FCAS und Europas Rüstungsdilemma
Deutschland hat das Flaggschiff-Kampfflugzeugprogramm FCAS eingestellt – mit weitreichenden Folgen für die europäische Verteidigung.
Fast ein Jahrzehnt lang haben Frankreich, Deutschland und Spanien versucht, das zu entwickeln, was Europas führendes Kampfflugzeug der nächsten Generation werden sollte. Doch das Programm „Future Combat Air System“ (FCAS) ist faktisch gescheitert – an Streitigkeiten über die Führungsrolle, die Arbeitsverteilung und das geistige Eigentum. Für die europäische Verteidigungszusammenarbeit ist das ein schwerer Rückschlag.
Dennoch sollten die Europäer von dem Ende nicht überrascht sein. Die Geschichte der europäischen Kampfflugzeugentwicklung ist übersät mit Programmen, die unter der Last konkurrierender nationaler Ambitionen zu leiden hatten. In dieser Hinsicht erscheint FCAS weniger als ein außergewöhnlicher Misserfolg, sondern vielmehr als das neueste Kapitel einer sich wiederholenden Geschichte.
Die wichtigere Frage ist nicht, warum das FCAS-Programm in Schwierigkeiten geraten ist. Sondern vielmehr, was das Scheitern über die Fähigkeit Europas aussagt, jene militärischen Fähigkeiten zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, die es in einer instabileren Welt benötigen wird.
Potenzielle militärische Gegner Europas investieren derzeit massiv in integrierte und mehrschichtige Luftabwehrsysteme, die Langstreckenraketen, elektronische Kampfführungsfähigkeiten und immer ausgefeiltere Sensoren umfassen. Um in künftigen Konflikten die Fähigkeit zu bewahren, verteidigten Luftraum zu durchdringen, wäre ein technologischer Quantensprung nötig.
Genau dieser Quantensprung sollte das FCAS sein – ein Luftkampfsystem der sechsten Generation. Im Zentrum sollte nicht mehr nur ein einzelner Kampfjet stehen, sondern ein vernetztes Gesamtsystem: Der Pilot soll gemeinsam mit autonomen Begleitdrohnen operieren, Informationen aus einer Vielzahl von Sensoren in Echtzeit erhalten und durch elektronische Kampfführung gegnerische Systeme stören können. Eine digitale Gefechtswolke soll sämtliche Komponenten miteinander verbinden und so ab den 2040er Jahren ein völlig neues Zusammenspiel in der Luft ermöglichen.
Doch die Entwicklung eines solchen Systems gehört zu den teuersten Technologievorhaben Europas. Die Gesamtkosten werden auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt. Kein europäischer Staat könnte ein Luftkampfsystem dieser Größenordnung allein finanzieren und entwickeln. Durch die Bündelung von Geld, technischem Know-how und industriellen Kapazitäten wollen die Partner Fähigkeiten schaffen, die für sie einzeln kaum erreichbar wären.
Realitätscheck
Das Problem: Trotz des gemeinsamen Projekts verfolgten die Partnerstaaten, allen voran Frankreich und Deutschland, sehr unterschiedliche Interessen.
Für Frankreich ging es beim FCAS nie nur um den Ersatz des Rafale-Kampfjets. Das Nachfolgesystem sollte auch künftig die luftgestützte Komponente der französischen Nuklearstreitkräfte tragen, von Flugzeugträgern aus operieren können und vor allem die nationale Fähigkeit sichern, hochmoderne Kampfflugzeuge eigenständig zu entwickeln und zu bauen. Der französische Anspruch auf die Führungsrolle im Projekt war daher weniger Ausdruck industrieller Eitelkeit als der Wunsch, diese strategische Souveränität zu bewahren.
Deutschland wiederum wollte vermeiden, dass mit öffentlichen Milliarden ein Programm entsteht, bei dem das entscheidende Know-how, die geistigen Eigentumsrechte und die technologische Führungsrolle langfristig beim französischen Hersteller Dassault konzentriert werden. Aus Sicht von Airbus und der Bundesregierung musste das Projekt daher auf Augenhöhe organisiert werden.
Diese Spannungen sind keineswegs neu. In den 1960er Jahren versuchten Großbritannien und Frankreich, ein anglo-französisches Flugzeug mit variabler Geometrie zu bauen. Doch Frankreichs Rückzug im Jahr 1967 – aus ähnlichen Gründen wie beim FCAS – führte zum Scheitern des Projekts.
Andere Beispiele wiederum zeigen, dass europäische Rüstungskooperationen durchaus funktionieren können. Bereits in den 1970er Jahren entwickelten Deutschland, Großbritannien und Italien gemeinsam den Panavia Tornado. Wenige Jahre später entstand das Eurofighter-Konsortium. Obwohl Frankreich ausstieg, um mit der Rafale einen eigenen Kampfjet zu entwickeln, führten Großbritannien, Deutschland und Italien das Projekt fort; später stieß Spanien hinzu. Das Ergebnis war der Eurofighter Typhoon, der bis heute zu den wichtigsten Kampfflugzeugen Europas zählt.
Abhängigkeit von den USA
Seit Jahrzehnten sollen europäische Rüstungskooperationen mehrere Ziele zugleich erfüllen: militärische Fähigkeiten bereitstellen, nationale Industrien stärken und zugleich die politischen Beziehungen zwischen den Partnerstaaten stabilisieren. Dieser Kompromiss war tragbar, solange die Vereinigten Staaten Europas Sicherheit garantierten und Russland nicht als unmittelbare Bedrohung galt. Heute fällt er deutlich schwerer. Denn wenn Europa sicherheitspolitisch eigenständiger werden will, rückt die militärische Leistungsfähigkeit zwangsläufig stärker in den Vordergrund.
