{"componentChunkName":"component---src-templates-article-tsx","path":"/ruckschritt-als-wissenschaft-der-prasident-des-diw-sollte-zwanzig-jahre-alte-wochenberichte-lesen/","result":{"data":{"allDatoCmsArticle":{"edges":[{"node":{"id":"DatoCmsArticle-8887758-de","slug":"ruckschritt-als-wissenschaft-der-prasident-des-diw-sollte-zwanzig-jahre-alte-wochenberichte-lesen","articleType":"Normal","visibility":"Geschlossen","deactivateAudio":null,"authors":[{"id":"DatoCmsAuthor-5697487-de","slug":"heiner-flassbeck","name":"Heiner Flassbeck","description":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Globalisierung, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung sowie Geld- und W&auml;hrungstheorie.</span></p>","shortDescription":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. 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Zugleich mit dem Präsidentenamt im DIW hat er eine Professur an der Humboldt-Universität bekommen, was aufgrund der Vorgaben des Wissenschaftsrates nur möglich ist, wenn er die Kriterien für herausragende Wissenschaftlichkeit vollkommen erfüllt. Sobald er aber bei aktuellen Fragen zur Feder greift, merkt man, dass diese Wissenschaftlichkeit nichts mit Logik und gesundem Menschenverstand zu tun hat. Wenn aber „herausragende Wissenschaftler“ einfache logische Fehler begehen, dann kann diese sogenannte Wissenschaft keine Wissenschaft sein, denn der Verstoß gegen die Regeln der Logik ist der fundamentalste Fehler, den ein Wissenschaftler machen kann, weil, wie wir spätestens seit Karl Raimund Poppers bahnbrechender Arbeit zur Logik der Forschung wissen, aus einer widersprüchlichen Aussage jede andere Aussage abgeleitet werden kann. Wissenschaft hat seit der Antike die Aufgabe, genau das zu verhindern. Tut sie das nicht, braucht man sie nicht.</p>\n<p>Ein Fach, in dem solche Fehler zur Tagesordnung gehören, muss von anderer Seite auf den Prüfstand gestellt werden. Es bedarf offensichtlich unabhängiger Philosophen und Erkenntnistheoretiker, die systematisch die Wissenschaftlichkeit der Volkswirtschaftslehre überprüfen. Das gilt beileibe nicht nur für Herrn Fratzscher, sondern für viele andere, die an leitenden Positionen oder auf wichtigen Lehrstühlen sitzen. Ich greife ihn nur heraus, weil ich in dem Institut, dem er vorsteht, einige Jahre meines Lebens verbracht und dort versucht habe, nach Popperschen Prinzipien zu arbeiten.</p>\n<p>Der Präsident des DIW, in Verteidigung der deutschen Position in der Auseinandersetzung um internationale Ungleichgewichte, <a href=\"http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.431933.de/13-47-6.pdf\">schrieb Ende November folgendes</a>:</p>\n<p><i>„Laut einiger europäischer Nachbarn und des IWF haben </i><i> </i><i>die deutschen Exportüberschüsse eine Mitschuld an der europäischen Krise, da sie die Defizite und die fehlende Wettbewerbsfähigkeit anderer EU-Staaten mit verursacht haben. Dieser Vorwurf ist falsch. Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem Deutschlands Exporte zu Lasten anderer gehen. Unsere Exporte von essentiellen Produktionsfaktoren, wie Maschinen und Ausrüstungskomponenten, haben einen wichtigen Beitrag zur globalen Erholung nach der Krise 2008/09 geleistet. Zudem bestehen die Exportüberschüsse zum größten Teil gegenüber Ländern außerhalb der Eurozone.