Makroskop
Globalisierung

Wenn Vernetzung zur Falle wird

| 24. Februar 2026
IMAGO / Zoonar

Als um 1177 v. Chr. ein hochvernetztes System kollabierte, begann ein dunkles Zeitalter. Was der Untergang der Bronzezeit über Globalisierung, Lieferketten und Deutschlands Verwundbarkeit im 21. Jahrhundert lehrt, ist aktueller denn je.

Was, wenn der Untergang ganzer Zivilisationen kein abgeschlossenes Kapitel der Vergangenheit ist, sondern eine Warnung für hochkomplexe Gesellschaften der Gegenwart? Der Zusammenbruch der bronzezeitlichen Hochkulturen um 1177 v. Chr. ist mehr als ein archäologisches Drama. Er markiert den ersten bekannten Fall eines systemischen Kollapses in einer vernetzten Welt – und liefert damit ein analytisches Raster, das auch für das 21. Jahrhundert von überraschender Aktualität ist.

Gerade für Deutschland, dessen Wohlstand in besonderem Maße auf globaler Arbeitsteilung, internationalen Lieferketten und politisch fragilen Abhängigkeiten beruht, lohnt der Blick zurück. Denn die Geschichte zeigt: Vernetzung ist keine Garantie für Stabilität. Sie kann – unter bestimmten Bedingungen – selbst zur Achillesferse werden.

Die Bronzezeit: Das erste Zeitalter der Globalisierung

Zwischen etwa 1550 und 1200 v. Chr. erlebte der östliche Mittelmeerraum eine Phase außergewöhnlicher wirtschaftlicher und politischer Verdichtung. Mächtige Reiche wie Ägypten, das Hethiterreich, die mykenischen Palaststaaten, Babylonien, Assyrien, die minoische Kultur auf Kreta sowie zahlreiche Stadtstaaten bildeten ein enges Netz aus Handel, Diplomatie und kulturellem Austausch. Die berühmten Amarna-Briefe, rund 400 erhaltene Tontafeln aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., dokumentieren eindrucksvoll, wie intensiv diese Großmächte miteinander kommunizierten. In einer gemeinsamen Diplomatensprache – dem Akkadischen – wurden Bündnisse verhandelt, Konflikte moderiert und ökonomische Interessen koordiniert. Selbst Städte wie Jerusalem, Byblos oder Ugarit waren fest in dieses internationale System eingebunden.

Der materielle Wohlstand dieser Epoche beruhte auf weitreichenden Handelsrouten. Kupfer aus Zypern, Zinn aus Zentralasien, Gold, Glas, Wein, Olivenöl und Luxusgüter zirkulierten über tausende Kilometer hinweg. Die Palastwirtschaften waren hoch spezialisiert und zentralistisch organisiert. Produktion, Lagerhaltung und Verteilung wurden administrativ gesteuert, Effizienzgewinne durch Spezialisierung maximiert. Doch diese Effizienz hatte ihren Preis: Die Systeme waren extrem abhängig von stabilen Verkehrswegen, politischen Bündnissen und funktionierenden Austauschbeziehungen. Die Handelsmetropole Ugarit, ein zentraler Umschlagplatz im östlichen Mittelmeer, steht exemplarisch für diese frühe Form globaler Integration – und für ihre Verletzlichkeit.

Der Kollaps der Bronzezeit: Systemversagen statt Einzelkatastrophe

Um 1200 v. Chr. setzte ein dramatischer Niedergang ein. Innerhalb weniger Jahrzehnte kollabierten nahezu zeitgleich mehrere Hochkulturen. Städte wie Hattusa, Mykene oder Ugarit wurden zerstört oder aufgegeben, Handelsnetze brachen zusammen, politische Ordnungen zerfielen. In Griechenland verschwand mit dem Untergang der mykenischen Paläste sogar die Schriftkultur vollständig und kehrte erst Jahrhunderte später zurück. Kunst, Architektur und technische Fähigkeiten gingen verloren, die Bevölkerung zog sich in kleinere, lokal organisierte Gemeinschaften zurück.

