Bringt der Iran-Preisschock die Weltwirtschaft ins Wanken?
Steigende Ölpreise, fragile Lieferketten und nervöse Investoren: Der Krieg gegen Iran könnte wirtschaftlich verheerende Folgen haben. Noch reagieren die Finanzmärkte erstaunlich gelassen – doch genau darin liegt womöglich das Risiko.
Die Börsen haben den Konflikt bislang erstaunlich ruhig aufgenommen. Zwar gaben die Aktienkurse vergangene Woche nach, doch der Rückgang blieb moderat. Offenkundig gehen viele Marktteilnehmer davon aus, dass dieser Krieg keine grundlegenden wirtschaftlichen Verwerfungen auslösen wird.
Das könnte sich als Fehleinschätzung erweisen. Auch vor der Corona-Pandemie reagierten die Märkte zunächst gelassen – bevor sie wenige Wochen später heftig einbrachen. Einige Anzeichen deuten inzwischen darauf hin, dass sich eine ähnliche Dynamik entwickeln könnte.
Denn ein länger andauernder Konflikt im Nahen Osten birgt ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Ein plötzlicher Ölpreisschock in einer globalisierten Wirtschaft lässt sich kaum kalkulieren. Rasch könnten Lieferketten unter Druck geraten, denn praktisch jede Industrie ist von fossilen Energieträgern abhängig.
Hinzu kommen finanzielle Risiken. Sollten ölreiche Staaten ihre Exporte einschränken müssen, verlieren sie Einnahmen – und könnten gezwungen sein, westliche Investitionen zu verkaufen. Gerade die amerikanischen Finanzmärkte wären davon besonders betroffen.
Diese Spannungen treffen zudem auf ein Wirtschaftssystem, das in den vergangenen Jahren immer anfälliger geworden ist. Jahrzehnte der Marktkonzentration haben Lieferketten ausgedünnt, während die Finanzmärkte seit der Krise von 2008 kaum noch größere Rückschläge erlebt haben. Entsprechend viel Spekulation dürfte sich angesammelt haben – und genau die wird in einer Krise sichtbar.
Der Ölpreisschock und seine Folgen
Steigt der Ölpreis schnell, geraten zahlreiche Branchen unter Druck. Ein offensichtliches Beispiel ist die Luftfahrt. Treibstoff macht zwischen 20 und 30 Prozent der Betriebskosten einer Fluggesellschaft aus. Der Preis für Kerosin in Singapur, einem wichtigen Drehkreuz, hat sich seit dem US-Angriff auf Iran verdoppelt. Das wird Flugtickets deutlich verteuern – und zugleich die ohnehin fragile Branche weiter schwächen.
Auch die Landwirtschaft ist betroffen. Durch die Straße von Hormus läuft rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels. Gleichzeitig beginnt auf der Nordhalbkugel die Frühjahrsaussaat. Schon jetzt kämpfen viele amerikanische Landwirte mit hohen Produktionskosten; die Zahl der Insolvenzen steigt. Die Lage ist also alles andere als günstig.
Ähnliches gilt für zahlreiche weitere Branchen. Schifffahrt und Lastverkehr sind treibstoffabhängig, ebenso die petrochemische Industrie und die Kunststoffproduktion – beides wichtige Vorprodukte für Halbleiter. Schon bald könnten ostasiatische Volkswirtschaften, von denen der Westen bei allem von medizinischer Ausrüstung bis zu Bibeldrucken abhängt, Schwierigkeiten bekommen, ausreichend Energie aus den ölreichen Staaten des Nahen Ostens zu importieren.
Finanzielle Nebenwirkungen
Hinzu kommen mögliche Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Große Golfstaaten wie Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Kuwait benötigen weiterhin Mittel für ihre Staatshaushalte – auch wenn ihre Einnahmen aus dem Ölgeschäft ausbleiben. Deshalb prüfen sie bereits, ob sie Teile ihrer westlichen Finanzanlagen verkaufen müssen.
Ein Beamter aus der Region formulierte es so: Mehrere Golfstaaten hätten interne Prüfungen begonnen, ob in bestehenden Verträgen Klauseln höherer Gewalt geltend gemacht werden könnten. Gleichzeitig würden laufende und künftige Investitionszusagen überprüft, um die wirtschaftlichen Belastungen des Krieges abzufedern – besonders, falls die Kampfhandlungen und ihre Kosten in diesem Tempo weitergingen.
