Der Krieg ohne Sieg
Die USA und Israel können gegen den Iran nicht „gewinnen“ – aber vielleicht ist das auch gar nicht das Ziel.
In den Verlautbarungen aus Washington und Jerusalem klingt alles erstaunlich klar: Die Vereinigten Staaten und Israel seien auf dem Weg, den Krieg gegen den Iran zu gewinnen. Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth verweisen dabei auf massive Luftangriffe, gegen die sich Teheran bislang nur begrenzt zur Wehr setzen konnte. Die iranische Marine und Luftwaffe seien schwer getroffen, heißt es; die militärische Überlegenheit des Westens stehe außer Zweifel.
Doch militärische Überlegenheit ist nicht gleichbedeutend mit strategischem Erfolg. Die Zerstörung der iranischen Marine oder Luftwaffe wäre für die USA tatsächlich vergleichsweise einfach zu erreichen. Selbst die flächendeckende Bombardierung Teherans läge im Bereich des militärisch Machbaren. Strategisch jedoch wäre all dies kaum mehr als ein spektakulärer Ausdruck von Feuerkraft.
Die Vereinigten Staaten können erheblichen Schaden im Iran anrichten – und tun dies bereits. Angriffe auf Infrastruktur, darunter Schulen, Krankenhäuser, Öllager und Entsalzungsanlagen, haben weite Teile des Landes getroffen. Doch jenseits dieser Zerstörung bleibt auffällig unklar, worin der „Sieg“ eigentlich bestehen soll. Eine realistische Definition dieses Sieges existiert ebenso wenig wie eine kohärente Strategie, ihn zu erreichen.
Die offiziell formulierten Ziele klingen vertraut: das iranische Raketenprogramm zerschlagen, die Urananreicherung beenden, die Unterstützung für die Houthis im Jemen sowie für Hisbollah und Hamas einstellen. Militärisch sind diese Ziele jedoch kaum durchsetzbar. Selbst massive Bombardements können Programme verzögern oder beschädigen, aber nicht dauerhaft eliminieren. Überlebt das Regime, wird es die zerstörten Kapazitäten früher oder später wieder aufbauen.
Das Problem des „post-iranischen“ Iran
Der einzige Weg, diese Ziele dauerhaft zu erreichen, wäre aus Sicht Washingtons und Jerusalems ein Regimewechsel. Doch damit ist nicht lediglich der Sturz der bestehenden Führung gemeint, sondern ihre Ersetzung durch eine Regierung, die bereit wäre, den außenpolitischen Kurs des Landes radikal zu ändern. Kurz gesagt: ein System, das mit den Interessen der Vereinigten Staaten und Israels kompatibel wäre.
Wie ein solcher Machtwechsel zustande kommen soll, bleibt allerdings bemerkenswert unklar. Diese strategische Leerstelle wurde unfreiwillig von Trump selbst offengelegt, als er auf einer Pressekonferenz erklärte, viele der potenziellen Oppositionsführer, die als Nachfolger in Betracht gezogen worden seien, seien inzwischen tot – einige von ihnen durch amerikanische oder israelische Angriffe. Die „erste Welle“ möglicher Nachfolger sei erschöpft, sagte Trump, die zweite ebenfalls; über eine dritte äußerte er sich auffallend vage.
Der Politikwissenschaftler Trita Parsi vom Quincy Institute formulierte in der New York Times ein grundlegenderes Problem: Es sei kaum vorstellbar, dass irgendein glaubwürdiger iranischer Politiker eine von außen geforderte außenpolitische Kehrtwende um 180 Grad akzeptieren würde – geschweige denn, dass er diese der eigenen Bevölkerung vermitteln könnte. Gleichzeitig zeigt sich die Islamische Republik bislang widerstandsfähiger, als viele in Washington erwartet hatten. Wie Parsi beobachtet, wachsen im Land vielmehr nationalistische Reflexe, während die Bombardierung zivile Opfer fordert und weite Teile der Infrastruktur zerstört.
Die Geschichte bietet wenig Anlass für Optimismus bei den Befürwortern einer solchen Strategie. Luftangriffe allein führen nur äußerst selten zu einem Regimewechsel. Weder im nationalsozialistischen Deutschland noch im kaiserlichen Japan brachen die politischen Systeme trotz verheerender Bombardierungen zusammen, bevor Bodentruppen das jeweilige Territorium erreichten. Auch der Iran selbst hat Erfahrung mit existenziellen Kriegen: Während des Iran-Irak-Krieges von 1980 bis 1988 verlor das Land Hunderttausende Menschen. Dennoch blieb das politische System bestehen.
Vor diesem Hintergrund wirken auch manche Erfolgsmeldungen aus Washington fragwürdig. Wenn Hegseth erklärt, die Zahl iranischer Raketenangriffe sei seit dem ersten Kriegstag um 80 Prozent gesunken, lässt sich dies ebenso gut anders deuten: Für Teheran wäre es rational, einen Teil seines Arsenals für einen längeren Konflikt zurückzuhalten. Videos, die Raketenstarts aus unterirdischen Anlagen in der Wüste zeigen, unterstreichen diese Möglichkeit. Sichtbare Infrastruktur existiert dort kaum – und damit auch nur begrenzte Angriffspunkte.
