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Statistisches Plus, strukturelles Minus: Deutsche Wirtschaft zwischen Rüstungsboom und Rezession
Von Hans-Peter Roll
| 15. Januar 2026Deutschlands Wirtschaft wächst 2025 minimal um 0,2 Prozent – doch Kernbranchen wie Industrie und Bau schrumpfen weiter. Trotz eines 500-Milliarden-Euro-Konjunkturpakets bezeichnet Bundeskanzler Friedrich Merz die Lage als „sehr kritisch“.
- Fragiles Wachstum: Nur 0,2 Prozent dank Konsum und Einmaleffekten, Industrie stagniert.
- Industriekrise: Verarbeitendes Gewerbe und Bau brechen weiter ein, Insolvenzen steigen.
- Handel: Umsatzplus statistisch verzerrt, real schwaches Weihnachtsgeschäft und Sparneigung.
- Politik: Merz warnt vor „kritischer Lage“ und plant Reformen trotz Rekord-Schuldenpaket.
- Rüstung: 650 Milliarden Euro Budget bis 2030 sorgen für Auftragsboom bei Wehrtechnik.
Die deutsche Wirtschaft hat nach zwei Jahren der Rezession im Jahr 2025 wieder ein minimales Wachstum verzeichnet. Nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes lag das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent höher als im Vorjahr.
Was auf dem Papier nach einem leichten Plus aussieht, offenbart bei genauerer Analyse der Wirtschaftsdaten jedoch eine fortgesetzte strukturelle Schwäche. Ebenso würde es wenig verwundern, wenn diese Zahlen wie in den letzten Jahren im Laufe der nächsten Monate noch einmal nach unten korrigiert werden. „Das Wachstum ist vor allem auf die gestiegenen Konsumausgaben der privaten Haushalte und des Staates zurückzuführen“, so Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes bei der Vorstellung der Zahlen.
Industrielle Basis im Dauerstress
Der Blick auf die Details der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung lässt Zweifel aufkommen, ob das minimale Plus tatsächlich eine Erholung markiert oder lediglich eine Stagnation auf niedrigem Niveau darstellt. Die Bruttowertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe, dem traditionellen Rückgrat der deutschen Ökonomie, ging 2025 um 1,3 Prozent und damit das dritte Jahr in Folge zurück. Besonders betroffen waren Schlüsselbranchen wie der Maschinenbau und die Automobilindustrie, die sich einem verschärften globalen Wettbewerb ausgesetzt sehen und teilweise auch technologisch von der Konkurrenz überholt werden.
Noch düsterer ist die Lage im Baugewerbe. Hier sank die preisbereinigte Bruttowertschöpfung erneut drastisch um 3,6 Prozent. Anhaltend hohe Baupreise haben insbesondere den Hochbau ausgebremst und für zunehmende Insolvenzen gesorgt. Einzig der Tiefbau konnte durch staatliche Infrastrukturprojekte wie den Ausbau von Energienetzen und Bahnstrecken das Vorjahresniveau leicht übertreffen.
Dass die Investitionen in Ausrüstungen (minus 2,3 Prozent) – also in Maschinen und Fahrzeuge – noch stärker abnahmen als die Bauinvestitionen (minus 0,9 Prozent), ist nur einer der Indikatoren für das anhaltend geringe Vertrauen der Unternehmen in den Standort. Selbst die deutlich gestiegenen staatlichen Ausgaben, vor allem für die Verteidigung, vermochten dieses Minus bei den gewerblichen Investitionen nicht auszugleichen.
