Makroskop
Neue Weltordnung

Wie der Dollar die Welt beherrschte – und warum das System zerbricht

| 05. März 2026
IMAGO / United Archives International (colorisiert)

Der Dollar wurde 1944 zur Leitwährung der Welt. Doch das System trägt den Keim seines eigenen Niedergangs in sich. Warum die Dollar-Hegemonie bröckelt – und weshalb eine neue Weltordnung entsteht.

1944, in Bretton Woods, saß die Welt auf einem Kartenhaus aus Hoffnung und Machtpolitik. Was aus der Konferenz in New Hampshire hervorging, war zunächst der US-Dollar als internationale Währung, gebunden an Gold – eine Unze für 35 Dollar.

Im Grunde war das nichts anderes als die Fortsetzung des Goldstandards, nur dass nun der US-Dollar anstelle des britischen Pfunds als Leitwährung diente. Großbritannien hatte den Goldstandard bereits 1931 aufgegeben, um aus der schlimmsten Phase der Weltwirtschaftskrise herauszukommen. Doch das neue System war letztlich nur eine aktualisierte Version des alten. Die Idee der Goldkonvertibilität und andere Grundprinzipien blieben dieselben – was aus mehreren Gründen zum Scheitern verurteilt war.

Einer der Gründe, auf den der Ökonom und ehemalige Finanzminister Griechenlands Yanis Varoufakis in seinem Buch „The Global Minotaur" eingeht, ist folgender: Ein Land, das seine nationale Währung für den internationalen Handel bereitstellt, muss zwangsläufig ein Handelsdefizit aufweisen. Nur so gelangen Dollar überhaupt ins Ausland. Amerika begleicht seine Importe in Dollar, die dadurch weltweit als zentrale Handelswährung genutzt werden.

So sammelten sich in Europa enorme Mengen amerikanischer Dollar an – die sogenannten Eurodollar –, ursprünglich buchstäblich gegen Gold einlösbar. Das amerikanische Handelsdefizit wuchs derart stark, dass Frankreich auf die Idee kam, seine Dollarbestände nach Fort Knox zu bringen und für jeden einzelnen Dollar die vereinbarten 35 Dollar in Gold einzufordern. Hätte das Land diesen Schritt tatsächlich gewagt, wäre Fort Knox buchstäblich geplündert worden.

Unter dem Druck der wachsenden Forderungen hob Nixon 1971 die Gold-Konvertibilität auf. Fortan war der Dollar nicht mehr an Gold gebunden. Zunächst existierten noch zwei Kurse – 35 Dollar offiziell, 42 Dollar inoffiziell –, bis das System schließlich vollständig zusammenbrach. Seitdem funktioniert der internationale Handel auf Basis eines schwankenden Dollars, der keinerlei Golddeckung mehr hat.

Was hätte sein können: Der Bancor

Doch es gab eine Alternative: Keynes’ Idee des Bancor. Die Vorstellung war einfach, aber radikal: eine neutrale Rechnungseinheit für den internationalen Handel zu schaffen, unabhängig von nationalen Währungen. Jedes Land hätte ein Konto bei einer International Clearing Union (ICU) geführt. Alle Konten beginnen bei null, und die Gesamtsumme bleibt stets ausgeglichen. Länder mit Handelsüberschuss sammeln positive Salden, Länder mit Defizit negative. Um extreme Ungleichgewichte zu vermeiden, sollten beide Seiten Zinszahlungen leisten – ein Mechanismus, der den Handel ausbalanciert und nachhaltiges Wachstum fördern sollte.

Keynes unterbreitete diesen Vorschlag in einer Ära, in der Gold noch zentrale Bedeutung hatte, und sprach daher von Gold-Konvertibilität und festen Wechselkursen. Doch das zugrunde liegende Prinzip ließe sich auch in einem System flexibler Wechselkurse anwenden. Hätte sich der Bancor durchgesetzt, wäre der internationale Handel nicht auf amerikanische Dollar angewiesen gewesen.

Stattdessen erhielt die Welt eine Neuauflage des britischen Modells: Die Währung des dominierenden Landes avancierte zur internationalen Handelswährung. Eine unmittelbare Folge: der Dollar wurde überbewertet. Überbewertung bedeutet, dass inländische Industriegüter teurer werden als vergleichbare Produkte, die anderswo zu ähnlichen Kosten hergestellt werden.