Irans asymmetrische Zeitstrategie
Tatsächlich könnte die Zeit eher auf der Seite Irans liegen. Schon jetzt haben Angriffe auf Energieinfrastruktur im Golfraum und die faktische Blockade der Straße von Hormus erhebliche Verwerfungen auf den Energiemärkten ausgelöst. Durch diese Meerenge wird etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Erdöls sowie ein erheblicher Teil des Flüssigerdgases transportiert. Sollte der Konflikt weiter eskalieren, könnten die wirtschaftlichen Folgen global spürbar werden. Katars Energieminister Saad al-Kaabi warnte gegenüber der Financial Times, ein länger andauernder Krieg könne „die Weltwirtschaft zum Stillstand bringen“.
Da die Enthauptung des Regimes durch Luftschläge gescheitert ist und ein schneller politischer Umsturz ausbleibt, könnten die Vereinigten Staaten versucht sein, verstärkt auf verdeckte Operationen zu setzen. Dazu gehört die Unterstützung ethnischer Minderheiten, etwa kurdischer oder aserbaidschanischer Gruppen, um innerstaatliche Unruhen zu fördern. Berichten zufolge hat Trump bereits Kontakte zu kurdischen Führern im Iran aufgenommen.
Doch auch diese Option hat enge Grenzen. Die Kurden stellen rund zehn Prozent der Bevölkerung, die Aserbaidschaner etwa 16 bis 18 Prozent, beide vor allem im Nordwesten des Landes konzentriert. Keine dieser Gruppen verfügt über die Stärke, eigenständig auf Teheran zu marschieren. Hinzu kommt, dass die Türkei jede kurdische Unabhängigkeitsbewegung vehement ablehnt und im Extremfall militärisch eingreifen könnte. Besonders irritierend ist dabei, dass amerikanische und israelische Angriffe Berichten zufolge auch kurdische Gebiete getroffen haben sollen – ausgerechnet jene Regionen, die man möglicherweise als Verbündete gewinnen wollte. Das Gesamtbild wirkt weniger wie eine durchdachte Strategie als wie eine improvisierte Eskalation.
Der gefährliche Gedanke der Balkanisierung
Man könnte daher zu einem unbequemen Schluss kommen: Vielleicht ist das Chaos selbst die Strategie. Eine mögliche Logik bestünde darin, den Iran durch ethnische Spannungen und separatistische Bewegungen in einen Zustand dauerhafter Instabilität zu treiben – eine Art „Balkanisierung“, die das Land in rivalisierende Regionen zerfallen ließe. Ein solcher Prozess würde den Iran zwar nicht besiegen, aber ihn als geopolitischen Akteur erheblich schwächen.
Einige Stimmen in Israel sprechen erstaunlich offen über diese Möglichkeit. Danny Citrinowicz vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv formulierte es einmal so: Wenn ein Staatsstreich gelinge, sei das gut; wenn Massenproteste entstünden, ebenfalls; selbst ein Bürgerkrieg wäre aus israelischer Sicht akzeptabel. Die Stabilität des Iran spiele dabei keine entscheidende Rolle.
Die Folgen eines solchen Szenarios wären allerdings kaum kontrollierbar. Ein zerfallender Iran mit mehr als 80 Millionen Einwohnern würde den gesamten Nahen Osten erschüttern. Bürgerkrieg, Flüchtlingsbewegungen und regionale Machtkämpfe wären nahezu unvermeidlich.
Hinzu kommt die größere geopolitische Lage. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen auf mehreren strategischen Schauplätzen gleichzeitig engagiert: in der Ukraine, im Konflikt um Taiwan, im Nahen Osten und in verschiedenen Auseinandersetzungen in Lateinamerika. Zugleich ist die industrielle Basis der USA seit dem Ende des Kalten Krieges deutlich geschrumpft. Präzisionsmunition lässt sich nicht beliebig schnell nachproduzieren. Bereits jetzt mussten Teile des amerikanischen THAAD-Raketenabwehrsystems aus Südkorea in den Nahen Osten verlegt werden. Die Behauptung, ein solcher Krieg könne „ewig“ geführt werden, wirkt daher eher wie politisches Wunschdenken.
Schließlich gibt es noch eine globale Dimension. China und Russland haben den Iran bereits vor dem Krieg unterstützt und dürften ihr Engagement eher ausweiten als reduzieren. Beide Mächte haben ein starkes Interesse daran, dass Teheran nicht zusammenbricht. Je länger der Konflikt andauert, desto größer wird daher das Risiko einer weiteren Internationalisierung.
Fast zwei Wochen nach Beginn der Kämpfe bleibt somit ein paradoxes Bild: Die USA und Israel verfügen über überwältigende militärische Mittel, doch ein klar definiertes politisches Ziel ist kaum erkennbar. Der Krieg hat den Nahen Osten bereits destabilisiert, ohne eine erkennbare Lösung hervorzubringen.
Es entsteht der Eindruck, dass die militärische Eskalation weniger aus einer klaren Strategie hervorgegangen ist als aus der Annahme, dass Gewalt selbst bereits eine Form von Politik darstellt – oder schlimmer noch: dass Zerstörung und Tod als solche als Ergebnis gelten könnten. Eine Vorstellung, die in der Geschichte selten zu stabilen Ordnungen geführt hat.