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Interview
Steve Keen: „Banken müssen wieder zu Dienern der Industrie werden, nicht zu ihren Herren“
Von Hans-Peter Roll
| 13. Januar 2026Der australische Ökonom Steve Keen zur Frage, warum Europa im Wettbewerb mit China den Anschluss verliert.
Herr Keen, viele Beobachter haben das Gefühl, Europa habe sein wirtschaftliches "Mojo" verloren. Wir sehen um uns herum Stagnation, während andere Regionen wachsen. Ist das nur eine Momentaufnahme oder ein tieferliegendes Problem?
Europa hat definitiv sein „Mojo“ verloren und das Kernproblem ist systemisch. Europa hat sich mit dem sogenannten Stabilitäts- und Wachstumspakt ein Korsett angelegt, welches man treffender als „Stagnations- und Instabilitätspakt“ bezeichnen müsste. Die Grundidee war, den Staat durch strikte Grenzen zurückzudrängen: maximal 60 Prozent Gesamtverschuldung und maximal drei Prozent Haushaltsdefizit pro Jahr im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Man glaubte, wenn der Staat „aus dem Weg geht“, würde der private Sektor automatisch florieren. Das Ergebnis sehen wir jetzt: Europa schrumpft relativ gesehen, bahnbrechende Innovation – Fehlanzeige. Im Gegensatz dazu ignoriert China diese Regeln völlig, fährt oft Defizite von knapp 10 Prozent des BIP – das Dreifache dessen, was Maastricht erlaubt – und verdoppelt sein Pro-Kopf-Einkommen alle zehn Jahre. Der Unterschied ist mittlerweile astronomisch.
Kritiker dieser Sichtweise würden einwenden: "Geld drucken allein schafft keinen Wohlstand oder nachhaltiges Wachstum." Ist die Forderung nach mehr Staatsausgaben nicht zu simpel gedacht?
Es geht nicht um blindes Gelddrucken, sondern um die Funktion von Geld in einer modernen Wirtschaft. Wir folgen noch immer der neoklassischen – und in Deutschland speziell der ordoliberalen – Lehre. Diese Denkweise ist eine seltsame Kombination: Sie geht davon aus, dass der Staat der Wirtschaft im Weg steht, nutzt aber gleichzeitig fast diktatorische staatliche Mittel, um sicherzustellen, dass der Staat auch wirklich nichts tut.
"Fiat-Geld entsteht, wenn der Staat mehr ausgibt, als er einnimmt – er schafft damit das finanzielle Blut, das im Körper der Wirtschaft zirkulieren muss."
In einer modernen Geldwirtschaft ist das fatal. Fiat-Geld entsteht nämlich genau dann, wenn der Staat mehr ausgibt, als er einnimmt – er schafft damit das finanzielle Blut, das im Körper der Wirtschaft zirkulieren muss. Um das zu verstehen, lohnt der Rückgriff auf John Maynard Keynes – und zwar auf eine Erkenntnis, die er erst 1937, nach der Veröffentlichung seiner General Theory, formulierte. Ursprünglich definierte Keynes drei Gründe, warum wir Geld halten: für tägliche Transaktionen, als Vorsorge für Notfälle und für Spekulation. Aber nach Kritik von konservativen Ökonomen erkannte er, dass er den wichtigsten Punkt vergessen hatte: die „Finanzierungsnachfrage“.
Sie spielen auf die herrschende Lehre an, die glaubt, je mehr wir sparen, desto mehr können wir investieren…
Genau, aber Keynes erkannte: Es ist umgekehrt. Investitionen generieren Ersparnisse. Aber der entscheidende Punkt ist der erste Schritt: Man braucht zuerst die Finanzierung, um überhaupt investieren zu können. Hier liegt der Unterschied zwischen Staat und Privatsektor. Wenn die Finanzierung aus dem privaten Sektor kommt, erzeugt sie private Schulden. Für jeden Dollar, den man erhält, hat man auch einen Dollar Schulden und damit eine Zinslast. Wenn aber der Staat Geld ausgibt (also ein Defizit fährt), entsteht beim Empfänger keine Schuld. Der Staat schöpft Fiat-Geld. Das erhöht die Geldmenge für Transaktionen und ermöglicht so erst das Investitionsniveau, das wir brauchen. Indem wir das durch Regeln wie Maastricht ignorieren, ersticken wir den Finanzfluss, den die Investitionen und damit auch Innovationen brauchen.
