Makroskop
US-Zentralbank

Fed im Rampenlicht – ein Drama ohne Ende

| 29. April 2026
IMAGO / UPI Photo / eigene Montage

Vertagter Zinsentscheid, eskalierender Machtkampf: Wie Krieg, Inflation und Trumps Druck die US-Notenbank in eine historische Zerreißprobe treiben.

Die Weltwirtschaft hält den Atem an. In dieser Woche tagt das Federal Open Market Committee (FOMC), das geldpolitische Entscheidungsgremium der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve in Washington DC. Doch ein Zinsschritt gilt als nahezu ausgeschlossen. Zu groß ist die Unsicherheit, die der Konflikt mit dem Iran ausgelöst hat – ein Krieg, den US-Präsident Donald Trump einst als „little excursion“ abtat. Solange die Lage rund um die Straße von Hormus fragil bleibt, setzt die Federal Reserve auf Abwarten: keine Bewegung, keine Experimente – vorerst. “Wait and see”.

Offen ist dagegen, welche Signale die Fed für die zweite Jahreshälfte sendet. Wird sie Zinssenkungen in Aussicht stellen – oder eher auf Distanz gehen und einen restriktiveren Ton anschlagen? Der Krieg treibt auch in den USA die Inflation wieder an, allen voran über steigende Benzinpreise; andere Preiswirkungen folgen erfahrungsgemäß zeitverzögert.

Gleichzeitig mehren sich Hinweise auf eine Abschwächung von Konjunktur und Arbeitsmarkt. Die geopolitische Unsicherheit wirkt wie eine zusätzliche Bremse. Damit rückt ein Szenario wieder in den Vordergrund, das Notenbanken besonders fürchten: Stagflation. Für die Federal Reserve bedeutet das eine klassische Zwickmühle. Ihr „duales Mandat“ – Preisstabilität und hohe Beschäftigung zugleich zu sichern – wird unter diesen Bedingungen zur Gratwanderung.

Powell unter Druck

Doch in dieser Woche geht es um mehr als nur den nächsten Zinsschritt. Für Jerome Powell dürfte es die letzte Sitzung an der Spitze des Federal Open Market Committee sein. Lange war unklar, ob es überhaupt so weit kommen würde.

Erst in der vergangenen Woche nahm die Personalie Fahrt auf: Der von Donald Trump nominierte Nachfolger Kevin Warsh erhielt im Bankenausschuss des US-Senats eine mehrheitliche Empfehlung. Die entscheidende Abstimmung steht nun an, anschließend dürfte der Weg für die Anhörung im Senat frei sein.

Zuvor hatte sich die Entscheidung über Monate hingezogen. Ausschlaggebend war der Widerstand des republikanischen Senators Thom Tillis, der seine Zustimmung verweigerte, solange das Justizministerium Ermittlungen gegen Powell vorantrieb – ein Verfahren, das auf Druck des Präsidenten zustande gekommen war. Mit der Einigung im Ausschuss scheint das institutionelle Tauziehen vorerst beendet. Ob damit auch die politische Einflussnahme auf die Notenbank endet, ist allerdings eine andere Frage.

Jerome Powell, Jahrgang 1953, ist Republikaner – und zugleich ein ungewöhnlicher Notenbankchef. Anders als viele seiner Vorgänger stammt er nicht aus der akademischen Ökonomie, sondern aus der Praxis: als Jurist und Investmentbanker in New York sowie zuvor als Staatssekretär im US-Finanzministerium unter George H. W. Bush.

Seinen Einstieg in die Geldpolitik verdankt Powell jedoch einem Demokraten: Barack Obama berief ihn 2012 in den Vorstand der Federal Reserve, zunächst befristet, 2014 dann für eine reguläre Amtszeit bis 2028. Zum Fed-Chef wurde er 2018 von Donald Trump ernannt – und später ausgerechnet von dessen politischem Gegner Joe Biden für eine zweite Amtszeit bestätigt.

Diese endet regulär im Mai 2026 – und markiert damit voraussichtlich das Ende einer bemerkenswert überparteilichen Karriere an der Spitze der amerikanischen Geldpolitik.

Damit steht Jerome Powell exemplarisch für eine lange Tradition der Überparteilichkeit an der Spitze der Federal Reserve. Trotz politischer Ernennung gilt die Notenbank im institutionellen Gefüge der USA als unabhängig – ein Anspruch, dem Powell in seiner Amtsführung weitgehend gerecht geworden ist.