Die Forschung geht heute weitgehend davon aus, dass dieser Kollaps nicht durch ein einzelnes Ereignis verursacht wurde, sondern durch eine Verkettung mehrerer Krisen: langanhaltende Dürren, Erdbebenserien, mögliche Seuchen, zunehmende Migrationsbewegungen und militärische Auseinandersetzungen. Letztere werden in den zeitgenössischen Quellen – insbesondere in ägyptischen Inschriften aus der Zeit Ramses’ III. – häufig unter dem Sammelbegriff der sogenannten „Seevölker“ beschrieben.

Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine koordinierte Invasionsmacht, sondern um lose Verbände unterschiedlicher Gruppen, deren Wanderungen, Plünderungen und militärischen Vorstöße selbst Ausdruck eines bereits einsetzenden Systemzerfalls waren. Zusammenbrechende Versorgungsnetze, politische Destabilisierung und zunehmende Ressourcenknappheit zwangen ganze Bevölkerungen zur Bewegung und verstärkten bestehende Konflikte. Migration und Gewalt waren in diesem Sinne weniger die primäre Ursache des Kollapses als vielmehr Symptom und Katalysator eines hochgradig fragilen, überdehnten Systems.

Der Zusammenbruch markierte das Ende der Bronzezeit und leitete in vielen Regionen ein jahrhundertelanges „dunkles Zeitalter“ ein. Bevölkerungszahlen sanken, Wissen ging verloren, politische Ordnungen fragmentierten sich. Zwar übernahmen spätere Kulturen einzelne Errungenschaften, doch der Einschnitt war tief und langanhaltend. Die Erfahrung dieses Systemversagens prägte Mythen, politische Selbstbilder und kulturelle Erinnerungen des Mittelmeerraums bis weit in die Antike hinein. Die „neuhethitischen“ Kleinstaaten griffen auf alte Titel, Götter und Symbolik zurück. In Griechenland lebte die Erinnerung an die untergegangene Welt als Epos weiter – in der Ilias und der Odyssee.

Von der Bronzezeit zur Gegenwart: Strukturelle Parallelen

Dieser historische Bruch zeigt, dass hochkomplexe, eng vernetzte Systeme inhärent verwundbar sind, wenn ihre Resilienz geringer ist als ihre Effizienz. Genau an diesem Punkt wird der Blick auf die Gegenwart relevant – insbesondere auf Deutschland.

Deutschland gehört auch 2026 zu den am stärksten globalisierten Volkswirtschaften der Welt. Exportorientierung, internationale Wertschöpfungsketten und eine tiefe Einbindung in globale Finanz- und Produktionsnetzwerke bilden das Fundament des Wohlstands. Doch die Krisen der vergangenen Jahre – Pandemie, geopolitische Konflikte, Energiepreisschocks, Lieferkettenunterbrechungen – haben offengelegt, wie fragil dieses Modell geworden ist.

Nach zwei Jahren wirtschaftlicher Schrumpfung stagnierte die deutsche Wirtschaft 2024 und 2025 weitgehend. Für 2025 meldete das Statistische Bundesamt ein reales BIP-Wachstum von lediglich rund 0,2 Prozent, getragen vor allem von staatlichen Ausgaben und einem moderaten Anstieg des privaten Konsums. Für 2026 erwarten die meisten Institute zwar wieder positives Wachstum, doch die Prognosen bewegen sich überwiegend zwischen 0,8 und 1,3 Prozent.

Besonders auffällig ist die Schwäche der Exporte, traditionell das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Die Ausfuhren stagnierten 2025 real oder gingen in einzelnen Quartalen sogar zurück, insbesondere in Drittstaatenmärkte außerhalb der EU. Gleichzeitig stiegen die Importe, was den außenwirtschaftlichen Beitrag zum Wachstum weiter schwächte. Der Arbeitsmarkt reagiert verzögert, aber spürbar: Anfang 2026 überschritt die Zahl der Arbeitslosen erneut die Marke von drei Millionen, die Quote liegt saisonbereinigt bei gut 6 Prozent – der höchste Stand seit den frühen 2020er Jahren.

Staat, Markt und politische Ökonomie

Häufig wird diese Entwicklung als Folge externer Schocks beschrieben. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Wie bereits in der Bronzezeit liegt das Problem weniger im einzelnen Ereignis als im Systemdesign. Eine beliebte Erzählung behauptet, der Staat sei im Zuge der Globalisierung zurückgedrängt worden. Tatsächlich jedoch wurde staatliche Macht in den letzten Jahrzehnten gezielt eingesetzt, um marktliberale Ordnungen zu stabilisieren: Schuldenbremse, Austeritätspolitik, Arbeitsmarktreformen und die fiskalischen Restriktionen der Eurozone haben die wirtschaftspolitischen Handlungsspielräume bewusst eingeengt.

