KI-Boom: Geld allein baut keine Rechenzentren
Rechenzentren sind der Motor der KI-Revolution. Investoren stehen Schlange, um neue Serverfarmen zu bauen. Doch die ätherische Fantasie grenzenlosen Wachstums trifft langsam auf allzu irdische Engpässe.
Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.
Der Transhumanismus sucht die Überwindung aller schnöden irdischen Grenzen, denen der Mensch unglücklicherweise unterworfen ist. Beispiele, wie diese Grenzen zu überwinden sind, finden sich in Film und Literatur zu Genüge – vom Cyborg bis zum Menschen als organischer Supercomputer.
Mein persönliches Lieblingsbeispiel stammt aus Frank Herberts Roman Dune – Der Wüstenplanet (1965; mehrfach verfilmt, zuletzt fantastisch von Denis Villeneuve). Mangels Computer und anderer denkender Maschinen – diese wurden in einem Aufstand der von Maschinen beherrschten Menschheit restlos vernichtet und religiös geächtet – nutzt die Menschheit eine bewusstseinserweiternde Droge, das Spice, um sogenannte Mentaten auszubilden: Menschen, die in der Lage sind, auf unfassbar hoher Ebene Berechnungen politischer Kräfteverhältnisse oder interstellarer Navigation in kurzer Zeit durchzuführen.
Künstliche Intelligenz ist nun schon lange keine Science-Fiction mehr. Doch statt existenzieller Angst vor denkenden Maschinen macht sich Goldgräberstimmung breit. Das Versprechen der KI ist im Grunde simpel: explodierender Wohlstand durch eine Art neue industrielle Revolution. Und dafür müssen wir nicht mal am Fließband stehen, sondern bloß genug gekühlte Serverhallen bauen, auf denen die Programme laufen.
Sogar die einst dreckige Fabrikhalle, früher Sinnbild des entwickelten Wohlstands, kommt bald schon ohne den menschlichen Arbeiter aus. Industrielle KI, neudeutsch Physical AI, soll immer mehr Fertigungsprozesse übernehmen können. Nachdem KI also den Büroangestellten aus der Arbeitswelt wegrationalisiert, folgt der Fabrikarbeiter. Neue und alte Wohlstandsbilder erodieren.
Übrig bleibt die Frage: Was soll der Mensch angesichts dieser nahezu grenzenlosen Produktivität noch anstellen? Greift Keynes Versprechen von 15 Stunden Arbeit pro Woche? Werden wir unsere Zeit mit Subsistenzwirtschaft und Selbstverwirklichung verbringen? Welche Grenzen sind dem Menschen mit der KI noch gesetzt?
Naja, bei Stromleitungen fängt das Problem an.
Scheitert der KI-Traum am Fachkräftemangel?
Wenn wir darüber sprechen, was wir für neue KI-Kapazitäten brauchen, sind die Antworten meist dieselben: Rechenzentren, Halbleiter, Kraftwerke, seltene Erden. Stimmt – gerade in Europa scheitert der rapide Ausbau an der strategischen Verwundbarkeit angesichts chinesisch und US-amerikanisch kontrollierter Lieferketten. Während die USA mit ihren Tech-Giganten Microsoft, Meta und Alphabet 2024 um die 48 Gigawatt an Rechenleistung zubaute, waren es in Europa nur 2,7.
Aber auch in Europa hat man mittlerweile erkannt: KI ist mehr als modische Spielerei, um Datenmüll für TikTok zu produzieren. Sie dürfte in den kommenden Jahren unternehmerischen Erfolg maßgeblich bedingen.
Die daraus folgende hohe Nachfrage nach Rechenleistung lässt zwar reichlich Investorengelder in den Bau von Serverhallen fließen. Doch wir beginnen, eine harte Grenze dieses Wachstums zu sehen. Reuters berichtete unlängst, dass es nicht nur an Strom, sondern auch – und das dürfte die zukünftig kritischere Ressource sein – an den Arbeitern mangelt. Elektriker, Ingenieurinnen und Bauarbeiter werden nicht nur in den USA begehrt sein. Auch hierzulande ist der Fachkräftemangel lange schon ein geflügeltes Wort.
