{"componentChunkName":"component---src-templates-article-tsx","path":"/griechenland-ex-post-evaluation-durch-den-iwf-oder-wie-man-an-seinen-eigenen-vorurteilen-scheitert/","result":{"data":{"allDatoCmsArticle":{"edges":[{"node":{"id":"DatoCmsArticle-9474838-de","slug":"griechenland-ex-post-evaluation-durch-den-iwf-oder-wie-man-an-seinen-eigenen-vorurteilen-scheitert","articleType":"Normal","visibility":"Geschlossen","deactivateAudio":null,"authors":[{"id":"DatoCmsAuthor-5697487-de","slug":"heiner-flassbeck","name":"Heiner Flassbeck","description":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Globalisierung, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung sowie Geld- und W&auml;hrungstheorie.</span></p>","shortDescription":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. 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Der IWF beschreibt darin sehr klar und sehr offen, was aus seiner Sicht schief gelaufen ist, und hebt sich dadurch wohltuend von den immer extrem politisch eingefärbten „Analysen“ der Europäischen Kommission ab. <a href=\"http://www.ft.com/intl/cms/s/0/efb899c4-ced7-11e2-8e16-00144feab7de.html\">Wolfgang Münchau</a> hat dazu einige richtige Anmerkungen in der Financial Times gemacht. Allerdings muss man sehen, und das sieht Münchau nicht, dass auch der IWF nicht in der Lage ist, über seinen Schatten, nämlich seine neoklassische Ausgangsbasis, zu springen. Deswegen ist der Bericht zwar erfrischend, aber keineswegs befriedigend, ja, er zeigt in weiten Teilen, auf welch absurdem wirtschaftlichen Modell die ganze „Rettungsaktion“ beruht und warum sie schief gehen musste.</p>\n<p>Zunächst legt der Bericht offen, dass die Vorhersagen der Troika für die Perioden innerhalb der Anpassungsprogramme ganz grundsätzlich falsch waren. Auch hier findet man wieder sehr schöne <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/wachstum-in-deutschland-knapp-an-der-rezession-vorbei-ist-zu-wenig/\">Kammmuster</a>, also Prognosen, die von einem weiter in der Vergangenheit liegenden Prognosezeitpunkt bis heute immer weiter nach unten korrigiert werden (vgl. die Abbildung \"Real GDP\" auf Seite 13 des Berichts). Schon aus diesem Grund hätte den Autoren klar werden können, dass etwas in der gesamten Betrachtungsweise vollkommen schief ist: Wenn man so systematisch danebenliegt, muss man nach diesem systematischen Vorhersagefehler suchen. Aber außer der quantitativen Unterschätzung der Multiplikatoren, die wir <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/der-multiplikatorstreit-zeigt-vor-allem-eines-die-dynamik-einer-monetaren-marktwirtschaft-ist-weiterhin-unverstanden/\">hier</a> kommentiert haben, fällt ihnen zu diesem Thema nichts ein. Dass die Unterschätzung der Multiplikatoren systematisch von anderen Faktoren herrühren kann, die zugleich in restriktiver Richtung wirken, kommt Mitarbeitern des IWF nicht in den Sinn. Denn in ihrer Gedankenwelt wirkt ja alles, was sie einem Land verordnen, langfristig positiv auf das Wachstum und kann eine optimistische Prognose daher nicht verfälschen.</p>\n<p>Freilich wundern sich die Autoren dann doch, wieso die „strukturellen Reformen“, zu denen man das Land verpflichtet hat, bislang nicht die Produktivität und die Sachinvestitionen angeschoben haben. Sie sind enttäuscht, dass die willkommenen Rückgänge bei den Lohnstückkosten nur von den gesunkenen Löhnen, nicht aber von einer gestiegenen Produktivität herrühren. Das allein schon zeigt ein fundamental ungeeignetes Grundverständnis davon, wie eine Marktwirtschaft funktioniert. Man glaubt offenbar, ganz unabhängig von ihrer konjunkturellen Lage würden die Unternehmen investieren, wenn sie nur die richtigen Anreize jenseits des kurzfristigen Absatzes bekämen und bestimmte „Strukturen“ in Richtung größerer Freiheit für die Unternehmen verändert würden.</p>\n<p>Das liegt daran, dass im neoklassischen Weltbild, das der IWF Analyse zugrunde liegt, die Konjunktur und die Auslastung der vorhandenen Kapazitäten für „langfristige“ Investitionsentscheidungen keine Rolle spielen, weil das Wachstum einer Wirtschaft, also das, was sich über Konjunkturzyklen hinweg ergibt, ohnehin von technologischen Entwicklungen bestimmt werde. Wirtschaftspolitik kann demnach nur marginal Einfluss auf diese Entwicklung nehmen, indem sie zum Beispiel den Unternehmen größere Freiräume verschafft, solche technologischen Neuerungen umzusetzen. Dass die langfristige Entwicklung immer auf einer kurzfristigen fußt, die ihr erst eine Basis (oder auch nicht) gibt, kommt im Weltbild des IWF nicht vor. Das ist so, als würde ein Arzt bei jedem Patienten immer nur nach „fundamentalen“ Krankheiten suchen, also Krankheiten, die wirklich unmittelbar lebensbedrohend sind. Weil er dabei Infektionen, zu hohen Blutdruck oder Kreislaufschwäche und ähnliche „Kleinigkeiten\" übersieht, behandelt er den Patienten systematisch falsch und wundert sich, dass seine fundamentalen Therapien nicht anschlagen.