Die europäische Integration hat diese Entwicklung verstärkt. Entscheidungsbefugnisse wurden von Parlamenten auf Exekutiv-Organe und Technokraten verlagert, Zentralbanken von demokratischer Kontrolle entkoppelt. Das Ergebnis ist eine politische Ökonomie, in der nationale Demokratien zunehmend auf die Rolle von Standortverwaltern reduziert werden, während zentrale wirtschaftliche Weichenstellungen außerhalb direkter demokratischer Einflussnahme erfolgen. 

In der Tradition von Hegel und Marx lässt sich diese Entwicklung dialektisch lesen: Die Globalisierung entfesselt Produktivkräfte, steigert Effizienz und verbindet Märkte – erzeugt aber zugleich neue Widersprüche. Für Marx ist dieser Widerspruch der Motor geschichtlicher Entwicklung. Jede Phase intensiver Vernetzung trägt ihre eigene Krisendynamik in sich. Die deutsche Wirtschaft ist dafür ein aktuelles Beispiel: Ihre Stärke – internationale Integration – wird unter veränderten geopolitischen und ökonomischen Bedingungen, in Form einer starken Abhängigkeit, zur Schwäche.

Resilienz statt Illusion

Die Lehre aus 1177 v. Chr. ist keine Absage an Handel oder internationale Kooperation. Sie ist eine Warnung vor der Illusion, dass Komplexität und Vernetzung automatisch Stabilität erzeugen. Für Deutschland bedeutet das: Ohne eine aktive Industrie-, Investitions- und Sozialpolitik, die Resilienz über kurzfristige Effizienz stellt, bleibt das Modell verwundbar. Schlüsselindustrien sollten im Land oder aber zumindest in der Europäischen Union gehalten werden. Die Rückbesinnung auf den Nationalstaat als rechenschaftspflichtigen Gestaltungsraum ist eine rationale Antwort auf die systemischen Risiken einer überdehnten Globalisierung. Nur hier lassen sich Verteilungsentscheidungen, fiskalische Prioritäten und öffentliche Investitionen demokratisch legitimieren. 

Thomas Fazi und William Mitchell erinnern in ihrem Buch Reclaiming the State (deutsche Übersetzung in der Edition MAKROSKOP) daran, dass der Staat auch während der Ära des Neoliberalismus keineswegs „verschwunden“ ist, sondern als Träger von Steuer‑, Geld‑ und Regulierungsmacht weiterhin die entscheidenden Hebel besitzt, um Märkte zu disziplinieren und öffentliche Güter politisch zu priorisieren. Zugleich folgt daraus kein Plädoyer für nationale Autarkie oder ein international abgeschottetes System: Hohe Kapitalmobilität und grenzüberschreitende Wertschöpfung begrenzen, was einzelne Staaten dauerhaft allein durchsetzen können, und erzeugen ohne gemeinsame Leitplanken Steuer‑, Sozial‑ und Regulierungskonkurrenz.

Daher ist demokratische Handlungsfähigkeit nicht ohne eine zweite, kooperative Ebene denkbar. Zwar ist die EU in weiten Teilen dysfunktional. Dennoch gibt es viele Bereiche, in denen eine Zusammenarbeit über nationalstaatliche Grenzen hinweg sinnvoll und notwendig ist – das betrifft die Besteuerung von großen Vermögen und Erbschaften, Unternehmensbesteuerung, grenzübergreifende Energie- und Schienennetze oder Mindeststandards bei Mindestlöhnen und Arbeitsbedingungen.

Auf diese Weise mündet nationale Souveränität nicht in einem Wettlauf nach unten. Klimawandel, Pandemien und Migrationsbewegungen machen zudem deutlich, dass globale Risiken internationaler Zusammenarbeit bedürfen, weil weder die Ursachen noch ihre Wirkungen nicht an Grenzen haltmachen. Eine zukunftsfähige Architektur muss so ausgestaltet sein, dass die Souveränität demokratischer Nationalstaaten in größtmöglichen Einklang mit einer funktionierenden internationalen Koordination stehen. Sonst droht auch das moderne Europa zu einem Mythos zu verblassen.