Makroskop
Geldsystem

Zwingt der Zins zu Wachstum?

| 14. Oktober 2025
IMAGO / greatif

Der Zins sei ein systemischer Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum, heißt es oft. Stimmt das wirklich?

Verdammt uns das aktuelle Geld- und Wirtschaftssystem inklusive des Zinses zu ständigem Wachstum? Nimmt ein Unternehmen beispielsweise für Investitionen, die es tätigen will, einen Bankkredit auf, muss es bei der Tilgung einen Zins bezahlen. Das Unternehmen zahlt neben dem Kredit also einen zusätzlichen, darüberhinausgehenden Betrag an die Bank.

Um den Bankkredit inklusive des Zinses bedienen zu können, muss das kreditnehmende Unternehmen über seine Geschäfte einen finanziellen Überschuss erzielen. Die vorherrschende Schlussfolgerung ist dabei: Der Zins zwingt gesamtwirtschaftlich zu Wirtschaftswachstum. Doch ist das korrekt?

Wirtschaft ist ein Kreislauf

Michael Paetz, Ökonom an der Universität Hamburg, sieht das anders: „Wenn die Zinseinnahmen der Banken und die Profite der Unternehmen am Ende wieder in den Wirtschaftskreislauf gehen, gibt es keinen Zwang zu wachsen.“ Die Logik veranschaulicht Paetz an einem einfachen Gedankenexperiment, wie es auch in seinem neuen Lehrbuch zu finden ist:

Angenommen eine Bank erzeugt für ein Unternehmen einer beliebigen Branche einen Kredit von 100 Euro und verlangt dafür einen Zins von fünf Euro. Um den Kredit zurückzahlen zu können und weil es zusätzlich einen Profit von fünf Euro erlangen möchte, verlangt das Unternehmen nun Preise von 110 statt 100 Euro. Insgesamt nimmt es also zehn Euro mehr ein als der Kredit wert ist.

Doch wo kommen die zusätzlichen zehn Euro her? „Wenn die fünf Euro Profit des Unternehmens an die Eigentümer ausgeschüttet werden und die Banken die fünf Euro Zinseinnahmen nutzen, um die Angestellten zu bezahlen, dann stehen die zusätzlichen zehn Euro wieder zur Verfügung, um die Güter des Unternehmens nachzufragen“, so Paetz.

In jeder Runde wird so für 100 Euro produziert und für 110 Euro verkauft, ganz ohne Wachstum – so die Logik. Eine Bedingung hat das Spiel: Profite müssen ausgezahlt werden. „Das ist in der Realität nicht immer der Fall“, sagt Paetz. Wenn Menschen Geld sparen, fehle das im Kreislauf. Ein systemischer Wachstumszwang sei das allerdings nicht.

"Das Problem ist nicht der Zins, sondern das Verhalten der Menschen. Wenn eine Gruppe einen Teil ihrer Einnahmen nicht wieder ausgeben möchte, muss zwangsläufig eine andere mehr ausgeben als sie einnimmt. Dass Unternehmen wachsen wollen, um ihre Profite zu erhöhen, ist etwas völlig anderes und liegt daran, dass Menschen ihren Wohlstand mehren wollen und nicht am Zinssystem", so Paetz.

Konkurrenzdruck und Wachstum

Ein weiterer potenzieller Wachstumszwang liegt in der Funktionsweise des Wirtschaftssystems per se. In einer kapitalistischen Marktwirtschaft stehen Unternehmen in Konkurrenz zueinander. Bieten mehrere Unternehmen ähnliche Güter zum Verkauf an, stehen diese im Wettbewerb um die Nachfrage. Dabei geht es zum einen um Profit, zum anderen möglicherweise auch um die reine Existenz.

„Es besteht die Gefahr, dass andere dir deine Marktanteile streitig machen und dich vom Markt verdrängen, was dir einen Anreiz gibt, effizienter zu wirtschaften. Das ist dann tatsächlich eine Form von systemischem Zwang“, sagt Paetz.

Dieser Zwang zur Produktivitätssteigerung könnte theoretisch aber auch genutzt werden, um bei gleicher Produktion weniger Arbeit einzusetzen. Da größere Unternehmen in der Regel günstiger produzieren können, gilt häufig jedoch: Wer nicht wächst, verliert. Dieses einzelwirtschaftliche Kalkül spiegelt sich dann in der gesamten Wirtschaft wider.

Wirtschaftswachstum ist Thema Nummer eins in der Politik. Der aktuelle Bundeskanzler Friedrich Merz möchte Deutschland etwa zur Wachstumslokomotive machen. Wie ist das generell zu bewerten?

„Wirtschaftswachstum erzeugt einen größeren Verteilungsspielraum. Das macht politisch einiges einfacher, aber wir sollten da keinen Fetisch haben“, so Paetz. Grundsätzlich haben wir gewisse Beschränkungen: Wir müssen schauen, dass wir die knappen Ressourcen nicht komplett aufbrauchen und dass wir bestimmte Produktionsweisen ändern, weil sie klimaschädlich sind, sagt Paetz weiter. Dafür müssten wir gesetzliche Regelungen finden. Am Ende sehe man dann, ob noch Wachstum dabei herauskomme.