Über Tiefsinn und Krieg
Herfried Münkler zur Unvermeidlichkeit von Kriegen.
Theodor W. Adorno hat in einer seiner Vorlesungen, die uns zum Glück erhalten sind, über den Tiefsinn nachgedacht. Der tiefsinnige Denker wolle sich vom leichtfüßig auf der Oberfläche tanzenden Denker darin unterscheiden, dass er oder manchmal auch sie uns tiefe Einsichten ins menschliche Sein liefern. Danach gehöre Leiden zum menschlichen Dasein notwendig dazu. Tiefsinnsphilosophie rechtfertige Leiden. Leben sei Leiden.
Wir haben alle Leidenserfahrungen gemacht, und manchmal haben sie uns sogar weitergebracht. Wir packen bestenfalls Dinge nach einer Krise anders an. Wenn es schlecht läuft, werden wir depressiv. Zu einer gelungenen Individuation gehören auch Leidenserfahrungen und Leidensfähigkeit, sie sind aber beileibe nicht alles. Die fundamentale Leidensapologie, die Adorno kritisiert, will uns aber erzählen, dass menschliches Leben wesentlich Leiden ist und nichts anderes sein kann und sollte.
Krieg ist eine der furchtbarsten Erfahrungen, die ein Mensch haben kann. Wir sollten alles dafür tun, dass uns diese Erfahrung erspart bleibt. Ich hörte in letzter Zeit des Öfteren, dass Menschen nach längeren Phasen des Friedens den Schrecken des Krieges vergessen haben und deswegen auch wieder bereit sind, zu den Waffen zu greifen. Gilt das für die Russen, die die Ukraine angriffen, gilt das für Die Grünen, die in Deutschland wohl zu den hartnäckigsten Waffenlieferungsbefürwortern gehören? Mache sich jeder sein eigenes Bild. Vielleicht ist vergessen worden, was Krieg bedeutet. Dann ist die oberste Aufklärerpflicht, alles dafür zu tun, um den Vergesslichen ins Gedächtnis zu rufen, was Krieg bedeutet.
Ein Kriegstiefsinnsphilosoph ist für mich Herfried Münkler. Nicht, dass er aus tieferem Wissen heraus Kriege rechtfertigt oder gar glorifiziert. Er sagt uns nur, dass es immer Kriege gebe, solange es Menschen gebe. Münkler tritt mit der Attitüde des Denkers auf, der mehr weiß als alle die anderen, all die Träumer vom Frieden auf Erden. Er guckt ernst, sehr ernst in die Kamera, die er sucht und die ihn will, und er redet mit dem Tonfall desjenigen, der den anderen Unwissenden was zu erklären hat.
Vielleicht wird es so lange Kriege geben, wie die Erde die Anwesenheit von uns erträgt. Vielleicht kriegen wir doch eines Tages die Kurve. Aber diese Fragestellung ist vollkommen uninteressant. Wichtig ist doch die Frage, wie wir Kriege verhindern können. Dazu bedarf es einer Analyse der jeweils konkreten Situation.
Münkler liefert mit seinem Statement, dass es immer Kriege gebe, nichts weiter als eine Rechtfertigung dafür, dass Aufrüstung das Gebot der Stunde ist. Dass wir wieder „kriegstüchtig“ werden müssen, ist für ihn auch selbstverständlich. Die Bedeutung einer Aussage hängt vom Kontext ab. Münklers Forschungen zur Geschichte des Krieges (die richtig sein können) und seine Behauptung, dass es immer Kriege gebe, heißen – beides jetzt in die Öffentlichkeit posaunt – nichts anderes als „Aufrüsten, aufrüsten, aufrüsten!“. Diplomatie kommt in Münklers Welt nicht vor.
Wie analytisch schwach und unredlich Münkler argumentiert, wenn es um einen konkreten Kriegsfall geht, kann man sich an seiner Position zum Ukrainekrieg klar machen.
In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk im Februar 2023, in dem es um die lauter werdende Forderung nach Verhandlungen mit Russland ging, argumentierte Münkler, dass es doch Verhandlungen sogar mit Erfolgen gebe. Es gebe beides, Kämpfe und Verhandlungen. Er verweist auf die damaligen Einigungen beim Getreidehandel. Das ist unredlich, führt den Zuhörer bewusst in die Irre und macht die Forderung nach Verhandlungen lächerlich. Bei den Getreideverhandlungen war der Westen nicht beteiligt.
Gefordert wurde von Wagenknecht bis Habermas, dass der Westen mit den Russen Friedensverhandlungen aufnimmt. Davon hielt Münkler nichts. Er setzte auf einen Abnutzungskrieg, den die Ukraine mit der Unterstützung des Westens gewinnen, der sie zumindest in eine starke Verhandlungsposition gegenüber Russland bringen könne. Das war schon damals unrealistisch. Und vor allem: Der Westen hat schon unter Biden die Ukraine im Stich gelassen. Er versprach Unterstützung, lieferte Waffen, er wusste aber, dass er nie die Waffen liefern darf, die der Ukraine wirklich helfen. Das Risiko eines Atomkrieges war und ist zu groß.
Wir wissen nicht, was man damals in Verhandlungen mit den Russen hätte erreichen können, wir wissen auch heute nicht, was möglich ist. Aber eins ist gewiss: Eine ideologisch beschränkte Sachverhaltsanalyse eines Herfried Münklers trägt zur Perpetuierung eines Krieges bei. So bekommt Münkler die Bestätigung, dass Krieg zum Menschen gehört.
Julian Nida-Rümelin schreibt in seinem aktuellen Essay „Der Epochenbruch“:
„Die Utopie einer befriedeten Welt und einer sich entwickelnden globalen Zivilkultur halte ich für unverzichtbar. Man mag das als eine kosmopolitische Utopie diffamieren, aber jede humanistisch motivierte Praxis ist auf Ideale als regulative Ideen angewiesen. Ohne diese gäbe es keine Demokratien und keine Menschenrechte.“
Das tut nicht nur der geschundenen Gutmenschenseele gut, sondern es ist schlicht richtig – auch wenn wir nicht wissen, welches institutionelle Gefäß wir einer guten Weltordnung geben (an eine Weltregierung glaube ich nicht) und auch wenn es nicht sicher ist, dass die Fans ihres jeweiligen lokalen Fußballclubs begreifen, dass sie auch Weltbürger sind oder sein sollten.