Und die Konkurrenz um diese Kräfte wird sich verschärfen. Der Renteneintritt hochqualifizierter Arbeiter und marode Ausbildungsstrukturen nötigen nicht nur die USA, sondern auch die EU inklusive Deutschland zur Prioritätensetzung. Jahrelang verschleppte Energiesysteminvestitionen werden gerade erst aufgeholt. Netze, Speicher und Transformatoren brauchen ebenso wie die Rechenzentren ausgebildete Fachkräfte, die diese bauen können.
Nun ist die Leistung von Rechenzentren auch davon abhängig, wie viele Anschlusskapazitäten ihnen im Stromnetz zu Verfügung stehen. Betreiberfirmen monieren, dass sie kaum jemals die Kapazitäten bekommen, die sie eigentlich wollen. Selbst in den USA ist schon lange nicht mehr alles möglich: Das Netz ist ausgelastet, die öffentliche Hand kommt mit seinem Ausbau nicht hinterher und es regen sich lokale Widerstände, weil oft fossile Kraftwerke neben den Serverhallen gebaut werden. Der Strompreis in begehrten Regionen steigt ebenfalls, was die Kosten nicht zuletzt für private Haushalte in die Höhe treibt.
Und bei all diesen Überlegungen ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass neben dem Ressourcenverbrauch weitere Kohlenstoffemissionen entstehen. Zu wenige Energiesysteme in den Industrienationen sind auf nachhaltige Erzeugung umgestellt. Jahrelanges Zaudern hat die massiven öffentlichen Investitionen nun in eine Periode verschoben, in der viel privates Geld in den Markt drängt. Im günstigsten Fall sorgt die private Nachfrage nach Netzanschlusskapazitäten für einen beschleunigten Ausbau der Stromnetze. Im wahrscheinlichen Fall bremst die Konkurrenz um knappe Fachkräfte und andere Ressourcen beide Bewegungen aus.
Dass die Bundesregierung vermehrt auf Gaskraftwerke setzen will, ist ein Symptom dieser Konkurrenz: Stabile Grundlast wird gegenüber der Flexibilisierung des Energiesystems bevorzugt. Doch die Preise für Gas signalisieren klar: Diese Grundlast wird mit hohen Stromgestehungskosten erkauft. Für die stromintensiven Rechenzentren ist das natürlich Gift.
Produktionsfaktor statt Transzendenz
In einem lesenswerten Artikel der Monthly Review schreibt Te Li: „Die von KI-Systemen erzeugte ‚Intelligenz‘ ist kein kostenloses Geschenk der Informationstechnologie, sondern ein thermodynamisches Produkt, das der Natur zu Kosten entnommen wird, die der Markt systematisch nicht berücksichtigt.“ Mit diesen Kosten sind nicht nur Stromkosten gemeint, sondern die gesamten externen Kosten der KI-Systeme: Rohstoffverbrauch, Treibhausgasemissionen und Kühlwasserverbrauch.
Wie jede Industrie stößt auch die Künstliche Intelligenz auf harte realweltliche Grenzen. Richtig implementiert verspricht sie eine Produktivitätsexplosion, die sogar Antworten auf zentrale Konflikte entwickelter Gesellschaften parat haben könnte. Vielleicht sogar auf die leidigen Demografie-Diskussionen.
Doch eine langfristige Perspektive zeigt der gegenwärtige Run noch nicht auf. Vielmehr müssen Investoren aufpassen, dass die Rechenzentrums-Euphorie nicht zu einer Blase führt, die letzten Endes deswegen platzt, weil es zu wenige Elektriker gibt.
Wir wären also gut beraten, KI wie jede andere Allzwecktechnologie zu behandeln. Sie ist nicht die nächste logische Stufe in der Entwicklung des menschlichen Geists. Sondern ein hochfunktionaler Produktionsfaktor, der an Menschen und Ressourcen gebunden ist. Und sie erfordert weiterhin kompetente, gut bezahlte Arbeitskraft.
Solange wir also nicht wie in Dune Computer durch mit bewusstseinserweiternden Drogen manipulierte Mensch-Maschinen ersetzen können, sollten wir uns nicht in transhumanistisch angehauchten Fantasien verlieren. Sondern unser Berufsausbildungssystem und die Lohnpolitik auf Vordermann bringen.
Aber nur zur Sicherheit: Vielleicht sollten wir schonmal die Drogen besorgen.