Energiepolitik: Erneuerbar, aber noch immer verwundbar
Liebe Leserinnen und Leser,
unter Ursula von der Leyen hat sich die EU „offene strategischen Autonomie“ auf die Fahne geschrieben. Doch die Energiebilanz der letzten Jahre spricht eine andere Sprache – sie steht für eine Kette aus Abhängigkeiten. Allein die Vorzeichen haben sich geändert: Der Energiepreisschock nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 hätte eine Zäsur sein müssen – ein Weckruf, der die energiepolitische Kurzsichtigkeit beendet. Stattdessen werden die alten Fehler wiederholt – diesmal nur im transatlantischen Korsett.
Zweifellos ist der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien eine Erfolgsgeschichte, die nicht zuletzt auf der Notwendigkeit beruht, die seit dem Ukraine-Krieg explodierenden Energiepreise wieder einzufangen. Der Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch, der 2021 noch bei 41 Prozent lag, hat Ende 2025 bereits die 60 Prozent-Marke überschritten – ein beeindruckender Kraftakt. Doch nicht bei jedem Energieträger läuft es rund.
Die einseitige Fixierung auf US-Flüssiggas hat die alte Abhängigkeit von Moskau durch eine nicht minder problematische Abhängigkeit von Washington ersetzt. Zumal die USA – seit 2019 Nettoenergieexporteur – ihre fossilen Ressourcen gerne auch als geopolitisches Disziplinierungsinstrument einsetzen. Washington kann es sich leisten, globale Lieferketten durch militärische Operationen oder Sanktionsregime zu destabilisieren – die eigene Energiebilanz ist gedeckt. Die EU-Staaten zahlen hingegen den Preis für die gestörten Routen der Golfstaaten in Form von teuren Zusatzimporten aus Nordamerika.
Doppelmoral war indes schon immer Ausweis der europäischen Energiepolitik. Ob das Öl aus einer Autokratie im Osten oder einer Theokratie am Golf stammt, ist auch für die deutsche Versorgungssicherheit letztlich zweitrangig. Entscheidend bleibt unsere Verwundbarkeit. Der drohende Flächenbrand im Nahen Osten gefährdet einmal mehr die deutsche Energiesicherheit.