Makroskop
Klima und Finanzsektor

Systemrisiko Klima: Was macht die EZB?

| 21. Januar 2026
IMAGO / Jörg Halisch

Der Klimawandel ist ein großes Risiko für die Stabilität des Wirtschafts- und Finanzsystems. Was die EZB macht, um den Banken- und Finanzsektor für die Zukunft zu wappnen.

Der Klimawandel schreitet voran. 2024 wurden die 1,5 Grad Celsius globaler Durchschnittstemperatur – das Ziel des Pariser Klimaabkommens – erstmals gerissen. Weiterhin wurde jüngst ein globaler Kipppunkt überschritten: Die Korallenriffe dieser Welt werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein baldiges Ableben antreten.

Doch nicht nur für die ökologisch wertvollen Riffe ist der Klimawandel ein Problem. Auch die Stabilität des Wirtschafts- und Finanzsystems ist gefährdet. Davor warnen neben vielen Forscherinnen und Forschern sowie Nichtregierungsorganisationen auch die Europäische Zentralbank (EZB).

Durch den unmittelbaren physischen Effekt des Klimawandels auf die Realwirtschaft und somit die Preis- und Finanzstabilität falle eine klimaorientierte Geldpolitik direkt in das Primärmandat der Notenbank, so das Argument. Da die EZB über ihr Sekundärmandat auch die Wirtschafspolitik der EU unterstützen soll, beinhaltet das auch die Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation.

Doch wie gut ist der europäische Banken- und Finanzsektor gegen den Klimawandel gewappnet? Und was genau macht die EZB, um das System fit für die Zukunft zu machen?

Gefahr einer verspäteten und ungeordneten Transformation

„Der Klimawandel stellt eine wachsende Bedrohung für die Finanzstabilität dar, insbesondere angesichts der aktuellen Umkehrung der Klimapolitik, durch die die ökologische Transformation verzögert wird“, sagt Julia Symon von der Finanzdenkfabrik Finance Watch aus Brüssel auf MAKROSKOP-Anfrage.

Das erhöhte Risiko für das europäische Finanzsystem ergebe sich dabei zum einen aus physischen Störungen der Realwirtschaft durch Hitzewellen, Dürren oder Fluten aufgrund eines fortschreitenden Klimawandels. Mit dem Überschreiten von Kipppunkten im Ökosystem entstünden irreversible, sich exponentiell verstärkende Klimaveränderungen.  

Darüber hinaus bleibe die Gefahr einer verspäteten und ungeordneten Transformation, die durch plötzliche Marktneubewertungen (Minsky-Momente) das Finanzsystem erschüttern könnte, so Symon. Gewinnaussichten der Unternehmen bleiben hinter den Erwartungen zurück und Vermögenspreise fallen. Folgend können Kredite nicht mehr bedient werden, was für Banken große rote Zahlen bedeutet.

Trotz dieser offensichtlichen Gefahren lenkt das Finanzsystem weiterhin Gelder in den Ausbau fossiler Brennstoffe und verfestigt damit die langfristige Instabilität. Das bestätigt auch die EZB als zuständige Regulierungsbehörde: Laut letzter Abfrage (2022) stammten die Erträge der Banken aus Geschäften mit Nichtfinanzunternehmen insgesamt zu mehr als zwei Dritteln aus Branchen mit hohen Treibhausgasemissionen. Gerade einmal 20 Prozent der Banken berücksichtigen Klimarisiken als eine Variable bei der Kreditvergabe, so die Notenbank.

Besonders in Europa, wo Unternehmen sich größtenteils über klassische Bankkredite mit Geld versorgen, haben Banken einen maßgeblichen Einfluss darauf, welche Unternehmen wachsen und Erfolg haben. Eine Kanalisierung von Geldern in treibhausgasintensive Sektoren fördere so auch aktiv eine zukünftige Instabilität des Finanzsystems.

Der Prozess beginnt

Wie ordnet die EZB das Risiko für das europäische Finanzsystem ein? Auf MAKROSKOP-Anfrage verweist die Notenbank auf den jüngsten „großen“ Klimastresstest von 2022, der zugleich der erste seiner Art ist. Neben der Abhängigkeit von fossilen Branchen ließ die EZB die Banken verschiedene Klimaszenarien und ihre Auswirkungen auf die Solvenz der Finanzinstitute durchspielen.

Das vorgeordnete Ergebnis: Rund 60 Prozent der Banken hatten noch überhaupt keinen Rahmen für Klimastresstests. Die meisten Banken beziehen Klimarisiken somit nicht in ihre Kreditrisikomodelle ein. Zwar kommt der folgende Stresstest zu konkreten Verlustergebnissen. Wie die Behörde jedoch auch einräumt: Aufgrund mangelhafter Modelle und Daten machen die errechneten Verluste nur einen Bruchteil der wirklichen Summe aus.

Die Abfrage zeigt, dass das Wissen über konkrete Risiken und Auswirkungen der Klimaveränderungen auf die Finanzstabilität in den Kinderschuhen steckt. Bisher haben die Banken die Risiken der Klimakrise nicht auf dem Schirm, vielmehr investieren sie weiterhin vielfach in die Treiber der Krise.