Hinzu kommt ein struktureller Wandel. Europäische Regierungen verfügen heute vielfach über weniger Einfluss auf die Rüstungsindustrie als noch während des Kalten Krieges. Während Airbus weiterhin teilweise in öffentlicher Hand ist, wird Dassault von der Gründerfamilie kontrolliert. Noch geringer ist der staatliche Einfluss auf Technologieunternehmen, deren Software, Sensorik und KI für moderne Waffensysteme immer wichtiger werden.
Gerade darin liegt das eigentliche Problem. Streitkräfte werden über Jahrzehnte aufgebaut, nicht innerhalb einer Legislaturperiode. Gelingt es den europäischen Regierungen nicht, Industrie und Technologieunternehmen auf gemeinsame Verteidigungsziele auszurichten, könnten genau dann kritische Fähigkeitslücken entstehen, wenn glaubwürdige Abschreckung erforderlich wäre.
Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorious hat bereits drei Alternativen zum FCAS skizziert. Die erste und einfachste besteht darin, mehr F-35 aus den USA zu kaufen. Dies würde jedoch hinter den deutschen Anforderungen zurückbleiben und gleichzeitig die Abhängigkeit von den USA vertiefen – etwas, das europäische Nationen unbedingt vermeiden wollen.
Die zweite Option besteht darin, sich einer anderen Kooperation anzuschließen, höchstwahrscheinlich dem britisch-italienisch-japanischen Vorhaben zum Bau eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation, dem sogenannten Global Combat Air Programme (GCAP). Deutschlands wachsender Verteidigungshaushalt könnte dem Projekt zusätzliche Finanzmittel und ein größeres Auftragsvolumen verschaffen. Doch auch diese Option löst nicht das Problem einer wachsenden Abhängigkeit.
Zumal: Wenn Berlin bereits im FCAS keine nachrangige Rolle akzeptieren wollte, dürfte dies auch für das GCAP gelten. Für die bisherigen Partner wäre ein deutscher Beitritt deshalb mit erheblichen Risiken verbunden. Zwar würde Deutschland zusätzliches Geld und größere Stückzahlen einbringen. Zugleich könnte der Einstieg neue Verhandlungen über Zuständigkeiten, industrielle Beteiligungen und Entscheidungsrechte erzwingen und damit ein Programm verzögern, das bereits ab 2035 einsatzbereit sein soll.
Als dritte Möglichkeit gilt ein von Deutschland geführtes Programm, das derzeit unter dem Dach des Industriekonsortiums „Team Gen 6“ diskutiert wird. Die von Airbus angeführte Allianz aus acht Rüstungsunternehmen würde den deutschen Anspruch auf technologische Führungsrolle wahren und könnte Partner wie Spanien oder Schweden einbinden.
Ambitionen wachsen schneller als die Fähigkeiten
Der Preis dafür wäre allerdings hoch. Ein weiteres europäisches Kampfflugzeugprogramm würde nicht nur Milliarden verschlingen, sondern die ohnehin zersplitterte Rüstungslandschaft Europas weiter fragmentieren. Damit stiege das Risiko, dass keines der konkurrierenden Projekte die notwendige wirtschaftliche Größe erreicht.
Vor ähnlichen Abwägungen steht auch Frankreich. Ein nationaler Nachfolger für die Rafale würde Paris die vollständige Kontrolle über Technologie, nukleare Einsatzfähigkeit und den Betrieb von Flugzeugträgern sichern, wäre jedoch mit enormen Entwicklungskosten verbunden. Die Alternative wäre ein neuer Anlauf für eine europäische Kooperation – allerdings nur, wenn sich ein tragfähiger Kompromiss über Führungsanspruch und industrielle Arbeitsteilung finden lässt.
Ganz ausgeschlossen ist eine Einigung allerdings nicht. Sowohl Emmanuel Macron als auch Friedrich Merz haben bereits signalisiert, dass eine Zusammenarbeit auch in Teilbereichen denkbar wäre, etwa bei der Entwicklung von Drohnen oder des Triebwerks für das künftige Kampfflugzeug.
Die Erfahrungen mit dem FCAS belegen deshalb nicht, dass Europa grundsätzlich unfähig zur Zusammenarbeit ist. Frühere Programme haben das Gegenteil bewiesen, und auch das britisch geführte GCAP könnte zeigen, dass pragmatisch zusammengesetzte Koalitionen erfolgreicher sein können als politisch besonders ambitionierte Großprojekte.
Das FCAS offenbart jedoch ein tiefer liegendes Problem: Die sicherheitspolitischen Ambitionen Europas wachsen schneller als seine Fähigkeit, gemeinsame Rüstungsprojekte politisch, finanziell und industriell umzusetzen. Die Debatten über die Verteidigungsausgaben in zahlreichen europäischen Staaten zeigen, dass sich dieses Spannungsfeld keineswegs auf Deutschland und Frankreich beschränkt.
Zwar herrscht in Europa heute weitgehend Einigkeit darüber, dass sich die Sicherheitslage verschärft hat. Wesentlich schwieriger fällt es den Regierungen jedoch, die finanziellen Mittel bereitzustellen und die politischen Kompromisse einzugehen, die für eine gemeinsame europäische Verteidigungsfähigkeit notwendig wären. Genau darin könnte sich die eigentliche Schwäche Europas erweisen.