Makroskop
Energiemarkt

Energie als Waffe: Wie die USA Europa schwächen

| 10. Februar 2026

Europa wollte sich von russischer Energie lösen und unabhängig werden. Stattdessen ist eine neue Abhängigkeit entstanden: von amerikanischem Flüssiggas. Wie Energiepolitik zum geopolitischen Druckmittel wird.

„Europa sichert die Kontrolle über seine Energieversorgung und stärkt seine Autonomie.“ So verkündete es letzte Woche Roberta Metsola, Präsidentin des Europäischen Parlaments, anlässlich des Beschlusses eines vollständigen Importverbots für russisches Gas, das bis zum Jahresende in Kraft treten soll. Doch der demonstrative Optimismus ist fehl am Platz. Denn tatsächlich hat die EU lediglich eine Abhängigkeit gegen eine andere eingetauscht.

Was Europa früher über Pipelines aus Russland bezog, stammt heute überwiegend aus den Vereinigten Staaten. Rund 60 Prozent der europäischen Flüssiggasimporte (LNG) kommen inzwischen aus den USA. Damit ist jedoch nicht nur ein Lieferant gewechselt worden, sondern die gesamte Struktur der Energieversorgung.

Teures Gas, volatile Preise

Amerikanisches LNG ist deutlich teurer als russisches Pipelinegas und zugleich erheblich volatiler. Pipelinegas wurde in der Regel über langfristige Verträge mit kalkulierbaren Preisen geliefert. LNG hingegen orientiert sich an globalen Spotmärkten. Die Preise reagieren sensibel auf Nachfrageschwankungen, Wetterereignisse und geopolitische Schocks.

Der Zeitpunkt der europäischen Selbstvergewisserung war daher denkbar ungünstig: Während die Brüsseler Politik ihre neu gewonnene „Energieautonomie“ pries, stiegen die US-Gaspreise innerhalb einer Woche um rund 70 Prozent auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Ursache waren extreme Kälte, eingefrorene Leitungen, Lieferausfälle und eine stark steigende Inlandsnachfrage in den Vereinigten Staaten.

Diese Preisschocks werden sich unmittelbar in höheren Gas- und Stromkosten in Europa niederschlagen. Sie treffen auf eine Phase, in der die Durchschnittstemperaturen in mehreren Regionen deutlich unter dem 30-jährigen Mittel lagen. Zugleich gaben nach Angaben von Eurostat zuletzt rund zehn Prozent der EU-Bevölkerung an, ihre Wohnungen nicht ausreichend beheizen zu können oder mit Zahlungsrückständen bei Energiekosten konfrontiert zu sein.

Bereits in den vergangenen Jahren haben hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit vieler europäischer Industrien geschwächt. Besonders betroffen ist Deutschland, wo energieintensive Branchen zunehmend Produktionskapazitäten abbauen oder verlagern.

Insgesamt verdeutlicht diese Entwicklung die wirtschaftlichen Risiken der europäischen Energiepolitik der vergangenen vier Jahre. Das Problem liegt nicht allein im Ersatz russischer Lieferungen durch teureres LNG. Hinzu kommt, dass die Vereinigten Staaten ihre Energieexporte deutlich offensiver als politisches Instrument einsetzen als Russland in der Vergangenheit.

Trotz wiederholter Vorwürfe einer „Instrumentalisierung“ von Gaslieferungen durch Moskau zeigen die historischen Erfahrungen ein differenzierteres Bild. Über Jahrzehnte hinweg lieferte zunächst die Sowjetunion, später Russland, Energie nach Westeuropa, selbst in Phasen schwerer politischer Spannungen. Auch nach Beginn des Ukrainekriegs erklärte Moskau wiederholt, eine Wiederaufnahme von Lieferungen liege in der Hand Berlins.

Die Vereinigten Staaten verfügen dagegen über eine lange Tradition, Energiepolitik mit strategischen Zielen zu verknüpfen. Unter Donald Trump wurde dieser Ansatz ausdrücklich formuliert. Die im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der USA definiert „amerikanische Energiedominanz“ als zentrales außenpolitisches Ziel und verknüpft die Steigerung von Energieexporten ausdrücklich mit geopolitischem Einfluss.

Abhängigkeit mit Vorgeschichte

Schon vor Trumps Rückkehr ins Amt war Europas Abhängigkeit von US-Energie weitgehend etabliert. Sie verstärkte sich nach dem Stopp russischer Lieferungen und der Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines. Die Ermittlungen zu dieser Sabotage dauern bis heute an. Internationale Analysten diskutieren verschiedene mögliche Akteure, während offizielle Beweise für eine Beteiligung der US-Regierung bislang nicht vorliegen.

Doch auch die Trump-Regierung hat wiederholt bewiesen, dass sie bereit ist, massiv in Märkte einzugreifen, bestehende Regeln außer Kraft zu setzen und nicht nur Gegner, sondern auch langjährige Verbündete unter Druck zu setzen. Unter Trump arbeitet Washington gezielt daran, diese Abhängigkeit weiter zu vertiefen.

Im April 2025 nutzte die US-Regierung etwa die sogenannten „Liberation Day“-Zölle, um Deutschland und andere EU-Staaten davon abzuhalten, russische Energie zu importieren. Wenige Monate später setzte Trump die Europäische Kommission unter Druck, sich zum Kauf von US-amerikanischem LNG, Öl und Nukleartechnik im Wert von 750 Milliarden Dollar zu verpflichten – im Gegenzug würden die USA auf Strafzölle verzichten. Dass diese Summe unrealistisch ist, war von Anfang an klar. Entscheidend war das Signal. Wie Energieminister Chris Wright offen erklärte, sollte Europa verstehen, dass seine Energieabhängigkeit „langfristig“ angelegt sei.

