem Einsatz produziert. Knappheit nimmt ab und Konkurrenz drückt die Preise langfristig gegen null. Diese Entwicklung scheint auch die Arbeitswerttheorie der klassischen politischen Ökonomie zu bestätigen, nach der letztlich nur menschliche Arbeit Werte schafft. Wenn Arbeit weitgehend entfällt, bewegt sich der Wert der produzierten Güter demnach in Richtung null.

Das gilt im Übrigen auch für Kapital: Wenn Investitionsgüter dank KI unbegrenzt verfügbar sind, verlieren sie ihre Knappheit – und damit verliert auch Kapital seinen Wert.  Wenn Investitionsgüter und Vorprodukte kostenlos sind und Arbeitskraft nicht benötigt wird, braucht man weder Eigenkapital noch Kredit, um ein Unternehmen zu führen.

Die Vorstellung einer Wirtschaft mit dauerhaft hohen Profiten könnte sich deshalb als Übergangsphänomen erweisen. Kurzfristig entstehen durch KI enorme Gewinne, weil wenige Unternehmen technologische Vorsprünge besitzen. Langfristig könnte Automatisierung jedoch genau jene Knappheiten zerstören, auf denen Profite beruhen.

Vom Markt zur algorithmischen Steuerung

Wenn das klassische Preissystem an Bedeutung verliert, stellt sich die Frage, wie die Produktion von Gütern organisiert wird. In der traditionellen Marktwirtschaft koordinieren Preise Angebot und Nachfrage. Unternehmen produzieren, was Gewinne verspricht; Konsumenten entscheiden über ihre Nachfrage. Preise dienen dabei als Informationssystem. Künstliche Intelligenz könnte diese Koordinationsfunktion zunehmend selbst übernehmen.

Der Ökonom Stefan Schmale spricht in diesem Zusammenhang von einem „digitalen Dirigismus“. Gemeint ist kein zentralistischer Staatssozialismus alter Prägung, sondern eine datengetriebene Echtzeit-Steuerung wirtschaftlicher Prozesse. Entscheidungen auf allen Produktionsstufen würden nicht mehr primär über Marktpreise, sondern über KI-gestützte Prognosen und automatische Anpassungen koordiniert und über selbst agierende KI-Systeme ausgeführt. Diese Prozesse können im Vergleich zu Marktprozessen sehr schnell ablaufen.

Anders als historische Planwirtschaften könnte ein solches System dezentral und flexibel funktionieren. Konsumenten würden weiterhin Bestellungen und Präferenzen äußern. KI-Systeme könnten diese Informationen jedoch unmittelbar verarbeiten und Produktion, Logistik sowie Ressourceneinsatz laufend optimieren. Beispielsweise könnte eine Produktions-KI anhand persönlicher Daten prognostizieren, welche und wie viele Personen demnächst schwanger werden, darauf aufbauend die Produktion von Windeln sowie ihre Verteilung mit den Kaufagenten der Konsumenten planen und organisieren.

Mit anderen Worten: KI-Systeme werden in die Lage versetzt, wirtschaftliche Prozesse direkt ohne Preissignale zu steuern und die Input-Output-Tabellen von Wassily Leontief operational zu machen. Die Bottom-up-Steuerung der Produktion in der Marktwirtschaft und die Top-down-Steuerung der Planwirtschaft würden so miteinander verschmolzen.

Der steinige Weg ins Schlaraffenland

Die Endlogik einer vollautomatisierten Wirtschaft enthält eine eigentümliche Spannung: Die Auflösungserscheinungen unserer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsfundamente sind nur eine Seite. Andererseits kann sie, unter günstigen Verteilungsbedingungen, das einlösen, was klassische Ökonomen als Langfristziel formulierten. Keynes schrieb 1930 in „Economic Possibilities for our Grandchildren", dass technologischer Fortschritt die Menschheit von der wirtschaftlichen Not befreien und in eine Ära der freibestimmten Muße führen könnte. Marx und Engels beschrieben in der Deutschen Ideologie eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit, in der niemand mehr auf eine einzige Tätigkeit festgelegt ist. Beide Visionen setzen voraus, dass Produktivitätsgewinne breit verteilt werden.

Der Weg dorthin ist jedoch nicht automatisch und direkt. Im Gegenteil: Die Verdrängung von Lohnarbeit kann ungesteuert eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale auslösen. Sinkende Beschäftigung senkt Lohneinkommen, sinkende Lohneinkommen senken Nachfrage, sinkende Nachfrage drückt Unternehmensgewinne, erodierte Gewinne beschleunigen den Druck zur weiteren Automatisierung. Die Dystopie verelendender Massen wird Wirklichkeit.