Exportmotor stottert weiter
Die Exportnation Deutschland kämpft weiterhin mit erheblichen Problemen. Die Exporte sanken 2025 um 0,3 Prozent, es ist der dritte Rückgang in Folge. Ruth Brand nennt hierfür klare Gründe: „Die Exportwirtschaft sah sich heftigem Gegenwind ausgesetzt durch die höheren US-Zölle, die Euro-Aufwertung und die stärkere Konkurrenz aus China“. Besonders der Einbruch der Exporte in die USA um 7,8 Prozent, bei dem vor allem der Fahrzeugabsatz „einbrach“, wiegt schwer. Im Gegensatz dazu legten die Importe kräftig um 3,6 Prozent zu, getrieben durch die Einfuhr von Maschinen und elektrischen Ausrüstungen.
Der Schein trügt: Einzelhandel und Sondereffekte
Ein Bereich, der auf den ersten Blick positiv überrascht, ist der Einzelhandel. Das Statistische Bundesamt schätzt für das Jahr 2025 ein reales Umsatzplus von 2,4 Prozent. Doch dieser Zuwachs ist mit Vorsicht zu genießen und überdeckt die tatsächliche Kaufzurückhaltung. Ein erheblicher Teil dieses Wachstums resultiert aus einem statistischen Sondereffekt im ersten Halbjahr: Durch die Umstrukturierung eines großen Unternehmens im Internet- und Versandhandel (Branchenkenner verweisen auf Amazon) wurden Umsätze erfasst, die zuvor in der deutschen Statistik nicht enthalten waren.
Im zweiten Halbjahr schwächte sich der Zuwachs bereits auf 1,1 Prozent ab. Besonders zum Jahresende hin trübte sich die Stimmung deutlich ein. Im November 2025, dem Auftakt zum wichtigen Weihnachtsgeschäft, sanken die Umsätze kalender- und saisonbereinigt real um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat. Auf Jahressicht sanken sie sogar um 1,8 Prozent. Auch der Lebensmittelhandel verzeichnete im November ein reales Minus von 1,9 Prozent zum Vormonat. Dies korrespondiert mit einem Konsumklima, das auf den tiefsten Stand seit April 2024 gefallen ist, geprägt von Unsicherheit und einer Sparneigung, die so hoch ist wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr.
Kanzler Merz und die "sehr kritische" Lage
Die politische Führung in Berlin ist sich der prekären Situation um die deutsche Wirtschaft bewusst. In einem Brief an die Abgeordneten von Union und SPD zum Jahresauftakt räumte Bundeskanzler Friedrich Merz ein, dass „die Lage in einigen Bereichen sehr kritisch“ sei. Er betonte, dass bisherige Entscheidungen die Wettbewerbsfähigkeit „noch nicht hinreichend verbessert“ hätten. Als zentrale Probleme benannte er zu hohe Arbeits- und Energiekosten sowie die Bürokratie- und Steuerlast. Merz kündigte an, der Wirtschaft höchste Priorität einzuräumen.
Zeitenwende in der Bilanz: Der Rüstungsboom
Während die zivile Industrie darbt, vollzieht Deutschland eine massive militärische Aufrüstung. Verteidigungsminister Boris Pistorius machte nach einer Sitzung des Haushaltsausschusses deutlich: „Wir meinen es ernst, wenn wir sagen, dass wir unsere Bundeswehr leistungsstark und durchhaltefähig ausstatten – und das so schnell wie möglich“.
Noch im Dezember billigte der Bundestag militärische Beschaffungen im Wert von 50 Milliarden Euro. Dies ist Teil eines gigantischen Plans, zwischen 2025 und 2030 insgesamt 650 Milliarden Euro für die Verteidigung auszugeben – eine Verdopplung des Budgets im Vergleich zu den vorangegangenen fünf Jahren.
Die Liste der Einkäufe ist lang und kostspielig. Allein für Bekleidung und persönliche Schutzausrüstung der Soldaten wurde ein Rahmenvertrag über 21 Milliarden Euro genehmigt. Hinzu kommen vier Milliarden Euro für Puma-Schützenpanzer und fast zwei Milliarden Euro für Satellitensysteme. Deutschland hat zudem 35 US-Kampfjets vom Typ F-35 bestellt, die amerikanische Atomwaffen tragen können, sowie Patriot- und IRIS-T-Luftabwehrsysteme, über 100 Leopard 2A8 Panzer und 60 schwere Transporthubschrauber.
