Makroskop
Plurale Lehre

"Alternative wirtschaftstheoretische Ansätze werden oft ausgeblendet"

| 03. Februar 2026
Michael Schedelik

Viele Studierende fremdeln mit der Wirtschaftswissenschaft. Sie gilt als hochgradig formalisiert und von der Neoklassik dominiert. Ein Interview mit Michael Schedelik über ein Lehrbuch, das genau das ändern will.

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Andreas Nölke und Michael Schedelik verfolgen ein ambitioniertes Projekt. Die Politökonomen der Goethe-Universität Frankfurt am Main nehmen es mit einem Feld auf, in dem die Neoklassik herrscht. Dem setzen die beiden einen pluralistischen Ansatz entgegen: In ihrem Lehrbuch Ökonomie verstehen – Eine pluralistische Einführung für Lehramt und Sozialwissenschaften zeigen sie, dass es nicht "die Ökonomen" gibt. Vielmehr konkurrieren auf dem wirtschaftswissenschaftlichen Feld Denkschulen mit teils sehr verschiedenen Annahmen. Schedelik und Nölke wollen Studierende ermächtigen, sich im Dschungel der Zahlen und Graphen zurechtzufinden. Gelingt der Versuch? Ein Gespräch mit Michael Schedelik.

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Herr Schedelik, es gibt bereits gut etablierte Einführungswerke in BWL und VWL, wie beispielsweise Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre von Günther Wöhe et al. in der 28. Auflage oder Grundzüge der Volkswirtschaftslehre von Gregory Mankiw und Mark P. Taylor in der 9. Auflage. Warum braucht es dann noch ein weiteres?

Das Prinzip der Kontroversität ist ein zentrales Element des Beutelsbacher Konsenses, der seit den 1970er Jahren die Grundsätze politischer Bildung definiert. In den gängigen Einführungstexten zur Ökonomie wird hingegen meist nur eine Perspektive eingenommen – häufig die der neoklassischen Ökonomie und ihrer Weiterentwicklungen.

Alternative wirtschaftstheoretische Ansätze werden oft ausgeblendet, obwohl sie in der fachwissenschaftlichen Debatte eine bedeutende Rolle spielen. In der fachwissenschaftlichen Diskussion gibt es beispielsweise sehr unterschiedliche Ansichten darüber, wie Wirtschaftskrisen am wirksamsten bekämpft werden können oder ob soziale Ungleichheit aus ökonomischer Sicht problematisch ist.

"Alternative wirtschaftstheoretische Ansätze werden oft ausgeblendet, obwohl sie in der fachwissenschaftlichen Debatte eine bedeutende Rolle spielen"

Also ist ihr Lehrbuch eine Art Reaktion auf die mangelnde Berücksichtigung des Beutelsbacher Konsens in der Lehre?

Das könnte man so sagen. Ökonomie verstehen folgt dem Grundgedanken, kontroverse Themen der Wirtschaftswissenschaft auch in der Lehre und in den entsprechenden Einführungswerken als kontrovers darzustellen. Damit greifen wir auch die Forderungen von Studierenden der Wirtschaftswissenschaften auf, die auch von ökonomischen Fachgesellschaften vertreten werden.

Stichwort Studierende: Ihr Einführungswerk ist für das Lehramt und die Sozialwissenschaften vorgesehen. Während man in diesen Fächern noch gelegentlich von Marx oder Keynes hört, sind heterodoxe Ökonomen in BWL und VWL noch seltener vertreten. Hätten daher die Wirtschaftswissenschaften nicht noch eher ein pluralistisches Einführungswerk gebraucht als die Sozialwissenschaften und das Lehramt?

Der Ausgangspunkt für dieses Buch waren unsere täglichen Erfahrungen in der universitären Lehre. In Frankfurt unterrichten wir sowohl Studierende der Sozialwissenschaften – insbesondere der Politikwissenschaft und Soziologie – als auch angehende Lehrkräfte im Fach Politik und Wirtschaft.

In unseren Seminaren, die thematisch eng an die Inhalte des Buches angelehnt sind (Wirtschaftspolitik, Finanzmärkte, Globalisierung, wirtschaftliche Entwicklung und so weiter), haben wir wiederholt festgestellt, dass viele Studierende nur über begrenzte ökonomische Grundkenntnisse verfügen. Auf dieser Basis ist es schwierig, sich fundiert mit fachwissenschaftlichen Debatten auseinanderzusetzen.

Verstehe. Aber warum dann gerade die Lehramtsstudierenden?