Vor 1990 galt Japan als das Innovationszentrum der Welt. Heute sprechen wir in diesem Zusammenhang fast nur noch vom Silicon Valley. Japan hingegen wird mittlerweile als warnendes Beispiel vor zu hohen Staatsschulden angeführt. Was lief dort schief, und was können wir für unsere Innovationskrise daraus lernen?
Japan ist das perfekte Lehrstück, aber die Lektion ist eine andere, als die meisten glauben. Um zu verstehen, warum Japan aufhörte Innovationen hervorzubringen, müssen wir zurückschauen, wie sie überhaupt so stark wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Tokio platt, aber Japan war nicht komplett am Boden. Sie wussten, sie müssen ihre Industrie wieder aufbauen. Das MITI – das Ministerium für Internationalen Handel und Industrie – lud W. Edwards Deming ein, einen amerikanischen Ingenieur, auf den in den USA damals niemand hören wollte. Die Amerikaner dachten, sie hätten den Krieg gewonnen und seien technologisch unantastbar. Deming sagte den Japanern sinngemäß: „Exportiert eure Materialien und Autos nach Amerika. Die Amerikaner lachen jetzt noch über euch, aber in zehn Jahren werden sie nicht mehr lachen“. Wenig später entstand die berühmte „Just-in-Time“ Produktion und eine dramatische Industrialisierung. Wenn man sich an die 70-er und 80-er Jahre erinnert, war Japan unschlagbar, alles war Japanisch. Der Walkman war eine japanische Erfindung; Toyota übernahm den Fahrzeugmarkt in Amerika.
"Japan ist das perfekte Lehrstück, aber die Lektion ist eine andere, als die meisten glauben."
Aber dann kam der Absturz.
Ja, weil die Banken anfingen, statt Innovation die Spekulation zu finanzieren, die sich ab 1980 in massiven Blasen am Aktien- und Immobilienmarkt niederschlug. Japan endete mit einer privaten Schuldenquote von 225 Prozent des BIP. Zum Vergleich: In den USA waren es vor der Finanzkrise 2008 "nur" rund 170 Prozent. Das Ganze endete Anfang der 1990-er Jahre abrupt. Der Nikkei-Index kollabierte von fast 39.000 auf ca. 7.000 Punkte im Jahr 2009. Was dabei passierte, nennt Richard Koo eine „Bilanzrezession“. Die Unternehmen waren technisch nicht bankrott, aber ihre Vermögenswerte waren im Wert kollabiert, während die Schulden in voller Höhe bestehen blieben. Zusätzlich kam die Binnennachfrage fast vollständig zum Erliegen, wodurch die Umsätze der japanischen Unternehmen drastisch zurückgingen.
Und dieser finanzielle Kollaps hatte direkte Auswirkungen auf die Innovationskraft?
Absolut. Die japanischen Unternehmen hörten auf zu investieren. Statt Gewinne in Forschung und Entwicklung zu stecken, nutzten sie jeden Yen Cashflow, um ihre Schulden zu tilgen. Wer jedoch 25 Jahre lang Bilanzen repariert, hat keine Kraft für Innovation. Japan hörte auf zu innovieren, weil sie in der privaten Schuldenfalle saßen.
"Wer 25 Jahre lang Bilanzen repariert, hat keine Kraft für Innovation."
Und genau hier liegt der blinde Fleck der herrschenden Lehre. Neoklassische Ökonomen ignorieren private Schulden weitgehend. Sie betrachten sie als reine Umverteilung zwischen privaten Akteuren, ohne makroökonomische Relevanz. Das ist ein fataler Irrtum. Ebenso tragisch ist, dass Ökonomen wie Ben Bernanke damals sagten, so etwas könne in einem gut regulierten amerikanischen Markt nie passieren. Wenige Jahre später geschah in den USA genau das Gleiche. Es scheint, als seien Wirtschaftsnobelpreisträger per Definition blind für solche Zusammenhänge.
