Kaput: Wolfgang Münchaus Diagnose des deutschen Niedergangs
Deutschlands Industrie unter Druck: In „KAPUT“ beschreibt Wolfgang Münchau, wie Neo-Merkantilismus, geopolitische Fehleinschätzungen und Investitionsschwäche das Land verwundbar gemacht haben – und warum das Erfolgsmodell ins Wanken gerät.
Ein Volkswagen, aus dessen Motorhaube schwarzer Rauch quillt, darüber in blockhaften Lettern das englische „KAPUT“: Schon das Cover setzt den Ton. Wolfgang Münchau, einst Chefredakteur der Financial Times Deutschland, wählt die grelle Zuspitzung mit Bedacht. In seinem Prolog blickt er zurück auf seine Schulzeit in Mülheim an der Ruhr, auf eine Industriekultur, die einst Selbstbewusstsein ausstrahlte und heute eher Melancholie. Was er diagnostiziert, nennt er „neo-mercantilism“: eine spezifisch deutsche Spielart des Kapitalismus, die ökonomisch, technologisch und geopolitisch in eine Sackgasse geraten sei. Außenhandelsüberschüsse, gedämpfte Löhne, chronisch zu geringe private und öffentliche Investitionen bilden für ihn die tragenden, inzwischen brüchigen Säulen dieses Modells. Kenntnisreich zeichnet Münchau nach, wie sehr sich die Bundesrepublik auf Exporterfolge verließ und darüber ihre Verwundbarkeit übersah.
Politisch spiegelt sich diese Entwicklung auch im Bedeutungsverlust der Sozialdemokratie – im Ruhrgebiet ebenso wie im Südwesten. „Germany mismanaged industrial capitalism and misjudged technology and geopolitics“, lautet sein hartes Urteil. Begriffe wie „Strukturwandel“, seit den sechziger Jahren eng mit dem nördlichen Ruhrgebiet verbunden, oder „sozial-ökologische Transformation“, wie sie seit den 2010er Jahren das Stuttgarter Automobilcluster begleitet, klingen zwar nach Aufbruch, werden vielerorts jedoch als Vorboten des Abstiegs verstanden. Noch ist nicht ausgemacht, ob der Weg nach Detroit oder ins Silicon Valley weist. Städte wie Gelsenkirchen oder Pforzheim verloren ihre industriellen Geschäftsmodelle – hier Bergbau und Stahl, dort Uhren- und Schmuckindustrie. Einst Hochburgen der Arbeiterbewegung, gelten sie heute als Hochburgen der AfD. Der ökonomische Strukturbruch hat politische Verschiebungen nach sich gezogen, die Münchau als Symptom einer tiefer liegenden Fehlsteuerung liest.
Im Kapitel „Low on Energy“ spart er nicht mit Spott, vor allem gegenüber der SPD. Seine Zuspitzung ist einprägsam: „The quintessential political party of neo-mercantilism is Schröder’s SPD. The quintessential industry of German neo-mercantilism is energy. It was none other than Vladimir Putin who brought all of these together.“ Tatsächlich haben der russische Angriff auf die Ukraine, Lieferstopps und Sanktionen die Verwundbarkeit des deutschen Energiemodells offengelegt. Hohe Industriestrompreise treffen jene Branchen ins Mark, die das industrielle Rückgrat bilden. Für Stahlkocher und Chemieproduzenten sind Energiekosten der entscheidende Inputfaktor. Wenn Energie knapp und teuer wird, gerät das gesamte Gefüge ins Wanken.
Doch Münchaus politische Folgerungen wirken bisweilen fatalistisch. Wenn er die Produktion von Basischemikalien oder bestimmten Stahlsorten in Deutschland für nicht mehr sinnvoll erklärt, berührt das nicht nur die Frage ökonomischer Rationalität, sondern auch die der industriellen Identität. Vorschläge, Standorte wie Ludwigshafen (BASF) oder Duisburg (Thyssenkrupp) perspektivisch aufzugeben, klingen nach nüchterner Kostenrechnung – und sind zugleich Wasser auf die Mühlen des Rechtspopulismus. Zwischen Analyse und Zynismus verläuft hier eine schmale Linie.
Ungeachtet aller klimapolitischen Rhetorik bleibt die ökonomische und soziale Dimension der Transformation zentral. Industrie und private Haushalte mit niedrigen Einkommen dürfen nicht durch dauerhaft hohe Energiepreise überfordert werden. Nach dem Ausstieg aus der Kernenergie ist Deutschland stärker auf Stromimporte, etwa aus Frankreich, angewiesen; zugleich zeigte die frühere Abhängigkeit von günstigen Lieferungen aus Russland, wie eng Energie- und Außenpolitik verwoben sind.
Daraus ergibt sich meines Erachtens die Notwendigkeit, außen- und sicherheitspolitisch stärker auf Interessenausgleich zu setzen – in einer Tradition, die an die sozialdemokratische Entspannungspolitik der siebziger Jahre anknüpft, und die stets auch energiepolitisch motiviert war. Wer legitime Sicherheitsinteressen anderer Mächte ignoriert oder moralisch überhöht bekämpft, riskiert ökonomische Kollateralschäden.
Ähnlich nüchtern analysiert Münchau das veränderte Kräfteverhältnis gegenüber China. „Germany has become progressively more dependent on China, while China has become more progressively less dependent.“ Die deutschen Automobilhersteller erfahren dies schmerzhaft, wenn sich ihre neuen Elektrofahrzeuge auf dem chinesischen Markt schlechter verkaufen als erhofft. Zugleich kritisieren die Vereinigten Staaten die chronischen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse. In keynesianischer Tradition erinnert Münchau daran, dass der Überschuss des einen notwendigerweise das Defizit des anderen ist: „It is obvious that one country’s trade surplus needs to be offset by another’s trade deficit.“ Eine auf Dauer einseitige Exportstrategie provoziert politische Gegenreaktionen – bis hin zu Strafzöllen.
