Energiewende in der Angstfalle
Zwischen Gas-Panik und Investitionsblockaden verliert Deutschland den Blick für die Realität. Warum wir statt Emotionen sachliche Abwägungen brauchen.
Nachhaltigkeit ist kein Schlagwort, sondern eine Systemfrage. In seiner Kolumne „Kreislauf, Klima, Kapital“ beleuchtet Lukas Poths die Schlüsselindustrien der ökologischen Transformation – von der Energiebranche über Mobilität und Landwirtschaft bis zu den Finanzmärkten.
Im Herbst hatte ich ehrlich gesagt noch gehofft, dass uns das Thema Gasversorgung und Speicherfüllstände maximal bis Januar begleiten würde. Und dann, wenn klar ist, was sich abzeichnete – es droht kein Versorgungs-Ausfall – wäre die Sache vom Tisch. Doch das verhindert nicht, dass trotzdem allenthalben Schreckensszenarien an die Wand gemalt werden: Privathaushalte bleiben kalt; die Industrie stirbt, weil ihr die Energie fehlt – so oder so ähnlich hört man es.
Denjenigen, die sich Sorgen über ihre Wohnungswärme machen, kann man das nicht vorwerfen. Das Thema wird oft – ob bewusst oder unbewusst – ungenau erläutert. Entweder aus fehlender Sachkenntnis oder auch zum Zweck politischer Agitation. Dazu gleich mehr.
Auf ganz andere Weise war Wärme zuletzt auch in der Gemeinde Groß-Gerau ein Thema: Dort lehnte der Stadtrat im Februar den Bau eines 2,5 Milliarden schweren Rechenzentrums ab. Eine Begründung: Die mikroklimatische Wirkung des bis zu 30 Meter hohen Gebäudekomplexes.
Im Folgenden daher etwas zu den politischen und ökonomischen Interessen hinter der Energiewende und wie sie in Deutschland ihre Wirkung entfalten. Wie so oft zeigt sich, dass Schwarz-Weiß-Denken eine deontologische Krücke und kein politischer Lösungsweg ist.
Angst als Interessenvertretung
Es ist auffällig, dass eine emotionalisierende Sprache verkürzenden Positionen ausgewiesener Nicht-Fachleute den Anschein von Gültigkeit verleiht. Ausgehend von realen Problemen werden nicht selten künstliche Kausalketten konstruiert und in simple teleologische Deutungsmuster gepresst, um bestimmten Positionen Plausibilität zu verleihen. In puncto Energiewende ist das bei den Medien und Vordenkern eines rechtsgerichteten Libertarismus besonders deutlich zu beobachten.
Ein Dauerbrenner, der Emotionen hochkochen lässt, sind die Gasspeicherfüllstände. Neben Medienhäusern der Couleur Apollo News und Nius machen auch die einschlägigen Influencer Alarm. Prominent: der ehemals auf Aktien spezialisierte YouTuber Aktien mit Kopf. Auf einem Thumbnail mit der Überschrift „GRÖßTE DEUTSCHE KATASTROPHE!“ und den in offenkundigem Schock aufgerissenen Augen des Hosts verbirgt sich das übliche mit Minimalaufwand produzierte, weitgehend von fachlicher Präzisierung unbelastete Empörungsvideo. Diesmal, weil Deutschland vermeintlich das Gas ausgehe.
Der Stein des Anstoßes ist valide: Wie sehen die Speicherstände nach vier Jahren Embargo und energiepolitischer Abhängigkeit aus? Kann für den Fall eines unerwartet harten Winters genug Energie aus den Speichern abfließen, um Industrie und Haushalte zu versorgen?
