Kakaokolonien und Schokoladenimperien
Kakao aus Afrika, Gewinne im Norden: Warum Bauern trotz Rekordpreise kaum profitieren – und wie globale Konzerne die Schokoladenindustrie dominieren.
Selten wird in den Kampagnen für „faire Schokolade“ erwähnt, dass Kakao im Kern ein afrikanisches Produkt ist – obwohl die Pflanze selbst erst im 19. Jahrhundert durch europäische Kolonialmächte eingeführt wurde. Laut der International Cocoa Organization stammen heute rund 70 Prozent der weltweiten Kakaobohnen aus Afrika. Insgesamt wird Kakao ausschließlich im Globalen Süden produziert, vor allem in der Elfenbeinküste, Ghana, Ecuador und Indonesien.
Gleichzeitig prägt ein bekanntes Muster die Branche: Die Produktion liegt im Globalen Süden, die Gewinne entstehen im Globalen Norden. Während die Erzeugerländer Rohstoffe oder einfache Vorprodukte exportieren, kontrollieren Unternehmen aus Europa, Nordamerika und Teilen Asiens die lukrativen Stufen der Wertschöpfung – von der Verarbeitung über Marken bis zum Verkauf.
Im Jahr 2025 wurde Fadhel Kaboub vom New African Magazine in die Liste der 100 einflussreichsten Afrikaner in der Kategorie „Denker und Meinungsbildner” aufgenommen. Aus seiner Sicht leben die kolonialen Strukturen in Afrika weiterhin fort. In dieser Serie begründet er warum.
Der eigentliche Wert entsteht nicht auf der Plantage, sondern danach: Kakaobohnen werden zu Masse, Butter und Pulver verarbeitet und schließlich zu Konsumgütern veredelt. Genau diese Stufen werden von wenigen multinationalen Konzernen dominiert.
Ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zeigt, dass selbst der Ausbau der Verarbeitung in der Elfenbeinküste vor allem von Unternehmen wie Barry Callebaut, Olam und Cargill getragen wird. Das Land ist zwar führend in der Produktion und holt in der Verarbeitung auf, doch Kontrolle und Gewinne bleiben weitgehend bei Konzernen aus den Industrieländern.
In den vergangenen Jahren sind die Kakaopreise zeitweise auf über 10.000 US-Dollar pro Tonne gestiegen. Bei den Produzenten in der Elfenbeinküste und in Ghana kam davon jedoch nur ein Bruchteil an. Wie die Financial Times berichtet, hat das sogar den Schmuggel von Kakaobohnen angekurbelt. Wenn Produzenten systematisch vom Weltmarktpreis abgeschnitten sind, entstehen Anreize für informelle und illegale Handelsströme – ein Mechanismus, der den betroffenen Ländern zusätzliche Einnahmen entzieht. Auch regulatorische Ansätze wie die EU-Entwaldungsverordnung greifen hier ins Leere, da sie an den strukturellen Ursachen vorbeigehen.
Man muss den Margen folgen, nicht dem Marketing
Ein Blick auf die Verteilung der Wertschöpfung zeigt, wo das Problem liegt. Laut Oxfam entfallen bei einer in Deutschland verkauften Standard-Milchschokolade rund 42 Prozent des Endpreises auf den Einzelhandel, während Kakaobauern weniger als 9 Prozent erhalten. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache: Entscheidend ist nicht, wo Kakao angebaut wird, sondern wer über Verarbeitung, Marken und Vertrieb verfügt.
Die Gewinne konzentrieren sich entsprechend bei wenigen großen Konzernen. Unternehmen wie The Hershey Company und Mondelez International erzielen operative Margen von teils über 20 Prozent – in einem Sektor, der gleichzeitig vorgibt, kaum Spielraum für höhere Einkommen der Produzenten zu haben. Diese Diskrepanz verweist weniger auf Einzelfälle als auf strukturelle Marktmacht.
Diese Macht ist entlang der gesamten Wertschöpfungskette organisiert. Zwischen Produzenten und Konsumenten stehen große Verarbeiter wie Barry Callebaut, Cargill und Olam, die zentrale Engpässe kontrollieren. Auf der nächsten Stufe dominieren globale Markenhersteller wie Nestlé, Mars, Ferrero oder Lindt & Sprüngli die margenstarke Vermarktung. Am Ende der Kette entscheiden große Einzelhändler darüber, welche Produkte überhaupt Zugang zu zahlungskräftigen Märkten erhalten. Ohne Regalfläche bleibt selbst ein veredeltes Produkt unsichtbar.