Das soll sich laut EZB ändern. In Reaktion auf den Test erhielten die Banken ein individuelles Feedback mit zu ergreifenden Maßnahmen. Dazu können etwa ein verbindlicher Plan zur Schließung von Datenlücken, regelmäßige Klima‑Szenarien, Klima- und Energiedaten als Bestandteil der Kreditprüfung sowie in Bewertung und Beleihung von Assets als Sicherheiten gehören.

Feste Grenzwerte für Klimafaktoren bei der Kreditvergabe und Asset-Bewertung gibt es bisher nicht. Anders als die aus der Wirtschaftspolitik bekannten freiwilligen Empfehlungen pocht die Notenbank aber auf Durchsetzung ihrer Vorgaben. Wer weiterhin nicht handelt, muss mit periodischen Strafzahlungen rechnen. Die Bußen sind so lange fällig, bis die Anforderungen umgesetzt sind.

Umstrittene Berechnungen

2024 führte die EZB einen Anschluss-Stresstest durch und ließ die europäischen Banken die Auswirkungen verschiedener Szenarien des Klimawandels durchrechnen, um die Umsetzung des gegebenen Feedbacks zu überprüfen. Die Verluste für Banken im Krisenszenario bewegen sich dabei je nach Sektor zwischen 10,9 Prozent und 21,5 Prozent. Die Auswirkungen dieser Verluste auf das Kapital der Finanzinstitute seien dabei zwar beträchtlich, dürften aber durch andere Faktoren wie Versicherungsgewinne etwas abgefedert werden, so die Zentralbank.

Finance Watch hält die Berechnungen allgemein für mangelhaft und nicht ausreichend. Julia Symon sagt: „Um einen klimabedingten Finanzschock zu vermeiden, müssen die Regulierungsbehörden über den traditionellen rückwärtsgerichteten Ansatz zur Risikomessung – basierend auf historischen Daten und Risiken, die meist über einen Zeithorizont von einem Jahr quantifiziert werden – hinausgehen.“

Die Aufsichtsbehörden selbst räumen ein, dass die bisherigen Maßnahmen, um das Risiko besser einschätzen zu können – darunter die Klimaszenarioanalysen – noch immer begrenzt sind und auf fehlerhaften Modellen beruhen, sagt Symon. Die Kritik der mangelhaften Modelle findet sich auch in einem offenen Brief an die EZB, der für eine grünere Geld- und Finanzpolitik plädiert und von zahlreichen Forschern und Organisationen unterzeichnet wurde.

Der wirkliche Verlust der Banken durch die Effekte des Klimawandeleffekte dürfte noch sehr viel größer sein. Für eine bessere Krisensicherung, so Symon, brauche es Vorsichtsmaßnahmen, einschließlich zusätzlicher Kapitalpuffer und verbindlicher Übergangspläne, die darauf abzielen, die Rolle des Bankensektors zu nutzen, um die Dekarbonisierung voranzutreiben.

Klimafaktor beim Wertpapierankauf und Sicherheitsrahmen

Neben dem aktiven Supervising der europäischen Banken verfügt die EZB über weitere klimapolitische Werkzeuge. Dazu gehören etwa eine Berücksichtigung ökologischer Faktoren beim Ankauf von Wertpapieren sowie die Akzeptanz von Papieren als Sicherheiten bei der Leihe von Reserven.

Das erstgenannte Tool, ein Klimafaktor beim Wertpapierkauf, wurde Ende 2022 geschaffen. Als Teil der expansiven Geldpolitik nach der Corona-Pandemie begann die europäische Zentralbank ihre Offenmarktkäufe von Unternehmensanleihen Klimakriterien zu unterwerfen. Sie leitete das zusätzliche Geld also verstärkt in treibhausgasärmere Unternehmen. Mit dem Ende der Kaufprogramme um 2023 fällt dieser Effekt bis auf weiteres wieder weg.

Das zweite Tool, die Berücksichtigung des Klimafaktors im Sicherheitsrahmen, ist für die zweite Hälfte 2026 geplant und setzt bei der Kreditvergabe an: Banken müssen für einen Kredit bei der Zentralbank Sicherheiten, etwa in Form von Wertpapieren, hinterlegen. Der neue Klimafaktor reduziert den Wert der hinterlegten Wertpapiere, wenn diese auf einem treibhausgasintensiven Unternehmen basieren.

Mit den neuen Werkzeugen erweitert die EZB ihr klimapolitisches Repertoire. In ihrem offenen Brief fordert der Zusammenschluss verschiedener Organisationen und Forscher jedoch ein ambitionierteres Vorgehen. Zu den Vorschlägen zählen ein reduzierter Zins für Projekte der grünen Transformation, eine striktere Exklusion von treibhausgasintensiven Wertpapieren als Sicherheiten sowie ein gezieltes Ankaufprogramm für Wertpapiere von grünen Zukunftsunternehmen.

Der europäische Bankenverband hat die Anfrage von MAKROSKOP unbeantwortet gelassen.