Sie sprechen von China als Gegenmodell. Kritiker weisen oft auf die dortigen Ungleichgewichte hin, aber technologisch scheinen sie Europa davonzulaufen. Was ist der konkrete Unterschied in der Innovationspolitik?
Man muss verstehen, dass China eine einzigartige Mischung fährt: massive staatliche Finanzierung gepaart mit einem brutalen internen Wettbewerb.
Ein Blick auf die physische Realität der Automobilindustrie verdeutlicht das. Ich habe letztens eine Grafik gesehen, wonach es dort mittlerweile 119 anerkannte Autohersteller gibt, die in einer erbarmungslosen Konkurrenz zueinander stehen. Diese Unternehmen produzieren mit enormen Stückzahlen und extrem niedrigen Margen, was eine Innovationsgeschwindigkeit erzwingt, die für europäische Firmen kaum noch erreichbar ist.
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Während deutsche Hersteller lange zögerten und halbherzig Hybride bauten, hat China den Markt technologisch überrollt. Dasselbe gilt für die Infrastruktur. China steht kurz davor, den weltweit ersten funktionierenden Thorium-Flüssigsalz-Reaktor kommerziell zu nutzen. Sie bauen Hochgeschwindigkeitszüge und erneuerbare Energien in einem Maßstab aus, von dem wir nur träumen können.
"China nutzt die staatliche Geldschöpfung, um reale Infrastruktur zu schaffen, auf der dann der private Sektor florieren kann."
Hinter den Kulissen treibt ein spezieller Finanzierungsmechanismus diese Dynamik. Es ist nicht nur die Zentralregierung, die Investitionen steuert. Local Councils konkurrieren gegeneinander, um die besten Industrien in ihre Region zu holen, und leiten massiv Kapital in diese Sektoren. Zudem sind die chinesischen Banken oft staatlich angewiesen, Kredite an Unternehmer leichter zu vergeben. China nutzt die staatliche Geldschöpfung, um reale Infrastruktur zu schaffen, auf der dann der private Sektor florieren kann.
Das sorgt auch für den entscheidenden Standortvorteil bei der Energie. Da das Bruttoinlandsprodukt physikalisch gesehen nichts anderes ist als in Arbeit umgewandelte Energie, ist der Preis hierbei essenziell. Durch diese Infrastruktur stellt China, ähnlich wie die USA, Energie deutlich günstiger bereit als in Europa. Für eine digitalisierte, energiehungrige Zukunft ist das ein gewaltiges Fundament, das Europa derzeit fehlt.
Kommen wir zurück zu Europa. Wenn Innovation Kapital braucht, und der Staat sich zurückhält: Warum springen die Banken nicht ein? Sie kritisieren oft, dass unser Bankensystem echte Innovation gar nicht finanzieren will. Warum ist das so?
Weil Banken konservativ sind. Joseph Schumpeter definierte einen Unternehmer als „eine Person mit einer guten Idee und keinem Geld“. Banken wollen aber jemanden finanzieren, der „eine gute Idee und viel Besitz“ hat. Das liegt an der Natur des Kredits. Wenn eine Bank einem Start-up Geld leiht, ist das Risiko asymmetrisch. Scheitert das Start-up – und neun von zehn scheitern –, ist das Geld weg. Hat es Erfolg, bekommt die Bank nur ihre Zinsen, vielleicht fünf Prozent. Der Gewinn ist gedeckelt, der Verlust total. Deshalb leihen Banken nicht an echte Innovatoren. Sie leihen an Leute, die bereits Besitz haben, den sie verpfänden können. Das bedeutet: Innovation findet nur dort statt, wo schon Vermögen ist. Wer eine brillante Idee hat, aber kein Kapital, kommt nur schwer an Geld.
Wenn das Geld nicht in Innovation fließt, wo fließt es dann hin? Schließlich sehen wir riesige Geldmengen im System.