Der Druck zeigte Wirkung. Nach Angaben des Brüsseler Thinktanks Bruegel stiegen die LNG-Lieferungen aus den USA in die EU im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 60 Prozent. Parallel dazu begann Washington, diese Lieferungen zunehmend zu politisieren. US-Vertreter verknüpften sie offen mit regulatorischen und politischen Forderungen. Noch vor wenigen Monaten forderten Wright und sein katarischer Amtskollege gemeinsam die Aussetzung europäischer Klima- und Umweltauflagen, die als Hindernis für fossile Energieimporte gelten – ausdrücklich unter Verweis auf Europas Abhängigkeit von LNG aus den USA und dem Golf.

In diplomatischen Kreisen mehren sich inzwischen Zweifel an dieser Entwicklung. Vertreter mehrerer Mitgliedstaaten, darunter Frankreich, Spanien und Österreich, äußern intern Vorbehalte gegen eine einseitige Ausrichtung auf US-Lieferungen. Auch in Arbeitsgruppen des EU-Rats wird verstärkt über Diversifizierungsstrategien diskutiert.

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Thema durch Trumps öffentliche Äußerungen zu möglichen territorialen Ansprüchen auf Grönland. Nach Berichten der New York Times befürchten europäische Regierungsvertreter, dass Energieexporte künftig verstärkt als Druckmittel in politischen Verhandlungen eingesetzt werden könnten. Vor diesem Hintergrund spricht EU-Energiekommissar Dan Jørgensen inzwischen von der Notwendigkeit, auch die Abhängigkeit von amerikanischem LNG zu reduzieren. Konkrete Alternativen sind jedoch bislang kaum erkennbar.

In der öffentlichen Debatte wird häufig suggeriert, diese Entwicklung sei eine Folge der erneuten Präsidentschaft Trumps. Tatsächlich reichen die strukturellen Ursachen weiter zurück. Bereits in den Jahren zuvor wurde der europäische Energiemarkt zunehmend auf US-Importe ausgerichtet.

Die Risiken dieser Strategie waren früh erkennbar, die ökonomischen und politischen Kosten vielfach vorhergesagt. Der Unterschied zu heute besteht allein darin, dass Trump Europas prekäre Lage nicht länger kaschiert, sondern schonungslos offenlegt.

Der Dollar, das Öl und die globale Ordnung

Dabei geht es bei der amerikanischen Energiepolitik um weit mehr als kurzfristige Profite oder taktische Einschüchterung. Trumps Politik fügt sich in eine längerfristige amerikanische Strategie ein. Seit dem Zweiten Weltkrieg zählt die Kontrolle über globale Energieströme zu den Grundpfeilern der US-Außenpolitik. Über Jahrzehnte hinweg war dies eng mit der Dominanz des Dollars im Ölhandel verbunden.

Indem Rohstoffe überwiegend in US-Währung gehandelt wurden und Exporterlöse in das amerikanische Finanzsystem zurückgeführt wurden, konnte Washington den Dollar zur Weltreservewährung erheben – verbunden mit dem von Valéry Giscard d’Estaing so genannten „exorbitanten Privileg“, Importe praktisch selbst zu finanzieren. Gleichzeitig verschaffte sich die USA durch die Kontrolle über physische und finanzielle Engpässe des Energiemarkts ein wirksames Zwangsinstrument: den Ausschluss missliebiger Staaten von Energie oder vom dollarbasierten Finanzsystem.

In den vergangenen Jahren geriet dieses System zunehmend unter Druck. Länder wie China, Russland, Iran oder Venezuela entwickelten alternative Handelsstrukturen. Mehrere Staaten – darunter selbst enge US-Partner wie Saudi-Arabien – begannen, Energiegeschäfte in anderen Währungen abzuwickeln oder drohten damit.

Venezuela deckte bis zu Trumps jüngstem Eingreifen rund fünf Prozent des chinesischen Ölbedarfs. Iran exportiert trotz jahrelanger Sanktionen große Mengen Rohöl, mehr als 80 Prozent davon nach China, was 13 bis 15 Prozent der chinesischen Importe entspricht. Die Möglichkeit von Staaten, Energie unabhängig von amerikanischen Vorgaben zu handeln – dazu zählten auch Russlands Gaslieferungen nach Europa vor 2022 – untergräbt sowohl die Dominanz des Dollars als auch Washingtons Fähigkeit, Energie und Sanktionen als geopolitisches Disziplinierungsinstrument einzusetzen.

Trump selbst bezeichnete den möglichen Verlust der Dollar-Dominanz 2024 als „gleichbedeutend mit einer Niederlage im Krieg“. Ähnlich äußerte sich Marco Rubio bereits 2023, als er vor einer durch Abkommen zwischen Brasilien und China entstehenden Parallelökonomie warnte, die „völlig unabhängig von den Vereinigten Staaten“ funktioniere.

Vor diesem Hintergrund lassen sich viele jüngere Maßnahmen Washingtons als Teil einer umfassenden Strategie verstehen: die Abkopplung Europas von russischer Energie, die Beschlagnahme venezolanischer Vermögenswerte und der Druck auf den Iran sind Versuche, physische und finanzielle Kontrolle über zentrale Energieflüsse zurückzugewinnen und politische Handlungsspielräume zu sichern.

Ob dieser Ansatz langfristig erfolgreich sein wird, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass Europas Energiepolitik in den vergangenen Jahren neue Abhängigkeiten geschaffen hat, ohne ausreichende strategische Alternativen aufzubauen. Die daraus resultierenden wirtschaftlichen und politischen Risiken werden zunehmend sichtbar.