</p>\n<p>Noch schlimmer ist die Fehldiagnose des IWF bezüglich dessen, was er „internal devaluation“ nennt, also die Lohnsenkung, die im griechischen Programm eine große Rolle gespielt hat. Der Bericht sagt hierzu explizit: „The program had to work within the constraints of the fixed exchange rate and engineer an internal devaluation. Part of the adjustment in ULCs (unit labor costs; Anm.d.Verf.) would come from the economic slowdown that would exert downward pressure on wages. The rest would follow from structural reforms that would free up Greece’s rigid labor and product markets and raise productivity.“ Durch die „Befreiung“ des griechischen Arbeitsmarktes sollte also zusammen mit dem wirtschaftlichen Einbruch genügend Druck auf die Löhne ausgeübt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Den Rest würde der Anstieg der Produktivität im Gefolge der „Befreiung der Produktmärkte“ erledigen. Man kann kaum in Worten ausdrücken, wie abwegig sich das im Lichte einer kritischen makroökonomischen Theorie ausnimmt.</p>\n<p>Am tollsten aber ist, dass der IWF den engen Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Löhne und dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, den er selbst in einer Abbildung (vgl. die Grafik \"Gross wages and salaries\" auf Seite 36) darstellt, nicht zu thematisieren im Stande ist, vermutlich aufgrund seiner neoklassischen Vorurteile. Mit dem Rückgang der Pro-Kopf-Löhne und ebenso der Lohnstückkosten steigt die Arbeitslosigkeit steil an (vgl. Abbildung), während sie bis 2008 parallel zu einer starken Lohnentwicklung sinkt.</p>\n<p><a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/06/Griechenland-Löhne-AL.jpg\"><img class=\"aligncenter size-full wp-image-1520\" src=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/06/Griechenland-Löhne-AL.jpg\" alt=\"Griechenland Löhne AL\" width=\"1071\" height=\"666\" /></a></p>\n<p>Nun kann man ja noch argumentieren, der gewollte Anstieg der Arbeitslosigkeit im Zuge des wirtschaftlichen Abschwungs sollte Druck auf die Löhne ausüben. Wenn aber die Löhne stark sinken – und in Griechenland sind die Nominallöhne pro Kopf in den letzten vier Jahren um sage und schreibe 16% gesunken –, dann müsste an irgendeiner Stelle der neoklassische Wirkungszusammenhang einsetzen, bei dem die Arbeitslosigkeit wieder sinkt, weil die Löhne sinken.</p>\n<p>Dass der IWF den eigentlich entscheidenden Zusammenhang nicht versteht (bzw. in seiner Analyse konfus ist), zeigt sich darin, dass er sich in einem Anhang enttäuscht darüber zeigt, dass die Preise nicht so stark wie die Löhne gesunken sind. Da hätte er aber jubeln müssen, denn wenn die Preise rigide sind, sind die Reallöhne (auf die es in der neoklassischen Theorie ja ankommt) umso flexibler und der positive Beschäftigungseffekt müsste dann ja besonders groß sein. Wenn die Preise genauso stark gesunken wären wie die Nominallöhne, dann wären die Reallöhne gar nicht gesunken und man hätte nur einen positiven Effekt auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit gehabt, jedoch in der Gedankenwelt des IWF keine positiven Beschäftigungsanreize für die Unternehmen, die für das Inland produzieren.</p>\n<p>Wenn der IWF aber bei der Lohnsenkung nur auf die Wettbewerbsfähigkeit nach außen hin abstellt (was anzunehmen ist, weil er ja Preisrigiditäten moniert) und damit die Absatzbedingungen für das Inland vergisst, macht er einen anderen entscheidenden Fehler und beweist, dass er den Unterschied zwischen der Abwertung einer Währung und einer „internal devaluation“, also einer allgemeinen Lohnsenkung, überhaupt nicht versteht. Denn der Rückgang der Löhne bedeutet in einem Land wie Griechenland mit einem Exportanteil von nur etwa 25% am Bruttoinlandsprodukt, dass der weitaus größere Teil, die Binnennachfrage nämlich, negativ getroffen wird, weil die Lohnsenkung unmittelbar und sehr schnell zu einem Rückgang der Nachfrage der Arbeitnehmer führt, während der Exporteffekt vergleichsweise gering ist und angesichts des großen absoluten Rückstands gegenüber wichtigen Handelspartnern noch nicht ausreicht, Marktanteile zurückzugewinnen. Insofern waren der Anstieg der Arbeitslosigkeit und der große negative Multiplikator die direkte Folge der Lohnkürzungen.</p>\n<p>Insgesamt zeigt der wirklich aufschlussreiche Bericht des IWF, mit wie viel Wasser die Troika in Wirklichkeit kocht und wie substanzlos und konfus die Diskussionen in den dazugehörigen Gremien sein müssen. Wer immer noch glaubt, hinter der gesamten Rettung stecke eine superintelligente, aber perfide Strategie, die unter Nutzung der herrschenden Lehre die südeuropäischen Länder in die Abhängigkeit vom Norden zwingen will, der sollte diesen Bericht aufmerksam lesen und sich fragen, ob eine superintelligente Strategie so ein konfuses Zeug hervorbringen könnte.</p>\n"}]}}]},"allDatoCmsEdition":{"edges":[]},"allDatoCmsSpotlight":{"edges":[]}},"pageContext":{"id":"DatoCmsArticle-9474838-de","edition":"","spotlight":""}},"staticQueryHashes":["1132069882","1534434256","1810303247","2076357383","2564995746","3939919066","4078341254","826177454"]}