Ein alternativer Entwicklungspfad, der diese Spannungen mindert, läge in einer Stärkung der Binnenkaufkraft, höheren Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung sowie im Ausbau personenbezogener Dienstleistungen. Voraussetzung wäre allerdings eine solide und gerechte Finanzierung, die hohe Vermögen und Erbschaften stärker einbezieht und die Spielräume der Fiskalpolitik erweitert. Außen- und sicherheitspolitisch erscheint die Vorstellung illusorisch, Deutschland oder die Europäische Union könnten gegenüber den USA, China und Russland zugleich militärisch auf Augenhöhe agieren. Eine massive Umleitung knapper Mittel in den Rüstungssektor droht vielmehr den Innovationsrückstand in zivilen Zukunftsbranchen zu vergrößern. Auch die Hoffnung, durch vertiefte europäische Integration unter deutscher Führung strukturelle Schwächen zu kompensieren, könnte trügen.
Ein weiteres Kapitel widmet sich der Migrationspolitik. Deutschland sei „one of the most attractive destinations for low-skilled immigrants“, versäume es jedoch, Hochqualifizierte anzuziehen. So gelingt es beispielsweise Baden-Württemberg, das händeringend Personal in Informatik oder Pflege sucht, nicht, internationale Fachkräfte für sich zu gewinnen. Die Steuer- und Abgabebelastung für abhängig Beschäftigte ist im Vergleich zu anderen internationalen Zielen hoch, es mangelt insbesondere in den urbanen Ballungsräumen (nämlich dort, wo sich die offenen Stellen befinden) an freiem und bezahlbarem Wohnraum und an verlässlicher Kinderbetreuung. Gleichzeitig mündet die nicht- bzw. niedrigqualifizierte Zuwanderung beispielsweise aus dem Nahen Osten stark in den sozialen Sicherungssystemen statt in voller sozialversicherungspflichtiger Arbeit. Münchau formuliert das ohne Beschönigung und trifft damit einen wunden Punkt im moralisch aufgeladenen Diskurs.
Teure Fehlentscheidungen und erratische Strategiewechsel bei Konzernen wie Daimler oder Porsche, aber auch bei Zulieferern wie Bosch, gefährden zehntausende Arbeitsplätze im Stuttgarter Automobilcluster. Gerade im Südwesten trifft Münchaus Diagnose ins Schwarze. Der Stuttgarter Kommunalpolitik fehlen nunmehr im Jahr etwa 800 Millionen Euro weggebrochener Gewerbesteuereinnahmen, und das dortige Rathaus reagiert mit radikalen Sparmaßnahmen in der Daseinsvorsorge.
Gleichwohl endet „KAPUT“ dort, wo konkrete politische Handlungsempfehlungen beginnen müssten. Die Frage, wie sich das deutsche Produktions- und Regulationsmodell reformieren lässt, bleibt offen. Denkbar wäre eine aktivere Industriepolitik auf Länderebene, die strategische Forschungs- und Produktionsziele definiert und über öffentliche Investitionsfonds finanziert, flankiert von privatem Kapital. Münchau selbst kritisiert die Trägheit des dreisäuligen Bankensystems aus Privatbanken, Genossenschaftsbanken und öffentlich-rechtlichen Instituten bei der Bereitstellung von Risikokapital. Dazu gibt er spannende Einblicke in die rückwärtsgewandte Subventionspolitik der ehemaligen nordrhein-westfälischen Landesbank WestLB sowie ihre Verquickung mit der SPD und dem Industriekapital in der Johannes-Rau-Ära. Dieses korporatistische Kapitel endete allerdings spätestens mit der Finanzkrise, der daraufhin folgenden teuren Abwicklung der WestLB und mit dem Machtverlust der NRW-SPD. Wolfgang Münchau Analyse liest sich insofern als beste Wirtschafts- und Sozialgeschichte.
Trotz der Skandale um Landesbanken wie WestLB oder die Berliner Bankgesellschaft stellt sich aber die Frage, ob Münchau hier nicht vorschnell den Stab über sie bricht. Gerade in einem Umfeld schwacher privater Kapitalmärkte könnten öffentlich-rechtliche Institute eine größere Rolle bei der Innovationsfinanzierung spielen. Über Investitionsfonds, die außerhalb der Kernhaushalte angesiedelt sind, ließen sich Mittel mobilisieren, ohne formell gegen Schuldenbremsen zu verstoßen. Wer als Bundesland Risikokapital bereitstellt, könnte im Gegenzug Unternehmensanteile und Mitsprache erhalten. Mehr Wirtschaftsdemokratie durch gezielte öffentliche Beteiligung – das wäre eine Option, die über seine Diagnose hinausweist.
„KAPUT“ ist damit weniger Abgesang als Warnruf. Münchau beschreibt ein Modell, das lange erfolgreich war und nun an seine Grenzen stößt. Seine Analyse ist scharf, bisweilen provokant, nicht immer frei von Zuspitzung. Gerade darin liegt der Reiz dieses Buches: Es zwingt dazu, über die Grundlagen des deutschen Wohlstands neu nachzudenken – und über die politischen Konsequenzen, die daraus folgen müssten.
Münchau, Wolfgang: KAPUT. The End of the German Miracle, Swift Press, Croydon 2025, 250 Seiten, 11 £ (22 € in der deutschen Ausgabe).