Inhaltlich knüpfte er an die Linie seiner Vorgänger an: Unter Ben Bernanke unterstützte Powell die expansive Geldpolitik und die regulatorischen Reformen nach der Finanzkrise 2008. Dabei wies er wiederholt die Sorge zurück, eine lockere Geldpolitik könne angesichts hoher Staatsdefizite zu fiskalischer Dominanz oder steigender Inflation führen.

Auch den Kurswechsel unter Janet Yellen hin zu einer vorsichtigen geldpolitischen Straffung trug Powell mit – und setzte ihn nach seinem Amtsantritt im Februar 2018 zunächst fort. Kaum im Amt, geriet er jedoch unter massiven politischen Druck: Präsident Donald Trump machte ihn früh zur Zielscheibe öffentlicher Kritik.

In den folgenden Jahren wurden die Angriffe von Donald Trump auf Jerome Powell und die Federal Reserve zur politischen Dauerbeschallung – und zu einer Art Lehrstück darüber, wie fragil die vielbeschworene Unabhängigkeit einer Zentralbank unter politischem Druck sein kann.

Geldpolitisch war diese Phase alles andere als geradlinig. 2018 hielt die Fed zunächst an ihrem Straffungskurs fest. Trumps expansive Steuerpolitik wirkte in einer Phase hoher Auslastung zusätzlich stimulierend – bei steigender Inflation und historisch niedriger Arbeitslosigkeit ein heikler Mix.

Der Kurswechsel der Fed – und seine Folgen

Bereits 2019 folgte die Kehrtwende: Mit der Eskalation der Handelskonflikte kühlte sich die US- und Weltwirtschaft spürbar ab, die Fed reagierte mit Zinssenkungen.

Dann kam 2020 der Bruch. In der Pandemie senkte die Notenbank die Leitzinsen in Rekordtempo auf null und aktivierte ein breites Arsenal an Notfallinstrumenten. Neben bewährten Maßnahmen aus der Finanzkrise beschritt sie auch Neuland, etwa mit Programmen zur Stabilisierung von Kommunen und kleinen Unternehmen. Zugleich machte Powell ungewöhnlich klar, dass Geldpolitik allein nicht ausreicht: Er forderte den Kongress öffentlich auf, die fiskalische Unterstützung auszuweiten – ein bemerkenswert direkter Hinweis auf die Grenzen der Zentralbank.

Im Sommer 2020 legte Jerome Powell zudem die Ergebnisse einer grundlegenden Überprüfung der geldpolitischen Strategie der Federal Reserve vor – mit bemerkenswerten Akzentverschiebungen.

Im Zentrum stand nun stärker der Arbeitsmarkt: Die Fed betonte, dass wirtschaftliche Aufschwünge ihre positiven Effekte oft erst verzögert bei benachteiligten Gruppen entfalten und Beschäftigungsgewinne daher breiter und nachhaltiger sein müssen, um Ungleichheit zu verringern.

Zugleich rückte die Notenbank von einer stark modellgetriebenen Inflationssteuerung ab. Statt punktgenauer Prognosen setzte sie stärker auf eine datengestützte, flexible Ausrichtung – mit dem Ziel, Preisstabilität über den Zeitverlauf hinweg im Durchschnitt zu sichern, statt kurzfristige Abweichungen sofort zu bekämpfen.

Als die US-Wirtschaft 2021 mit Wucht aus der Pandemie zurückkam und die Inflation anzog, geriet die gerade erst reformierte Strategie der Federal Reserve unter Druck. Wie viel Überschießen würde sie zulassen – und wie lange?

Erst im März 2022, kurz nach der erneuten Nominierung von Jerome Powell durch Joe Biden, vollzog die Fed die Wende. Unter Verweis auf die Inflationsbekämpfung à la Paul Volcker leitete sie einen der schnellsten Zinserhöhungszyklen der jüngeren Geschichte ein, der bis zum Sommer 2023 anhielt.

Die Sorge vor einer „harten Landung“ war entsprechend groß – und schien sich zeitweise zu bestätigen. Im Frühjahr 2023 kollabierten mehrere mittelgroße US-Banken infolge hoher Verluste auf Anleihebestände. Powell geriet dabei auch politisch unter Druck: wegen seiner Unterstützung für frühere Lockerungen der Bankenregulierung unter der Trump-Regierung – und wegen Versäumnissen in der Aufsicht durch die Fed selbst.