Das wurde bei ihnen besonders deutlich. Sie haben immer wieder betont, dass sie für ihre spätere Unterrichtspraxis mehr ökonomische Grundlagen benötigen. Die Veranstaltungen und Lehrwerke der Wirtschaftswissenschaften sind für sie jedoch aufgrund des hohen Formalisierungsgrades kaum geeignet. Ökonomische Inhalte werden dort zumeist mittels mathematischer Gleichungen und abstrakter Modelle dargestellt. Das überforderte viele Studierende und schreckt sie ab.

Aus diesem Grund haben wir eine speziell auf diese Bedürfnisse zugeschnittene Einführungsveranstaltung entwickelt, die wir seit etwa fünf Jahren jedes Semester mit großem Zuspruch anbieten. Diese Lehrveranstaltung bildet die Grundlage für dieses Buch.

Und was ist dann mit den Studierenden der Wirtschaftswissenschaften?

Diese Zielgruppe kann das Buch ebenfalls mit Gewinn lesen. Denn interessanterweise kommen solche Studierende regelmäßig in unsere Lehrveranstaltung, weil sie sie als wichtige Ergänzung zu ihren hoch formalisierten Vorlesungen ansehen. Im Übrigen verstehen wir die Ökonomie ohnehin als eine Sozialwissenschaft und sehen das Buch damit im weiteren Sinne auch als Beitrag für die wirtschaftswissenschaftliche Lehre.

Pluralistische Ökonomie wird teils als politisch „linke“ Kritik an der herrschenden Lehre wahrgenommen. Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, Ihr Ansatz sei ideologisch motiviert?

Hier liegt ein Missverständnis vor. Pluralistische Ökonomie ist kein politisches Projekt, sondern der Versuch, die Vielstimmigkeit ökonomischer Perspektiven darzustellen. Aufgrund der aktuellen Strukturen in Forschung, Lehre, Medien und Politikberatung bedeutet das bis auf Weiteres vor allem, marginalisierten Sichtweisen mehr Raum zu geben und die Blindstellen der dominanten Theorien offenzulegen. Eine pluralistische Darstellung nimmt damit vielmehr eine Metaperspektive ein.

Trotzdem wird es schwierig sein, immer politische Neutralität zu bewahren...

Die Forderung nach Wertneutralität, also vollkommener Unabhängigkeit von Theorien und Werturteilen, ist eine weitgehende Fiktion. Daher haben wir in unserem Lehrbuch versucht, Werturteile transparent zu machen, die den Theorien innewohnen. Beispielsweise bewerten keynesianische Ansätze Arbeitslosigkeit und Ungleichheit häufig vollkommen anders als neoklassische. Es gibt unterschiedliche normative Grundannahmen, die für die Einordnung einer theoretischen Position sehr wichtig sind.

"Die Forderung nach Wertneutralität, also vollkommener Unabhängigkeit von Theorien und Werturteilen, ist eine weitgehende Fiktion."

Sie räumen der Neoklassik und dem Keynesianismus besonders viel Platz ein. Warum gerade diese beiden?

Um die Darstellung des Buches möglichst übersichtlich zu halten, haben wir uns darauf beschränkt, diese zwei zentralen ökonomischen Denkschulen – die Neoklassik und den Keynesianismus – systematisch zu behandeln. Und beide Denkschulen zeichnet aus, dass sie sich zu einem kohärenten Paradigma entwickelt haben und damit zu einer Vielzahl an empirischen Phänomenen, wie Arbeit, Geld, Handel, Konjunktur, Märkte und Produktion, Aussagen treffen.

Und diese Kohärenz findet man bei anderen Ansätzen weniger?

Sie sind spezifischer, könnte man sagen. Die Postwachstumsökonomie oder die feministische Ökonomie konzentrieren sich hauptsächlich auf einzelne, wenn auch sehr wichtige Bereiche der Wirtschaft. Wir berücksichtigen zwar andere Perspektiven ebenfalls, aber nur bei den Themen, bei denen sie besonders einschlägig sind.

Darüber hinaus findet sich die Unterscheidung zwischen Neoklassik und Keynesianismus prominent in den schulischen Lehrplänen wieder. Da angehende Lehrkräfte eine der wichtigsten Zielgruppen unseres Buches sind, ist dies ein wichtiges Kriterium.

Mehrere ökonomische Paradigmen parallel zu vermitteln ist anspruchsvoll. Wie verhindern Sie, dass Studierende ohne solides ökonomisches Vorwissen eher verwirrt als befähigt werden?

Das Buch ist problemorientiert aufgebaut. Das heißt, dass die Themen ausgehend von gesellschaftlichen Problemen aufgearbeitet werden. Damit knüpfen wir an dem Erfahrungshorizont von Studierenden und Nichtfachleuten an und erleichtern ihnen den Zugang zu Diskussionen, die auf den ersten Blick eher abstrakt erscheinen mögen.