Wie bedeutend diese Investitionen sind, lässt sich schwer beziffern. Fest steht jedoch: Ölreiche Staaten spielen eine zentrale Rolle in der wirtschaftspolitischen Strategie der Regierung Trump. Im vergangenen Mai kehrte der Präsident aus dem Nahen Osten zurück und verkündete Investitionszusagen in gigantischer Höhe: 600 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien, 1,2 Billionen aus Katar und 1,4 Billionen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Ein beträchtlicher Teil dieser Summen ist zwar eher politisches Marketing. Gleichwohl haben Investoren aus der Region einen erheblichen Anteil an verschiedenen Großprojekten finanziert – von KI-Investitionen über das Paramount-Gebot für Warner bis zur Übernahme von Twitter durch Elon Musk, zum fremdfinanzierten Aufkauf von Electronic Arts oder dem Versuch, die PGA-Tour zu erwerben. Hinzu kommen zahllose Versprechen zum Bau neuer Rechenzentren.
Symbolisch ließ sich Trump zudem von den Vorstandschefs zahlreicher US-Konzerne wohlklingende Absichtserklärungen zu Investitionen aus dem Nahen Osten bestätigen – darunter Google, Amazon, Oracle, GE Vernova, Palantir, Lockheed Martin, Qualcomm, Boeing und viele andere. In den Führungsetagen der amerikanischen Wirtschaft gilt das Kapital aus den Ölstaaten also als durchaus wichtig.
Tatsächlich beruhen viele internationale Bündnisse der Vereinigten Staaten weniger auf politischer Nähe als auf Kapitalströmen. Ausländische Investoren halten rund 35 Billionen Dollar an US-Aktien. Sollten sie wegen des Iran-Kriegs gezwungen sein, ihre Bestände zu verkaufen, würde das die Börsenkurse belasten. Und ein hoher Aktienkurs ist für zahlreiche Institutionen in den USA von entscheidender Bedeutung – für Universitäten ebenso wie für Regierungen, Unternehmen oder den gegenwärtigen KI-Investitionsboom.
Fragile Lieferketten
Damit stellt sich die Frage, wie widerstandsfähig die Wirtschaft gegenüber solchen Schocks überhaupt ist. Während der Corona-Krise wurde bereits deutlich, dass jahrzehntelange Monopolbildung und schwache Regulierung die Lieferketten ausgedünnt und anfällig gemacht haben. Nach der Pandemie gab es zwar einige Reformversuche, etwa die Verlagerung eines Teils der Chipproduktion in die USA. Im Kern aber blieb alles beim Alten. Leitstern der Wirtschaftspolitik ist weiterhin die Effizienz des Kapitals – und die führt meist dazu, Produktions- und Lieferstrukturen noch stärker zu konzentrieren.
Ein Blick auf die Luftfahrt zeigt das Problem. Vor 1978 regulierte der Staat Preise und Kosten der Branche streng, hielt bewusst gewisse Reserven vor und verpflichtete Fluggesellschaften sogar, im Bedarfsfall Passagiere anderer Airlines zu befördern. Größenvorteile kamen allen zugute, das System konnte Nachfrageschwankungen abfedern.
Heute ist davon wenig übrig. Nach den Anschlägen vom 11. September folgte eine Welle von Insolvenzen, danach eine Phase intensiver Konsolidierung. Große Fluggesellschaften genießen nun deutliche Vorteile: günstigere Finanzierung, besseren Zugang zu Start- und Landerechten, Kundenbindung über Bonusprogramme und die Marktmacht, kleinere Wettbewerber zu verdrängen. Seit der Pandemie hat sich der US-Markt faktisch gespalten: Vier große Netzwerkairlines, angeführt von United und Delta, schreiben Gewinne, während der Rest der Branche kaum rentabel ist.
Was passiert also bei einem Ölpreisschock? Im besten Fall steigen einfach die Ticketpreise und die Nachfrage bleibt stabil. Im schlimmsten Fall verteuern sich Flüge so stark, dass die Nachfrage einbricht, zahlreiche Airlines insolvent gehen und die Branche noch stärker konzentriert wird – mit weniger Verbindungen und deutlich höheren Preisen.