Im weiteren Verlauf des Jahres 2023 entspannte sich die Lage überraschend: Konjunktur und Arbeitsmarkt blieben robust, während die Inflation deutlich zurückging. Als sich eine Annäherung an das Ziel von zwei Prozent abzeichnete, stellte Jerome Powell erste Zinssenkungen für 2024 in Aussicht.

Der erste Schritt folgte im September 2024 – ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Präsidentschafts- und Kongresswahlkampfs. Schon damals ließ Donald Trump keinen Zweifel daran, dass ihm Powell, den er selbst 2018 ins Amt gebracht hatte, ein Dorn im Auge war.

Mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nahm das institutionelle Spannungsverhältnis erneut zu. Die zweite Präsidentschaft wurde von Beginn an auch zu einer Belastungsprobe für die Federal Reserve.

Anfang 2025 schien es, als hätte die Federal Reserve unter Jerome Powell das Kunststück einer „weichen Landung“ tatsächlich geschafft: Die Inflation näherte sich dem Zwei-Prozent-Ziel, die Arbeitslosigkeit blieb niedrig, und eine Rezession war ausgeblieben. Zum zweiten Mal erbte Donald Trump damit von einem demokratischen Vorgänger eine vergleichsweise stabile Wirtschaft.

Doch an seiner Linie änderte das wenig. Trump setzte seine öffentliche Kritik an Powell unvermindert fort und forderte aggressive Zinssenkungen – bis auf ein Prozent oder darunter. Die Fed kam ihm teilweise entgegen und senkte die Leitzinsen in mehreren Schritten um jeweils 25 Basispunkte, stellte weitere Lockerungen in Aussicht.

Dem Präsidenten reichte das nicht. Er verschärfte seine Angriffe und machte Powell zur Zielscheibe persönlicher Attacken – von „too late Powell“ bis hin zu offenen Zweifeln an dessen Urteilsfähigkeit. Die geldpolitische Debatte verwandelte sich zunehmend in ein politisches Kräftemessen.

Weit gravierender war jedoch ein anderer Schritt: der Versuch, Jerome Powell über den Umweg strafrechtlicher Ermittlungen aus dem Amt zu drängen. Während der Präsident in der Regel weite Befugnisse zur Entlassung von Regierungsbeamten hat, genießt die Federal Reserve nach Auffassung des Verfassungsgerichts einen besonderen Schutzstatus.

Vor diesem Hintergrund richtete sich der Fokus plötzlich auf mutmaßliche Verfehlungen rund um die kostspielige Renovierung des Fed-Gebäudes in Washington. Die Baukosten waren deutlich höher ausgefallen als geplant – aus Sicht von Donald Trump ein ausreichender Anlass, um personelle Konsequenzen an der Spitze der Notenbank zu fordern. Das US Department of Justice nahm entsprechende Ermittlungen auf.

Parallel dazu geriet auch Lisa Cook ins Visier: Gegen das von Joe Biden ernannte Vorstandsmitglied wurden Vorwürfe im Zusammenhang mit einem Hypothekenantrag erhoben.

Das politische Kalkül liegt offen zutage: Durch personelle Umbesetzungen im Führungsgremium der Fed sollen geldpolitische Entscheidungen stärker in Richtung der vom Präsidenten gewünschten Zinssenkungen beeinflusst werden.

Warsh, Trump und die Zukunft der Zentralbank

Und damit rückt der designierte Nachfolger in den Fokus: Kevin Warsh. In Washington stellt sich bereits die naheliegende Frage, welche Erwartungen er erfüllen soll – und welche Zugeständnisse ihn an die Spitze der Federal Reserve gebracht haben.

Bei seiner Anhörung im Bankenausschuss wich Warsh einer klaren Position zum Ausgang der Präsidentschaftswahl 2020 aus – ein politisch sensibles Thema im Umfeld von Donald Trump. Ob er im Amt mehr Unabhängigkeit zeigt, bleibt offen. Ebenso möglich ist, dass ihn rasch dasselbe Schicksal ereilt wie seinen Vorgänger: öffentlicher Druck, politische Attacken und ein permanentes Kräftemessen mit dem Weißen Haus.