Stellen wir uns vor, der Dollar wäre aufgrund seines Reservestatus um 30 Prozent überbewertet. Ein amerikanisch gefertigtes Gut kostet 1.300 Dollar, ein identisches europäisches Produkt nur 1.000. Während der Fertigungssektor unter der höheren Preislast an Wettbewerbsfähigkeit verliert, profitiert der Finanzsektor enorm. Die Wall Street zieht unmittelbar oder indirekt Nutzen aus nahezu jeder Dollar-Transaktion – eine Entwicklung, die die wirtschaftliche Macht des Finanzsektors stärkt.

Der historische Kreislauf der Imperien

Es ist ein immer wiederkehrendes Muster der Geschichte: Einst verloren die Niederländer ihre wirtschaftliche Vormachtstellung an die Engländer, die Engländer verloren sie an die Amerikaner, und jetzt verlieren die Amerikaner sie an China. Das ist kein Zufall, sondern eine Logik des Systems. Ein Land erlangt die Vorherrschaft durch einen überlegenen Produktionssektor und militärische Stärke. Sobald seine Währung zur Weltreservewährung wird, wertet sie auf. Der Fertigungssektor verliert an Wettbewerbsfähigkeit, der Finanzsektor gewinnt an Dominanz. Ein aufstrebendes Land entwickelt eine vergleichbare Industrietechnologie und verdrängt schließlich das Imperium. Die aktuelle amerikanische Krise ist keine Anomalie – sie ist unvermeidlich.

Der italienische Ökonom Augusto Graziani beschreibt dasselbe Problem aus einer anderen Perspektive: Währungssysteme funktionieren immer nach einem Dreiecksprinzip – Käufer, Verkäufer und die Bank, die die Transaktion abwickelt. Innerhalb eines Landes nutzen alle die nationale Währung, während auf Bankebene die Abwicklung über Reservekonten der Zentralbank erfolgt. Auf internationaler Ebene hingegen fehlt eine neutrale Rechnungseinheit für diese dritte Ebene. Stattdessen existiert eine Art „anderthalb-System“: Jedes Land hat sein nationales System, während der US-Dollar sowohl innerhalb Amerikas als auch als Leitwährung des globalen Handels dominiert. Ein System, das zwangsläufig an seine Grenzen stoßen musste.

Die verpasste Chance von Bretton Woods

Keynes nannte Gold ein „barbarisches Relikt" und war überzeugt, dass man es für den internationalen Handel nicht braucht. In Bretton Woods musste er jedoch politische Zugeständnisse machen, weil alle anderen Delegationen der Konferenz auf Gold bestanden. Also sagte er sinngemäß: „Nennen wir das, was wir verwenden, Gold – aber es wird kein Gold sein."

Auf der anderen Seite stand Harry Dexter White, der Leiter der amerikanischen Delegation – ein Bürokrat, aber mit einer politischen Überzeugung: Die USA sind Weltmacht, also soll der Dollar die Weltwährung sein. Er sah darin einen klaren Vorteil für Amerika. Keynes hingegen ahnte vermutlich, dass der Dollar ein vergifteter Kelch sein würde – aber gegen den amerikanischen Einfluss am Ende des Zweiten Weltkriegs konnte er sich nicht durchsetzen.

Dabei sind die Folgen für Amerika überdeutlich: Der Finanzsektor wurde übermächtig, untergräbt sukzessive die Produktivität und tritt als räuberische Kraft im Sozialsystem auf. Alles wird finanzialisiert. Rentner müssen täglich die Börsenkurse verfolgen, um zu wissen, ob sie sich nächste Woche noch Milch leisten können. Qualifizierte Fabrikarbeiter verloren ihre Jobs an die Gig Economy. Es sind die gleichen Menschen, die Trump gewählt haben und die aus gutem Grund wütend sind. Ihr wirtschaftlicher Abstieg ist eine direkte Folge des Systems.

Ein Vorschlag: "Terra"

Mein Vorschlag ist eine internationale Rechnungseinheit namens „Terra" – der Name soll daran erinnern, dass wir alle auf demselben Planeten leben. Sie ist angelegt als neutrale Währung für den globalen Handel. Ein Beispiel: Ein amerikanisches Unternehmen kauft ein chinesisches Produkt. Der Dollar wird in Terra umgerechnet, an die chinesische Zentralbank überwiesen und dort in Yuan umgetauscht.