Das Grundproblem liegt daher nicht in einzelnen „schlechten Akteuren“, sondern in der Struktur des Systems. Preis- und Klimarisiken werden auf die Produzenten im Globalen Süden abgewälzt, während die Preissetzungsmacht bei Verarbeitern, Marken und Einzelhandel im Globalen Norden konzentriert ist. Solange Bauern weniger als 10 Prozent des Endwerts erhalten und gleichzeitig zweistellige Gewinnmargen entlang der Kette erzielt werden, bleibt jede Debatte über „faire Produktion“ zwangsläufig oberflächlich.
Eine Verschiebung dieser Verhältnisse wird sich kaum durch Appelle an Unternehmen erreichen lassen. Sie setzt vielmehr ein koordiniertes Vorgehen der Produzentenländer voraus. Bislang treten viele von ihnen als voneinander getrennte Rohstoffexporteure auf – und spielen damit ein Spiel, dessen Regeln andere festgelegt haben. Dabei könnten gerade die Elfenbeinküste und Ghana, die zusammen den Großteil der weltweiten Kakaoproduktion verantworten, eine andere Rolle einnehmen.
Der entscheidende Schritt liegt jenseits der Plantagen
Solange zentrale Verarbeitungsschritte von internationalen Konzernen dominiert werden, bleibt der größere Teil der Wertschöpfung im Ausland. Eine eigenständigere Industriepolitik würde daher nicht nur auf höhere Erntemengen zielen, sondern auf den Aufbau lokaler Verarbeitung, auf Infrastruktur, Energieversorgung und technisches Know-how – und nicht zuletzt auf die Frage, wem diese Anlagen gehören.
Ebenso grundlegend ist die Frage der Verhandlungsmacht. In der Vergangenheit konzentrierten sich viele Initiativen darauf, Mindestpreise für Rohkakao zu sichern. Doch der eigentliche Hebel liegt tiefer in der Kette: bei Verarbeitungsbedingungen, Technologietransfer und langfristigen Lieferbeziehungen. Wer nur über den Preis der Bohne spricht, überlässt die entscheidenden Margen weiterhin anderen.
Hinzu kommt die Abhängigkeit von Absatzmärkten im Globalen Norden. Supermärkte in Europa und Nordamerika fungieren als Gatekeeper – sie entscheiden, welche Produkte sichtbar werden und welche nicht. Eigene Marken, regionale Märkte und stärkerer Süd-Süd-Handel könnten diese Abhängigkeit zumindest teilweise verringern. Das ist kein kurzfristiges Projekt, aber ohne eigene Vertriebskanäle bleibt jede industrielle Aufwertung unvollständig.
Schließlich stellt sich die Frage der Finanzierung. Wertschöpfung entsteht nicht beim Export, sondern entlang der Kette aus Verarbeitung, Vermarktung und Distribution. Entwicklungsbanken und staatliche Fonds könnten gezielter in diese Bereiche investieren – in Standards, Qualitätssicherung und Markenaufbau, also genau jene Faktoren, die bislang von Unternehmen im Globalen Norden kontrolliert werden.
All das setzt ein Maß an politischer Koordination voraus, das bislang selten erreicht wird. Solange Produzentenländer miteinander konkurrieren, stabilisieren sie ungewollt jene Strukturen, die sie eigentlich überwinden wollen. Erst gemeinsames Handeln würde die nötige Verhandlungsmacht schaffen.
Am Ende läuft es auf eine einfache, wenn auch unbequeme Erkenntnis hinaus: Nicht die Menge entscheidet über den Platz im globalen Markt, sondern die Kontrolle über die Wertschöpfung. Wer sie nicht hat, bleibt Lieferant – egal, wie viel er produziert.
Kakao ist damit weit mehr als ein Agrarrohstoff. Er steht exemplarisch für eine globale Wirtschaftsordnung, in der Risiken systematisch ausgelagert und Gewinne konzentriert werden. Die Welt „konsumiert“ nicht bloß „Schokolade“. Sie konsumiert eine institutionelle Architektur, die afrikanische Produzenten systematisch das Risiko tragen lässt.
Der Artikel ist eine deutsche Übersetzung des am Global South Perspectives veröffentlichten Texts.