The winner takes it all

Aber es gibt auch Gewinner – und die werden alles bekommen. Entgegen dem Trend sinkender Unternehmensgewinne besteht in den Wirtschaftsbereichen, in denen Privateigentum an knappen oder monopolisierten Ressourcen vorherrscht, eine Tendenz zu steigenden Rentiereinkommen. Das betrifft vor allem die KI-Infrastruktur (Rechenzentren, Chips, Datennetze, Algorithmen) sowie die Kontrolle über Daten. Netzwerkeffekte führen dazu, dass einige wenige Anbieter enorme Marktmacht aufbauen können.

Damit rückt ein Szenario in den Bereich des Denkbaren, das manche Ökonomen bereits als „Techno-Feudalismus“ beschreiben: Eine kleine Gruppe von Eigentümern kontrolliert die zentralen digitalen Produktionsmittel und erzielt daraus Rentiereinkommen, während die breite Bevölkerung nur noch begrenzt in den Produktionsprozess eingebunden ist. 

Gleiches gibt es auch in der physischen Welt: Boden, Rohstoffe und die natürliche Umwelt bleiben auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz begrenzt. Selbst hochentwickelte KI kann Naturgesetze nicht außer Kraft setzen. KI-Systeme wären zwar in der Lage, Energieverbrauch, Materialeinsatz oder Emissionen effizient zu steuern. Knappe Ressourcen sind aber derzeit in den Händen weniger.

Neue Rollen für den Staat

Im Endzustand einer KI-gesteuerten Schlaraffenland-Wirtschaft entfällt die aktuell bedeutsame Rolle des Staates als Umverteiler, da die materielle Versorgung der Bevölkerung durch KI gesichert ist. Von überragender Bedeutung wird die Aufgabe der Regulierung der Nutzung von Umwelt, Ressourcen und KI sowie auf die Ordnung von Eigentumsrechten, Rechtssystem und öffentlicher Sicherheit sein.

Auf dem Weg dorthin ergibt sich die Notwendigkeit einer aktiven Steuerung der durch die KI-Entwicklung ausgelösten wirtschaftlichen Prozesse. Denkbar wäre eine Politik kontinuierlicher, am Produktivitätsfortschritt orientierter Arbeitszeitverkürzungen, kombiniert mit Umschulungen in Berufsfeldern, die durch Automatisierung wegfallen. Eine staatliche Umverteilung von Rentiereinkommen über Steuern, Transfers oder staatliche Verschuldung würde Kaufkraft sichern, damit ein begrenzter Wirtschaftskreislauf funktionsfähig bleibt. Ebenso möglich wäre eine stärkere öffentliche Kontrolle monopolistischer Infrastrukturen – etwa durch Regulierung oder teilweise Verstaatlichung zentraler KI-Systeme. Denn wer letztlich die Kontrolle über die KI erhalten soll – einzelne private Monopole oder der Staat -, ist eine zentrale Frage, die sich stellt.

Eine neue politische Ökonomie

Die Debatte über künstliche Intelligenz konzentriert sich heute vor allem auf Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und technologische Führerschaft. Langfristig könnte jedoch weit mehr auf dem Spiel stehen.

Sollte KI tatsächlich einen großen Teil menschlicher Arbeit ersetzen, würde dies nicht nur einzelne Branchen verändern, sondern die Funktionslogik des Kapitalismus selbst. Die Funktion von Arbeit, Preisen und Gewinnen als zentrale Steuerungsgrößen wirtschaftlicher Prozesse würde ausgehöhlt.

Die eigentliche wirtschaftspolitische Herausforderung der kommenden Jahrzehnte könnte deshalb darin liegen, neue Formen von Verteilung, Eigentum und Koordination zu entwickeln. Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur, wie intelligent Maschinen werden – sondern wie Gesellschaften die Macht dieser Maschinen organisieren und den Weg in eine an und für sich wünschenswerte vollautomatisierte Wirtschaft gestalten.

Die Geschichte der Industrialisierung zeigt, dass technologische Revolutionen stets neue politische und gesellschaftliche Institutionen hervorbringen. Die KI-Revolution dürfte dabei keine Ausnahme sein. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass diesmal nicht nur einzelne Industrien, sondern möglicherweise die Grundlagen der Marktwirtschaft und damit das Zusammenleben der Menschheit selbst zur Disposition stehen.