Inhaltlich steht Warsh für einen deutlich restriktiveren Kurs. Er gilt als Bewunderer von Milton Friedman und hatte bereits während der Finanzkrise unter Ben Bernanke Vorbehalte gegenüber der expansiven Geldpolitik geäußert. Heute plädiert er für eine Verkleinerung der Fed-Bilanz, eine Neuausrichtung der Kommunikation – und vor allem für eine stärkere Fokussierung auf Preisstabilität. Das Beschäftigungsziel der Notenbank tritt in seinen Äußerungen deutlich in den Hintergrund.

In der Debatte um die richtige Inflationsmessung setzt Kevin Warsh inzwischen eigene Akzente. Statt der von der Federal Reserve bevorzugten Kerninflationsrate plädiert er für den sogenannten „trimmed mean“, einen getrimmten Mittelwert, der extreme Preisausschläge ausblendet. Aktuell liegt dieser mit rund 2,3 Prozent deutlich unter der Kernrate von etwa 3,0 Prozent – und signalisiert damit scheinbar weniger Handlungsdruck.

Allerdings hat diese Messgröße einen Haken: Während des Inflationsschubs 2021/22 reagierte sie deutlich verzögert. Ausgerechnet in jener Phase, in der Warsh der Fed heute vorwirft, zu spät und zu zögerlich gehandelt zu haben. Damals sprach er vom „größten Fehler der Fed in den letzten 50 Jahren“. Dass nun ausgerechnet ein träger reagierender Indikator als verlässlicher Kompass dienen soll, wirkt zumindest inkonsistent.

Die Skepsis innerhalb des Systems ist entsprechend groß. Die regionale Federal Reserve Bank of Dallas hat jüngst in einer Analyse ausdrücklich vor den Schwächen solcher Messansätze gewarnt. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass Warsh in der Fed nicht auf ein widerspruchsfreies Umfeld treffen wird. Wenn er die Institution prägen will, wird er vor allem eines beweisen müssen: Unabhängigkeit – auch gegenüber dem politischen Druck, der ihn ins Amt gebracht hat.

Offen ist zudem, ob Jerome Powell nach dem Ende seiner Amtszeit als Chairman auch aus dem Board of Governors der Federal Reserve ausscheidet – wie es der politischen Konvention entspräche. Formal könnte er sein Mandat als stimmberechtigter Gouverneur noch bis Januar 2028 ausüben. Das hätte unmittelbare Folgen für die Machtbalance im Gremium: Donald Trump bliebe eine weitere Neubesetzung verwehrt.

Ein Verbleib Powells würde zugleich bedeuten, dass der designierte Fed-Chef Kevin Warsh mit der bestehenden Zusammensetzung arbeiten müsste – statt etwa einen loyalen Verbündeten wie Stephen Miran dauerhaft zu etablieren, der bislang als verlässlicher Unterstützer der Regierung gilt.

Auf die Frage nach seinen Plänen zeigte sich Powell zuletzt zurückhaltend. Seine Entscheidung, so erklärte er im März, hänge von zwei Faktoren ab: dem, was er für die Institution und die Öffentlichkeit als richtig erachte – und persönlichen Erwägungen. Klar machte er jedoch auch, dass ein Rücktritt für ihn nicht infrage komme, solange die gegen ihn gerichteten Ermittlungen nicht „vollständig und endgültig“ abgeschlossen seien.

Dass der republikanische Senator Thom Tillis seine Zustimmung zur Ernennung Warshs mit dem Hinweis auf eine angebliche Klärung durch das Justizministerium begründete, ändert daran wenig. Juristisch ist die Lage keineswegs eindeutig. Powell steht damit vor einer Entscheidung, die weit über seine Person hinausreicht – und die Machtverhältnisse in der amerikanischen Geldpolitik nachhaltig prägen dürfte.

Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass Jerome Powell im Amt bleiben könnte. Es entstünde ein Szenario mit „zwei Päpsten“ an der Spitze der Federal Reserve – ein institutionelles Kuriosum mit erheblichem Konfliktpotenzial. Das Drama um die Fed wäre damit vollständig. Für Donald Trump wäre das ein riskantes Spiel: Er würde seinem eigenen Kandidaten Kevin Warsh den Handlungsspielraum einengen.

Vieles spricht daher dafür, dass die Auseinandersetzungen an der Spitze der Fed nicht so schnell abebben werden. Wer darin vor allem Unterhaltungswert sieht, hat zumindest einen stabileren Nerv als die Märkte.