Makroskop
Frag‘ den MAKROnauten

Sparen über Sparen: Was ist der Unterschied zum Investieren?

| 28. Januar 2026

Wohl kaum jemand, der Volkswirtschaftslehre studiert hat oder sich für Ökonomik interessiert, wird an der beinahe magisch anmutenden Formel S = I vorbeigekommen sein. Aber wie hängen S und I zusammen? Und worin liegt die Bedeutung dieser Gleichung?

In unserer Rubrik „Frag‘ den MAKROnauten“ können Leserinnen und Leser der Redaktion Löcher in den Bauch fragen.

Eine Leserin wollte wissen, ob der Erwerb von Aktien, Grundstücken oder Immobilien ein Akt der Investition wäre. Ähnlich fragte ein anderer Leser: ob Geld – in Form eines Aktienkaufs oder einer Geldanlage bei der Banknicht eben doch im Wirtschaftskreislauf bleibt und an anderer Stelle Nachfrage erzielt.

Liebe Leserinnen und Leser,

Investitionen setzen sich aus Anlageinvestitionen und Vorratsveränderungen zusammen. Zu den Anlageinvestitionen gehören materielle Anlagegüter wie Maschinen, maschinelle Anlagen, Geräte, Fahrzeuge und Betriebsgebäude sowie – seit der zweiten Generalrevision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 2014 – auch immaterielle Anlagegüter, insbesondere Ausgaben für Forschung und Entwicklung, sowie militärische Waffensysteme. Vorratsveränderungen bezeichnen den Auf- und Abbau von Lagerbeständen.

Unter Investitionen ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ausschließlich die Bildung von Sachvermögen zu verstehen, nicht jedoch Geldvermögensbildung. Anders als Sachvermögen beinhaltet Geldvermögen[1] eine Gläubiger-Schuldner-Beziehung zwischen Menschen, Unternehmen (inkl. Banken) oder Staaten. So sind z.B. Banknoten Forderungen gegenüber der emittierenden Zentralbank, Giroguthaben Forderungen gegenüber einer Geschäftsbank (bei der das Konto unterhalten wird), Industrieanleihen eine Forderung gegen Unternehmen usw. In diesem volkswirtschaftlichen Sinne kann man auch nicht in Aktien, Anleihen oder andere Finanzanlagen investieren, sondern nur in Maschinen oder Produktionsanlagen etc.

Sagt man, Herr Müller „investiere“ 100 Euro in Aktien, so ist damit in Wahrheit keine Investition, sondern eine bloße Finanztransaktion gemeint. Das heißt, Herrn Müllers Geldvermögen wird lediglich umstrukturiert, bleibt in seiner Höhe aber unverändert: Es wird ein Betrag von 100 Euro von seinem Girokonto abgebucht, dafür besitzt er nun in entsprechener Höhe Aktien.

Warum aber ist nun für eine geschlossene Wirtschaft S = I (Ersparnis gleich Investition)? Ersparnis ist die Nichtverwendung von Einkommensteilen zum Konsum. Für das einzelne Wirtschaftssubjekt setzt sich die Ersparnis aus Sachvermögensbildung (Investitionen) und Geldvermögensbildung zusammen. Aggregiert über alle Wirtschaftssubjekte ist die gesamte Ersparnis gleich den gesamten Investitionen und der gesamten Geldvermögensbildung. Weil nun aber in einer geschlossenen Volkswirtschaft jeder Forderung eine Verbindlichkeit gegenübersteht, beträgt die gesamte Geldvermögensbildung Null. Übrig bleiben also die Investitionen und somit ist in einer geschlossenen Wirtschaft die Ersparnis immer gleich den Investitionen.[2]

Wenn die privaten Haushalte viel sparen, fließt von den an sie ausbezahlten Löhnen nur relativ wenig als Konsumausgaben an die Unternehmen zurück. Das reduziert die Gewinne und beschränkt damit die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Anders herum verbessert eine geringe Sparneigung der privaten Haushalte die Ertragslage der Unternehmen, so dass sie in die Lage versetzt werden, ihre Investitionen aus einbehaltenen Gewinnen zu finanzieren. Aus diesem Grund sind Phasen mit einer geringen privaten Ersparnis meist durch eine sehr dynamische Wirtschaftsentwicklung gekennzeichnet (in Deutschland etwa in den 1950er Jahren, als die Sparquote mit nur ca. 7 Prozent wesentlich niedriger war als etwa seit dem Jahr 2000, wo sie zumeist rund 10 bis 11 Prozent betrug). Etwas zugespitzt gesagt: Geizige Konsumenten schaden den Investoren.

Aber ist es nicht auf der anderen Seite so, dass sparende Haushalte den Unternehmen helfen, da sie ihnen Geld zum Investieren zur Verfügung stellen? Muss nicht zuerst gespart werden, um investieren zu können? Geht die Kausalität bei S = I nicht von links nach rechts? Man könnte dies vermuten, aber tatsächlich verläuft die Kausalitätsrichtung genau umgekehrt: Nicht die Ersparnisse bestimmen die Investitionen, sondern die Investitionen bestimmen die Ersparnisse.

Wie oben bereits erwähnt, bedeutet Ersparnis die Nichtverwendung von Teilen des Einkommens zum Konsum. Folglich kann Ersparnis solange nicht entstehen, bis die Ausgaben das Einkommen geschaffen haben, aus dem gespart werden kann. Mit anderen Worten: Die Ersparnis ist das Endergebnis des ökonomischen Prozesses und nicht der Anfang. Einkommen ermöglicht Ersparnis, aber auf makroökonomischer Ebene erzeugen Ausgaben Einkommen und somit erzeugen Ausgaben auch Ersparnis.

Diese umgekehrte makroökonomische Kausalität steht in einem engen Zusammenhang mit unserer monetären Produktionswirtschaft oder Geldwirtschaft, in der Banken Kredite geben können, ohne dazu vorherige Bankeinlagen, vorherige Guthaben bei der Zentralbank oder Bargeld im Tresor zu benötigen. Bankkredite ermöglichen Investitionen, die den Kapitalstock vergrößern und gleichzeitig die gegenwärtigen Einkommen steigern; diese mit den Investitionsprozessen einhergehende Einkommensbildung führt dann wiederum zu Ersparnis (da das Sparen von der Höhe des Volkseinkommens abhängt).

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[1] Als Geldvermögen wird die Differenz aus monetären Forderungen und monetären Verbindlichkeiten bezeichnet.
[2] Bei einer offenen Volkswirtschaft ändert sich die Gleichung dahingehend, dass die Geldvermögensbildung gegenüber dem Ausland, die stets dem Leistungsbilanzsaldo entspricht, als Geldvermögensbildung erhalten bleibt. In einer solchen Volkswirtschaft ist dann also die Ersparnis gleich den Investitionen zuzüglich des Leistungsbilanzsaldos.