Die USA als LNG-Lieferant haben zum Beispiel selbst mit einem harten Winter und gefrorenen Leitungen zu kämpfen. Und es stimmt, dass die Füllstände unter dem langjährigen Durchschnitt verharren. Der Füllstand des explizit angesprochenen Speichers Rehden beträgt Stand 11. Februar 2026 noch 7,7 Prozent des Maximalfüllstands von 44,7 Terrawattstunden. Das ist verhältnismäßig wenig. Ist der Speicher als einziger für die Versorgung Niedersachsens zuständig? Nein. Außerdem ist der Füllstand nicht allein aussagefähig über die Versorgungslage.
Da Deutschland seit dem Embargo gegen Russland sein Gas von mehreren Handelspartnern (wie Norwegen, Niederlande, Belgien, USA oder Katar) bezieht und dieses meist dynamisch nach Bedarf eingekauft und verbraucht wird, schlägt der Verbrauch an Gas eben nicht eins zu eins auf die Speicher um.
Will heißen: Die aktuelle „Frühwarnstufe Gas“ ist entgegen ihrem Namen aktuell keine Bedrohung, sondern Entspannung. Sie wurde erst 2025 von der „Alarmstufe“ heruntergestuft, die 2022 ausgerufen wurde. Kurz gesagt heißt es, dass die Füllstände beobachtet werden und regelmäßige Kommissionen zusammentreten, die im Bedarfsfall weitere Schritte unternehmen – wie Zukauf und Lagerung von Gas. Wird viel Gas verbraucht, ist die Einlagerung bisweilen teurer als der direkte Verbrauch. Befürchtete Markteingriffe wie Rationierungen nimmt die Bundesnetzagentur nicht vor. Das passiert erst in der „Notfallstufe“ – für die es keine Anzeichen gibt.
Die aktuell nicht nur in Rehden niedrigen Speicherstände geben natürlich Anlass zur Sorge, wenn die Katastrophe permanent herbeigeredet wird. Die Wahrheit ist wesentlich nüchterner. Die Prognose-Tools des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) geben Aufschluss über die erwartbaren Szenarien. Wahr ist, dass gut gefüllte Speicher den Druck auf die Nettoimporte senken und gespeichertes Gas aus Kavernen schnell ins Netz eingespeist werden kann. Die Füllstände engmaschig zu überwachen, ist also sinnvoll. Wenig sinnvoll ist es, aus kleineren Normabweichungen eine Katastrophe quasi-apokalyptischen Ausmaßes zu machen. Bei Aktien mit Kopf kommen diese Katastrophen fast täglich.
Angst um Lebensqualität
Zwar findet sich auf der linken Seite des politischen Spektrums ein weniger krawalliger Ton, doch dafür erschwert hier etwas anderes die Verbindung von wirtschaftlichen und ökologischen Interessen. Eindrücklich zu beobachten am Groß-Gerauer Stadtrat, der ein milliardenschweres Investitionsvorhaben einer amerikanischen Firma mit teils konstruiert wirkenden Argumenten ausgebremst hat.
Entstehen sollte ein riesiges Rechenzentrum. Die Rhein-Main-Region ist wegen ihrer Nähe zum Internetknotenpunkt in Frankfurt ein attraktiver Standort für Firmen, die Rechenkapazität anbieten. Nachdem Bürger in Groß-Gerau eine Initiative gegen das Projekt starteten, wurde das Ersuchen des Investors schlussendlich mit Stimmen der SPD, Grünen, FDP und der Freien Wähler abgelehnt. Die hohen Gebäude würden das Stadtbild stören, außerdem sei die Hitzebelastung der Stadt nicht tragbar, da der Komplex eine Frischluftschneise verbaue und die entstehende Abwärme die Umgebungsluft weiter aufheize. Ohnehin entstünden gar nicht so viele neue Jobs und Körperschaftssteuereinnahmen, wie sie sich die Stadt von einer Grundstücksentwicklung versprach.