Die Darstellungsweise des Buches haben wir bewusst so verständlich gehalten, dass auch Personen ohne jegliche Vorkenntnisse die Zusammenhänge nachvollziehen können. Wir haben auf mathematische Darstellungen und Modelle konsequent verzichtet, ebenso auf wirtschaftswissenschaftlichen Fachjargon.

Was soll noch den Zugang erleichtern?

Wir haben die Themen sozialwissenschaftlich verankert und in entsprechende Diskussionen von Politikwissenschaft und Soziologie sowie der politischen Alltagsdiskussion eingebettet. Wichtige didaktische Elemente hierbei sind zum Beispiel Exkurse, die aktuelle Debatten und zentrale historische Ereignisse aufgreifen und damit die Relevanz der behandelten Themen verdeutlichen.

Ist Ihr Buch als Ergänzung zur bestehenden ökonomischen Lehre gedacht – oder soll es dazu beitragen, das wirtschaftswissenschaftliche Feld umzukrempeln?

Die primäre Motivation des Buches ist es, eine fundierte, aber möglichst einfache Darstellung ökonomischer Inhalte anzubieten. Viele Menschen trauen sich nicht zu, an wirtschaftspolitischen Diskussionen teilzunehmen, weil die Ökonomie – im Gegensatz zu anderen Sozialwissenschaften – hochgradig formalisiert ist.

Dies trifft sogar bei so wichtigen Fragen wie den Ursachen von Arbeitslosigkeit, der Höhe von Mindestlöhnen, der Tragfähigkeit von Staatsschulden oder den Verteilungswirkungen von Steuern zu, die regelmäßig im Mittelpunkt von Wahlkämpfen stehen. Ohne ökonomische Grundkenntnisse ist es sehr schwer, wirtschaftsjournalistische Aussagen einzuordnen. Das ist vor allem dann problematisch, wenn fälschlicherweise behauptet wird, „die“ Ökonomen würden eine Maßnahme begrüßen oder kritisieren – und damit die existierende Pluralität des Feldes geleugnet wird.

"Die primäre Motivation des Buches ist es, eine fundierte, aber möglichst einfache Darstellung ökonomischer Inhalte anzubieten."

Solche Aussagen hört man häufig von Politikern und Journalisten…

Genau. Daher soll unsere kompakte Darstellung auch außerhalb von Hochschule und Schule interessierten Nichtfachleuten zur ökonomischen Selbstbildung dienen und so zur Selbstermächtigung im ökonomischen Diskurs beitragen.

Wir sind besonders froh, dass sowohl die Bundeszentrale für politische Bildung als auch die Zentrale der Landeszentralen eine kostengünstige Lizenzausgabe des Buches herausgegeben haben. Das erweitert den Kreis potenzieller Leser zusätzlich.

Gleichwohl verbinden wir mit unserem Buch auch die Hoffnung, einen kleinen Beitrag zur weiteren Pluralisierung der ökonomischen Lehre zu leisten. In diesem Bereich gibt es vielfältige Initiativen, die versuchen, die offenkundigen Schwachstellen zu adressieren.

Wenn Sie das Buch heute neu schreiben würden: Welche Perspektive oder Theorie würden Sie stärker einbauen – und welche vielleicht reduzieren?

Wir sind tatsächlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis und würden es aktuell genauso wieder schreiben. Natürlich könnte man argumentieren, dass vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen die Postwachstumsökonomie, die feministische Ökonomie oder auch der Marxismus einen stärkeren Stellenwert erhalten sollten.

Aber Sie haben sich trotzdem dagegen entschieden, noch mehr Pluralität reinzubringen...

Richtig. Denn damit würden wir unsere primäre Zielgruppe vermutlich überfrachten und potenzielle Leser eher abschrecken, anstatt sie für wirtschaftliche Themen zu begeistern. Und genau das würde unserer Zielsetzung entgegenlaufen.

Gleichzeitig könnte man argumentieren, dass dezidiert sozialwissenschaftliche Perspektiven, wie diejenige der Wirtschaftssoziologie oder der Politischen Ökonomie, noch prominenter vertreten sein sollten. Punktuell wäre das sicherlich interessant, aber auch hier müsste man vorsichtig abwägen, um nicht durch zu viel Komplexität die Zugänglichkeit zu erschweren. Zudem haben wir mit unseren Kollegen Christian May und Daniel Mertens bereits ein Lehrbuch (Politische Ökonomie: Vergleichend – International – Historisch, Springer 2023) verfasst, bei dem genau solche Aspekte systematisch aufbereitet werden.