Landwirtschaft im Boom-Bust-Zyklus
Ähnliche Mechanismen zeigen sich in vielen anderen Sektoren. In der Landwirtschaft ist Energie nach der Arbeit der wichtigste Kostenfaktor. Ein geopolitischer Konflikt im Ölmarkt trifft also direkt die Lebensmittelproduktion. Früher verfügten die USA über Instrumente, um solche Schocks abzufedern: Vorratshaltung, staatliche Programme zur Stabilisierung von Preisen und Produktion.
Das System des New Deal nannte sich nicht umsonst „Supply Management“. Staat und Landwirte arbeiteten zusammen, um Produktion, Preise und Bodenschutz auszubalancieren. Selbst wichtige Produktionsmittel standen unter öffentlicher Kontrolle. Die Tennessee Valley Authority etwa produzierte große Mengen an Dünger.
Heute existiert eine solche vorsorgende Steuerung kaum noch. Landwirtschaft folgt einem Boom-Bust-Zyklus, ähnlich wie die Luftfahrt. In Krisenzeiten wandert Land zunehmend in die Hände großer Investoren – weshalb Bill Gates mittlerweile als größter privater Landbesitzer der USA gilt.
Globale Abhängigkeiten
Und Energie ist nur ein Teil des Problems. Taiwan etwa verfügt kaum über eigene Erdgasreserven und ist vollständig auf Importe aus dem Nahen Osten angewiesen. Zugleich stammt ein Großteil der weltweit benötigten Halbleiter aus Taiwan. Gerät diese Versorgung ins Wanken, hätte das Folgen für fast jede Industrie – von Spielzeug bis Automobilbau.
In den Vorstandsetagen großer Unternehmen dürfte deshalb derzeit fieberhaft gerechnet werden. Manager analysieren ihre Lieferketten, suchen nach Schwachstellen – und nach Chancen. Welche Chancen? Während der Pandemie zeigte sich ein Muster: Unternehmen erhöhten ihre Preise schneller als ihre Kosten und nutzten die Erzählung von Knappheit.
Risiko im Finanzsystem
Ein weiterer Faktor ist das Verhalten der Finanzmärkte. Seit der Krise von 2008 sind die Kurse überwiegend gestiegen. Nach der Corona-Pandemie folgte erneut eine umfassende Rettungsaktion für Finanzakteure. Selbst kleinere Krisen – etwa um die Silicon Valley Bank – wurden abgefedert.
Die Folge: Viele Banker dürften ihre Risikodisziplin verloren haben. In einem System, das jahrelang nur steigende Kurse kennt, sammeln sich leicht Fehlbewertungen und Betrugsfälle an. In der Finanzwelt kursiert derzeit das Gerücht, dass das Problem besonders im gigantischen Markt für „Private Credit“ liegt – einem wenig transparenten Bereich mit vielen Interessenkonflikten. Möglich ist allerdings auch, dass die Schwachstellen ganz woanders auftauchen.
Ein riskanter Moment
All das erklärt, warum der Iran-Konflikt beunruhigt. Die Risiken sind beträchtlich. Je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo im System etwas bricht.
Andererseits eröffnen wirtschaftliche Abschwünge auch Chancen für politische Veränderungen. Nach den Anschlägen vom 11. September, dem Irakkrieg, der Finanzkrise von 2008 und der Corona-Pandemie reagierten Regierungen meist ähnlich: mehr Überwachung, mehr wirtschaftliche Konzentration, weniger demokratische Kontrolle, stärkere Dominanz der Finanzindustrie.
Das lag auch daran, dass es kaum konkurrierende wirtschaftspolitische Ideen gab. Margaret Thatcher brachte diese Haltung einst mit dem berühmten Kürzel TINA auf den Punkt: There Is No Alternative. Noch 2008 fehlten politische Kräfte, die etwa eine grundlegende Neuordnung des Bankensystems fordern konnten.
Heute ist die Lage anders. Antimonopol-Konzepte haben inzwischen Teile der politischen Debatte erreicht, und ein wachsender Teil der Öffentlichkeit steht der Macht der großen Eliten skeptisch gegenüber. Wenn Branchen in der nächsten Krise nach staatlicher Hilfe rufen, wird es zumindest einige Stimmen geben, die Bedingungen stellen.
Gewiss, auch deutlich düsterere Entwicklungen sind denkbar. Aber immerhin existiert ein Ansatzpunkt für vorsichtigen Optimismus. Dünn ist diese Hoffnung, sehr dünn sogar. Doch sie ist nicht gleich null. Jede Krise, aus der nichts gelernt wird, trifft beim nächsten Mal härter. Vielleicht gelingt es diesmal.