Es folgte ein so vorherseh- wie nachvollziehbares Medienecho. Tenor: Die Kommunalpolitik sei wirtschaftsfeindlich. Tatsächlich ist es schwer nachvollziehbar, wenn sichere, dringend benötigte Investitionen in elementare Zukunftstechnologie von Gemeinden abgelehnt werden. Sollte das Grundstück, das der Rechenzentrumsbetreiber bereits gekauft hat, von der Stadt in nächster Zeit nicht gut entwickelt werden, werden sich die Fraktionen im Stadtrat für ihr naives Stimmverhalten rechtfertigen müssen. Es ist eine Wette auf attraktivere Investoren.
Glaubt man Vertretern des Stadtrats, war das Projekt gar nicht zu stemmen: Es fehlte an fachlicher Kompetenz für eine rechtssichere Ansiedlung, zugleich galten die Investitionen zur Nutzung der entstehenden Abwärme als nicht tragfähig. Stimmt das, wirft das ein schlechtes Licht auf die Ausstattung der Kommunen im Allgemeinen. Wenn wirtschaftlich relevante Großvorhaben an mangelnder administrativer Begleitung scheitern, trägt dafür nicht nur die lokale Ebene Verantwortung. Dann stellt sich auch für die Bundespolitik die Frage, weshalb Entscheidungen von gesamtwirtschaftlicher Tragweite auf das wacklige Fundament chronisch unterfinanzierter Kommunen gestellt werden.
Der Fall illustriert auf ernüchternde Weise den viel beschworenen Konflikt zwischen ökologischen Zielsetzungen und wirtschaftlicher Entwicklung. SPD, Grüne und FDP in Groß-Gerau schwächen mit ihrer Haltung die Glaubwürdigkeit einer Klimapolitik, die ökologische Ziele mit Investitionen, Beschäftigung und kommunaler Wertschöpfung verbinden müsste und damit die Basis sozialer Stabilität bildet.
Natürlich, in einer Demokratie dürfen die Anliegen lokaler Bürgerinitiativen nicht beiseitegeschoben werden. Die mikroklimatische Belastung der Städte wird weiter zunehmen, während es bislang an verbindlichen bundespolitischen Leitlinien für eine ausgleichende Stadtplanung mangelt, von einer verlässlichen Finanzierung ganz zu schweigen. Werden Kommunen mit der klimatischen Anpassung allein gelassen und Sorgen nicht ernsthaft adressiert, darf man sich über mangelnde Kooperationsbereitschaft nicht wundern. Der Eindruck drängt sich auf, dass die Parteien links der Mitte bislang keinen überzeugenden Plan vorgelegt haben, wie ökologischer Wandel gesellschaftlich tragfähig organisiert werden kann.
Unbequeme Entscheidungen
Die ökologische Transformation ist mit kaum untereinander vereinbaren Einzelinteressen konfrontiert. Bemerkenswert aber ist, dass der Widerstand aus unterschiedlichen politischen Lagern demselben Impuls folgt: Alles soll bleiben, wie es ist. Ob er aus fossilen Geschäftsmodellen oder aus Skepsis gegenüber industrieller Entwicklung gespeist wird, ist letztlich zweitrangig. Befürworter und Gegner ökologischer Politik treiben sich gegenseitig in emotionale Eskalationen, die sachliche Abwägungen zunehmend verdrängen.
Dabei ist der Zielrahmen längst definiert, der Weg dorthin jedoch mit unbequemen Entscheidungen verbunden. Erdgas ist kein klimaneutraler Energieträger, wird aber im Übergang gebraucht. Auf funktionierende Ökosysteme kann nicht verzichtet werden, zugleich verändert der Ausbau erneuerbarer Infrastruktur Landschaften und Lebensräume. Diese Widersprüche lassen sich nicht auflösen, wohl aber politisch gestalten. Der ökologische Umbau kann sozial verträglich begleitet und für die Bevölkerung erträglich gemacht werden. Die entscheidende Frage ist nicht, ob das möglich ist, sondern ob es bislang entschlossen genug geschieht.