Es fließt in die Spekulation mit existierenden Vermögenswerten. Ein toxisches Beispiel sind „Margin Loans“ – Kredite, um Aktien zu kaufen. Historisch gesehen ist das brandgefährlich. In den 1920er Jahren stiegen diese Kredite von einen auf neun Prozent des BIP. Man konnte mit 100.000 Euro Einsatz Aktien für eine Million kaufen. Als der Markt 1929 drehte, mussten die Leute Geld nachschießen („Margin Call“), das sie nicht hatten. Das erzwang Verkäufe und führte direkt in den Crash. Ich bin der Meinung, das sollte komplett verboten werden. Wer Aktien kaufen will, soll sein eigenes Geld nehmen – im Casino dürfen Sie auch nicht mit der Kreditkarte spielen.
Die Finanzcrash von 2007/2008 ging vom Immobiliensektor aus.
Ja, der Immobilienmarkt ist neben dem Aktienmarkt der andere große Bereich, der Kapital spekulativ bindet. Auch hier müssen wir die Kreditvergabe begrenzen. Aktuell leihen Banken basierend auf dem Einkommen des Kreditnehmers. Da wird viel getrickst – wir erinnern uns an die „Ninja-Loans“ (No Income, No Job, No Assets) vor der Finanzkrise. Mein Vorschlag ist radikal: Der maximale Kredit für ein Haus sollte an den potenziellen Mietertrag dieses Hauses gekoppelt sein. In vielen Regionen kostet ein Haus heute das 20-fache der Jahresmiete. Das ist reine Spekulation auf Preissteigerungen. Wir sollten dieses Verhältnis gesetzlich über zehn Jahre schrittweise auf 10 zu 1 senken. Das würde Wohnraum bezahlbar machen und Investoren dazu bringen, zu bauen um zu vermieten, statt auf Blasen zu spekulieren. Und um das durchzusetzen, macht man es zur Straftat. Wer mehr verleiht, geht ins Gefängnis. Das würde Bankmanager aufwecken.
Aber wie lösen wir das Problem der Innovationsfinanzierung? Wie bringen wir Banken dazu, das Risiko für neue Ideen zu tragen?
Wir brauchen ein neues Instrument: „Entrepreneurial Equity Loans“ (EELS) – unternehmerische Eigenkapitaldarlehen. Das Prinzip ist einfach: Die Bank gibt einen Kredit, erhält aber statt einer Schuldverschreibung einen Anteil am Eigenkapital. Wenn sie sechs Unternehmen finanziert und fünf scheitern, verliert sie dort ihr Geld. Aber wenn der sechste Erfolg hat, profitiert die Bank ungedeckelt vom Wertzuwachs dieses Unternehmens. Dieser Kapitalgewinn gleicht die Verluste der anderen aus. Wichtig dabei ist: Unternehmer wollen keinen Banker im Vorstand sitzen haben. Es müsste eine stille Beteiligung sein. Die Bank profitiert wirtschaftlich, hat aber keine operative Kontrolle.
Das ähnelt theoretisch dem islamischen Bankwesen, wo der Geldgeber einen Teil des Risikos tragen muss. In der Praxis wird das dort oft umgangen, aber die Grundidee ist richtig: Banken müssen am Risiko und am Erfolg beteiligt sein. So könnten Banken wieder zu Dienern der Industrie werden und echtes Risikokapital bereitstellen, statt nur Spekulation zu finanzieren.
Zusammengefasst: Wir brauchen mehr staatliche Geldschöpfung für Infrastruktur und ein Bankensystem, das sich wieder an der Realwirtschaft orientiert?
Genau. Wir müssen aufhören zu glauben, der Markt regele alles von allein. Das neoliberale Experiment ist gescheitert. Wenn wir Innovation wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Das bedeutet: Der Staat sorgt für die Basisinfrastruktur, genügend Geld im Umlauf für Investitionen und günstige Energie. Und die Banken müssen wieder zu Dienern der Industrie werden, nicht zu ihren Herren. Sie sollen Betriebskapital für Firmen bereitstellen – wie es in den 70ern über Kreditlinien üblich war – und Risikokapital für echte Innovationen. Tun wir das nicht, werden wir weiter zusehen, wie unser Kapital in die USA abfließt, um dort Tech-Aktien zu kaufen, während unsere eigene Industrie verkümmert. China zeigt uns gerade, wie schnell man abgehängt werden kann. Europa muss aufwachen.