Neuer Wirtschaftsverband will Netzausbau vorantreiben
Ohne moderne Stromnetze keine klimaneutrale Industrie. Der neugegründete Wirtschaftsverband GIGA sieht im zügigen Netzausbau ein herausragendes wirtschaftliches Interesse – insbesondere für internationale Konzerne mit hohem Energiebedarf.
Der europäische Energiesektor ist in Bewegung. Nicht nur, weil die EU sich müht, ihre Klimaziele einzuhalten. Sondern auch, weil die US-Außenpolitik der europäischen Staatengemeinschaft schmerzhaft die eigene Energie-Abhängigkeit vor Augen führt: Statt Partner auf Augenhöhe ist die EU inzwischen vor allem ein Absatzmarkt für amerikanisches Fracking-Gas.
Trotz erheblicher Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien bleiben die Energiepreise in Europa und insbesondere in Deutschland im internationalen Vergleich auf hohem Niveau. Die derzeit schwache Konjunktur ist zu einem erheblichen Teil auf die mangelhafte Integration von Wind- und Solarstrom in die bestehenden Netze zurückzuführen.
Um Grundlast und Versorgungssicherheit zu gewährleisten, sind konventionelle Erzeugungskapazitäten weiterhin unverzichtbar. Dass teures Erdgas verstromt wird, während gleichzeitig günstige Windkraftanlagen abgeregelt werden, ist aus Gründen der Netzstabilität bislang unvermeidlich.
Um diese ineffizienten Widersprüche aufzulösen, haben sich mehrere in Europa tätige Unternehmen zu einem neuen Interessenverband zusammengeschlossen. Zu den Mitgliedern zählen unter anderem die US-Konzerne Meta, Amazon und Google sowie Industriefirmen wie Linde und Siemens Energy. Unter dem Namen Green Industrial Grid Association (GIGA) verfolgt das Bündnis das Ziel, die reale industrielle Stromnachfrage mit den bestehenden europäischen Regulierungsrahmen in Einklang zu bringen.
Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit reagiert GIGA auf ein geplantes Gesetzespaket der EU, das den fragmentierten Netzausbauprozess der Einzelstaaten durch beschleunigte Genehmigungsverfahren, internationale Planung und verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten vereinheitlichen will. Mit einem eigenen Positionspapier unterstreicht GIGA, dass der Netzausbau zurecht zur Top-Priorität der Kommission erhoben werde, bis 2040 aber bis zu 1,2 Billionen Euro an Investitionen fehlen könnten.
Nicht nur am Geld fehlt es
Nach Einschätzung von Matt Ersin, Vorsitzender der GIGA, liegt das zentrale Problem der stockenden Elektrifizierung nicht allein in der Finanzierung. Gegenüber Euronews benennt er vielmehr strukturelle Defizite, die den Ausbau seit Jahren bremsen.
So klaffe weiterhin ein erhebliches Missverhältnis zwischen Netzkapazitäten und realer Wirtschaftstätigkeit. Die industrielle Nachfrage werde bislang nur unzureichend in die langfristige Netzplanung einbezogen. Investitionen folgten damit häufig politischen Zielvorgaben statt tatsächlichen Bedarfen.
Hinzu komme die uneinheitliche Reform der Netzanschlüsse. Das verbreitete First-come-first-served-Prinzip begünstige nicht die technisch ausgereiftesten oder volkswirtschaftlich sinnvollsten Projekte, sondern jene mit den frühesten Anträgen. Planungssicherheit werde so durch bürokratische Zufälligkeit ersetzt.
Erschwerend wirkten zudem stark variierende nationale Regelungen zur Netzflexibilität, unvollständige technische Standards und oft widersprüchliche Anreizsysteme. Ohne eine funktionierende Marktintegration könne Flexibilität ihr eigentliches Potenzial zur Entlastung von Engpässen und zur effizienteren Nutzung der Netzinfrastruktur nicht entfalten.
In der Summe entsteht ein System, das Investitionen zwar politisch fordert, administrativ jedoch ausbremst und ökonomisch verzerrt.
Energiepreise und CO2-Abgaben sind für Unternehmen entscheidende Produktionsfaktoren. Die günstig erzeugte Energie aus Wind und Sonne kann bei hohen Netzkosten allerdings nicht ökonomisch effizient abgegeben werden. Damit entstehen neue Herausforderungen, die andere Lösungen erfordern als es bisher in einem Netz mit vielen regelbaren Energieerzeugern wie Gas- und Kohlekraftwerken der Fall war. GIGA bringt sich nun als Shareholder des Transformationsprozesses und Interessenvertretung der Konzerne in Stellung.