</i></p>\n<p><i>Auch die Forderung, Deutschland solle seine Löhne erhöhen, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu reduzieren, ist unsinnig. Denn Deutschlands Exportunternehmen konkurrieren immer weniger mit denen anderer Länder der Eurozone und immer stärker mit Unternehmen in Asien und den USA. Eine geringere Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde Europa nicht helfen, sondern schaden, denn sie würde das Wachstum Europas schwächen und damit auch die Exporte der Krisenländer nach Deutschland reduzieren.“</i></p>\n<p>Handel ist also kein Nullsummenspiel. Das stimmt. Das hat aber überhaupt niemand in Frage gestellt. Der wesentliche Punkt, um den es geht und den er selbst im ersten Satz hinschreibt, ist, ob Export<b>über</b>schüsse<b> </b>eine Mitschuld an der Krise haben. Also nicht der Handel als solcher, sondern hohe Salden im Handel, Überschüsse auf der einen und Defizite auf der anderen Seite. Nun kann aber kein Zweifel daran bestehen, und Herr Fratzscher bezweifelt es auch nicht, dass Überschüsse und Defizite ein Nullsummenspiel sind. Niemand kann einen Überschuss haben, wenn nicht ein anderer ein Defizit hat. Es geht auch, und er erwähnt es, darum, ob Deutschland die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der anderen mit verursacht hat. Aber auch Wettbewerbsfähigkeit ist ein Nullsummenspiel. Wenn aber alle Tatbestände, um die es zentral bei der Eurokrise geht, Nullsummenspiele sind, führt das Argument „Handel ist kein Nullsummenspiel“ bei der Lösung der Krise keinen Schritt weiter. Es ist dann ungefähr so hilfreich wie im Falle eines Wohnhausbrandes die Feststellung, dass nicht alle Gegenstände des betroffenen Hauses brennbar sind.</p>\n<p>Das zweite Argument, Deutschland leiste einen Beitrag zur globalen Erholung mit dem Export seiner „essentiellen“ Güter, ist von ähnlicher „Qualität“. Kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hat, wird bestreiten, dass von einem steigenden Außenbeitrag eines Landes eine positive Wirkung auf das Wachstum dieses Landes und die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgeht. Exakt spiegelbildlich dazu verliert der Rest der Welt mit zunehmenden Defiziten Wachstum und Arbeitsplätze. Folglich ist von dem dramatischen Anstieg des deutschen Exportüberschusses seit Beginn der 2000er Jahre ein riesiger negativer Effekt auf den Rest der Welt ausgegangen, weil die <i>Veränderung</i> der Außenbeiträge aller Länder zusammengenommen selbstverständlich wieder ein Nullsummenspiel ist.</p>\n<p>Es kann angesichts der Dimension dieses Effekts keinen anderen Wirkungszusammenhang geben, der diesem rechnerisch-logischen Argument diametral entgegen steht und aus dem man positive Effekte steigender deutscher Außenhandelsüberschüsse für den Rest der Welt herleiten kann. Mit „essentiellen“ Produktionsfaktoren zu argumentieren, die einen wichtigen Beitrag zur globalen Erholung nach der Krise beigetragen hätten, ist die übliche deutsche Schutzbehauptung, die immer wieder hervorgezaubert wird, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Gemeint ist vermutlich, dass deutsche, ins Ausland exportierte Investitionsgüter dem Ausland einen solchen Produktivitätsschub verleihen, dass dort ein erheblich höheres Wachstum möglich wird als ohne diese deutschen Güter.</p>\n<p>Diese Idee unterstellt, dass die Wachstumseinbußen, die ein Land durch einen steigenden Importüberschuss erfährt, durch eine zunehmende Produktivität dank importierter \"essentieller\" Produkte aus Deutschland (als ob es diese Produkte in anderen Ländern ohne Überschüsse wie etwa in Frankreich nicht zu kaufen gäbe!) ausgeglichen werden. Selbst wenn Deutschland der einzige Exporteur solcher Produkte wäre (was praktisch in keinem Bereich stimmt; besonders falsch ist es bei Automobilen, die einen Großteil des deutschen Exports ausmachen; dort