"Nehmen, was man kriegen kann"
Hinter dieser Eile steht ein Datum: 2029. Wie bereits 2024 von Bundesverteidigungsminister Pistorius und seitdem mehrfach von Bundeswehrvertretern wie dem Generalinspekteur Carsten Breuer wiederholt, glauben in Berlin viele daran, dass Russland in jenem Jahr bereit sein könnte, die NATO anzugreifen. Daher laute das Mantra der Beschaffung: „Nimm, was du bis 2029 kriegen kannst“.
Das führt jedoch zu Spannungen zwischen dem Kauf von sofort verfügbaren „konventionellen“ Waffen wie Panzern und der Notwendigkeit, in neue Technologien wie Drohnen zu investieren. Zwar plant die Bundeswehr den Kauf von bis zu 12.000 bewaffneten Drohnen für etwa eine Milliarde Euro, doch ist dies nur ein Bruchteil der Gesamtausgaben. Carsten Stawitzki aus dem Verteidigungsministerium warnt davor, den Ukraine-Krieg als alleinige Blaupause zu sehen, da Kiew viele Drohnen nur aus Mangel an konventionellen Fähigkeiten gekauft habe.
Trotz der enormen Summen gibt es Zweifel an der Rechtzeitigkeit der Lieferungen. Die ersten F-35 werden erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 erwartet, neue U-Boote sogar erst in den frühen 2030er Jahren. Auch die Bestellung der Leopard 2A8 Panzer wird nicht vor 2030 abgeschlossen sein.
Beschäftigungseffekt mit Grenzen
Der Rüstungsboom schlägt sich auch in den Beschäftigungszahlen nieder. Die Zahl der Beschäftigten bei den großen deutschen Verteidigungsunternehmen und Start-ups stieg seit 2021 um rund 30 Prozent auf fast 83.000 an. Rheinmetall, einer der Hauptprofiteure, steigerte seine Belegschaft von 15.400 auf 23.500 und erwartet einen Anstieg auf 70.000 in den nächsten drei Jahren. Auch Start-ups wie Helsing, das KI für den Verteidigungssektor entwickelt, verzeichnen ein enormes Wachstum.
Doch die Hoffnung, dass die Rüstungsindustrie die Jobverluste in der kriselnden Automobilindustrie auffangen kann, ist trügerisch. Zwar gibt es Übertritte, wie etwa beim Sensorhersteller Hensoldt, der rund 100 Mitarbeiter aus der Autoindustrie einstellte, doch die Dimensionen sind nicht vergleichbar. Den rund 105.000 direkt in der Verteidigung Beschäftigten stehen immer noch etwa 700.000 Menschen im angeschlagenen Autosektor gegenüber. Hans Christoph Atzpodien vom Industrieverband BDSV warnte entsprechend, man könne nicht alle Probleme der Autozulieferindustrie lösen.
2025 – Jahr voller Widersprüche
Das Jahr 2025 hinterlässt ein gespaltenes Bild der deutschen Wirtschaft. Einem statistisch herbeigerechneten Mini-Wachstum und einem staatlich finanzierten Rüstungsboom stehen eine schrumpfende industrielle Basis, sinkende Exporte und eine verunsicherte Bevölkerung gegenüber. Die politische Führung setzt auf hohe Ausgaben, um Sicherheit zu gewährleisten und Konjunktur zu simulieren, doch ohne tiefgreifende Lösung der tieferen Probleme droht das erwartete Wachstum mangels Ausgaben in produktive Sektoren ein Strohfeuer zu bleiben. Die Diskrepanz zwischen den vollen Auftragsbüchern der Waffenschmieden und den leeren Auftragsbüchern des Maschinenbaus könnte kaum größer sein.