Seit der Kolonialzeit dominierte stets die Währung des mächtigsten Landes. Würde Indien zur Weltmacht aufsteigen, wäre es die Rupie. Das Problem ist jedoch, dass die Reservewährung nicht nur Vorteile bietet, sondern den Finanzsektor stärkt und die Produktion des dominierenden Landes verzerrt, bis ein Konkurrent aufholt und das System verschiebt. Eine neutrale, internationale Rechnungseinheit wie die Terra könnte diesen Kreislauf durchbrechen.

Trump, der Beschleuniger

Das Einzige, was man zugunsten von Trump sagen kann: Er beschleunigt den Wandel. Er ist narzisstisch, egozentrisch, will dass sich alles um ihn dreht. Er ist Ausdruck des Schlimmsten an Amerika – und gleichzeitig sein Inbegriff.

Weil er so extrem ist, wächst der Druck für ein neues System. Der kanadische Premier Mark Carney sagte während seines China-Besuchs offen und ganz bewusst, dies sei der Beginn einer neuen Weltordnung – eine unglaublich mutige Aussage. Sie bedeutet: Wir lösen uns von Amerika. Später hielt er eine Rede in Europa mit derselben expliziten Botschaft.

Das derzeitige System wird als regelbasiert bezeichnet. In Wirklichkeit ist es machtbasiert. Die Regeln werden ungleich angewendet: Starke Länder in der Gunst – wie Amerika oder Israel – werden gut behandelt. Andere werden bestraft. Trump macht diesen Widerspruch nur sichtbarer. Je länger seine Amtszeit dauert, desto mehr Zeitzeugen werden sagen: Wir müssen diesem verrückten System entkommen.

Donald Trump wird nicht ewig Präsident sein – allein schon wegen seines Alters. Doch die amerikanische Politik kann jederzeit jemanden hervorbringen, der ebenso unberechenbar ist. Verlässliche Führungspersönlichkeiten sind keine Garantie des Systems. Eine stabile internationale Ordnung muss deshalb unabhängig von einzelnen Personen funktionieren.

Die gefährliche Übergangsphase

Der Verlust der Dollarhegemonie würde Amerika spürbar treffen. Mit dem Wertverlust des Dollars würden Auslandsreisen und Importwaren teurer werden. Gleichzeitig könnte die amerikanische Fertigungsindustrie eine Chance zur Wiederbelebung bekommen – und genau die Menschen, die durch Fabrikschließungen und Verlagerungen nach China ihre gut bezahlten Jobs verloren haben, könnten davon langfristig profitieren.

Die größte Auswirkung einer neuen Weltordnung wäre die Erosion der Macht des amerikanischen Finanzsystems. So begrüßenswert das auch wäre, bleiben die sogenannten „Vampire Squids" – die großen Investmentbanken, die Schattenbanken, die Morgan Stanleys dieser Welt – die Profiteure des US-Dollars in seiner Form als Welthandelswährung. Sie werden sich jeder Veränderung widersetzen.

Gleichzeitig haben die USA ihren Produktionsvorsprung längst verloren. China ist heute die Nummer eins der Weltproduktion, Amerika allenfalls Nummer zwei oder drei – weit entfernt vom Stand vor 40 Jahren. In dieser Situation müsste Amerika eigentlich vor demselben Niedergang stehen, wie zuvor die Engländer und die Niederländer.

Versuche der Welt, sich vom Dollar zu lösen, könnten allerdings erhebliche Spannungen auslösen. In den Machtzentren der USA wird seit Langem darüber diskutiert, wie die eigene geopolitische Stellung gesichert werden kann. Ein abrupter Verlust der Dollarhegemonie würde daher nicht ohne Gegenreaktionen bleiben.

Gerade deshalb wäre es entscheidend, dass andere große Mächte wie China unmissverständlich klarmachen: Eine militärische Eskalation kann kein Mittel sein, um wirtschaftliche Privilegien zu verteidigen. Stabilität entsteht nur dort, wo allen Seiten klar ist, dass ein solcher Konflikt am Ende für niemanden zu gewinnen wäre. Diese Einsicht hat in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen, große Kriege zwischen den Großmächten zu verhindern.