stimmt es aber auch deswegen nicht, weil Autos keine Investitionsgüter sind), wäre eine prinzipiell mögliche noch lange keine tatsächliche Produktivitätssteigerung. Nur weil in einem Land hervorragende Investitionsgüter herumstehen, wächst es nicht automatisch besonders dynamisch oder ist gar international wettbewerbsfähig. Im Gegenteil, wenn es sich im Ausland hoch verschuldet, um diese Investitionsgüter zu kaufen, und keine eigenen Produkte hat, um die Schulden zu bedienen, dann ist der Investitionsgüterkauf eine Fehlinvestition. Genau das deutsche Lohndumping (die Produktivität ist in Deutschland ja nicht mehr als etwa in Frankreich gestiegen) verhindert aber, dass andere Länder in der Breite eine Chance auf den internationalen Märkten haben und ihre Investitionsgüter (sowie die importierten Autos) bezahlen können.</p>\n<p>Auch das dritte Argument, in der Diskussion würden Drittmarkteffekte ignoriert, ist vollkommen undurchdacht. Ohne dass ich im Einzelnen darauf eingehe (das hat Friederike Spiecker <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/kann-die-unabhaengige-lohnpolitik-nichts-fuer-handelsungleichgewichte/\">in ihrer Serie</a> über die <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/zu-fadenscheinig-gibts-nicht-wie-das-bmwi-die-deutschen-ueberschuesse-zu-verteidigen-sucht/\">Argumente des Bundeswirtschaftsministeriums</a> bereits <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/kein-eigener-wechselkurs-also-auch-keine-kuenstliche-abwertung-moeglich/\">getan</a>), müsste man als ausgebildeter Ökonom wissen, dass die Erhöhung der Löhne eines Landes, um die Wettbewerbsfähigkeit zu reduzieren, das Normalste von der Welt ist in den internationalen Beziehungen. Wenn Herr Fratzscher internationale Ökonomie lehrt, dann hat er es seinen Studenten auch schon viele Male gesagt. Es ist nämlich selbstverständlich, dass Länder, die stark abgewertet haben (real und nominal), auch wieder aufwerten. In jedem Lehrbuch der Ökonomie kann man nachlesen, dass die Aufwertung der Währung die zu erwartende Folge einer niedrigen Inflationsrate und niedriger Lohn- bzw. Lohnstückkostensteigerungen ist. Aufwertung ist aber nichts anderes als die Erhöhung der Löhne in internationaler Währung gerechnet. Und das ist vollkommen unabhängig davon, mit wem man Handel treibt. Zu sagen, eine geringere Wettbewerbsfähigkeit des Landes, das vorher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen und abgewertet hat (also Deutschlands), würde den Ländern, die vorher aufgewertet und Wettbewerbsfähigkeit verloren haben, nicht helfen, ist lächerlich, da es jeder Logik entbehrt.</p>\n<p>In der Bibliothek des DIW gibt es dicke grüne Bände, die Sammlung der Wochenberichte des DIW. Dort kann man unter den Jahreszahlen 1988 bis 1992 nachlesen, worum es beim Außenhandel geht und welche Probleme mit Nettoexportüberschüssen verbunden sind. Denn schon damals hatte Westdeutschland große Überschussberge angehäuft, die der Rest der Welt nicht mehr zu akzeptieren bereit war und eine globale Korrektur der Wechselkurse mit einer erheblichen Aufwertung der D-Mark erforderlich machten. Man kann es nur als Rückschritt im Wissenschaftsbetrieb bezeichnen, dass das DIW vor mehr als zwanzig Jahren im Verständnis dieser Zusammenhänge wesentlich weiter war als heute.</p>\n"}]}}]},"allDatoCmsEdition":{"edges":[]},"allDatoCmsSpotlight":{"edges":[]}},"pageContext":{"id":"DatoCmsArticle-8887758-de","edition":"","spotlight":""}},"staticQueryHashes":["1132069882","1534434256","1810303247","2076357383","2564995746","3939919066","4078341254","826177454"]}