{"componentChunkName":"component---src-templates-article-tsx","path":"/die-verlorene-freiheit-der-heimatlose-friedrich-august-von-hayek-und-das-versagen-der-wirtschaftswissenschaft/","result":{"data":{"allDatoCmsArticle":{"edges":[{"node":{"id":"DatoCmsArticle-9456708-de","slug":"die-verlorene-freiheit-der-heimatlose-friedrich-august-von-hayek-und-das-versagen-der-wirtschaftswissenschaft","articleType":"Normal","visibility":"Geschlossen","deactivateAudio":null,"authors":[{"id":"DatoCmsAuthor-5697487-de","slug":"heiner-flassbeck","name":"Heiner Flassbeck","description":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Globalisierung, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung sowie Geld- und W&auml;hrungstheorie.</span></p>","shortDescription":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. 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Am Donnerstag Abend hatte ich nach einem Vortrag an der Universität Heidelberg das zweifelhafte Vergnügen, mit einem glühenden Anhänger Hayeks zu diskutieren, und am Wochenende sah ich die Titelseite des Handelsblatts geschmückt mit einem Bild von Hayek, den die Zeitung als in Deutschland „heimatlos“ bezeichnet, weil – ich überspitze mal ein wenig – die potenziellen Koalitionäre über Mindestlöhne nachdenken. Das laute Lamento des Handelsblatts über den Verlust der Freiheit passt genauso in die Kampagne, die wir <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/eine-neue-offensive-der-konservativen-beginnt/\">hier</a> am Beispiel von Horst Teltschik und Jens Weidman beschrieben haben, wie <a href=\"http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-weltverbesserer/walter-eucken-der-wahre-neoliberale-12625484.html\">der Beitrag der FAZ über Walter Eucken</a>. Es wird in den einschlägigen Medien getrommelt, was das Zeug hält, offenbar um den Abgang der FDP zu kompensieren.</p>\n<p>Es ist aber immer das Gleiche. Ob auf den acht vollen Seiten, die das Handelsblatt dem liberalen Vordenker Hayek widmet, oder in einer Diskussion Mann gegen Mann: Die liberalen und ultraliberalen Anhänger 'des Marktes' haben keinerlei Ahnung von dem, was an den Märkten wirklich passiert. Wäre einem von denen einmal aufgefallen, dass die Arbeitslosigkeit nach 2008 dramatisch gestiegen ist, <i>obwohl</i> die Reallöhne aus Unternehmersicht zwischen 2009 und 2013 mit jährlich +0,7 % klar weniger zunahmen als die Produktivität (+1,1 %), und aus Verbrauchersicht sogar stagnierten (vgl. Abbildung 1)?</p>\n<p>Abbildung 1</p>\n<p><a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/10/Abb1-AL-Löhne-EWU12.jpg\"><img class=\"aligncenter size-full wp-image-3200\" alt=\"Abb1 AL Löhne EWU12\" src=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/10/Abb1-AL-Löhne-EWU12.jpg\" width=\"800\" height=\"497\" /></a>Oder wäre einer von denen auf die Idee gekommen, einmal genau hinzuschauen, was in Südeuropa eigentlich geschehen ist? Dass dort nämlich gleichzeitig mit der Lohn<i>senkung</i> ab 2010 die Arbeitslosigkeit nochmals in die <i>Höhe</i> geschossen ist (vgl. Abbildung 2)?</p>\n<p>Abbildung 2</p>\n<p><a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/10/Abb2-AL-Löhne-Südeuropa.jpg\"><img class=\"aligncenter size-full wp-image-3201\" alt=\"Abb2 AL Löhne Südeuropa\" src=\"http://www.flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2013/10/Abb2-AL-Löhne-Südeuropa.jpg\" width=\"800\" height=\"497\" /></a>Hätten diese Leute das wirklich wahrgenommen, sie würden aufhören, einfach von 'funktionierenden' Arbeitsmärkten zu schwadronieren, wenn sie intellektuell halbwegs redlich wären. Einen solchen Befund wie den genannten muss man erklären können, wenn man den Anspruch erhebt, etwas Relevantes über die Wirtschaft an sich und erst recht etwas Relevantes über die Wirtschaftspolitik zu sagen zu haben. Und wenn niemand versucht, den Befund zu erklären, dann hat die gesamte sogenannte Wirtschaftswissenschaft versagt.</p>\n<p>Allerdings: Im heutigen System der Wirtschaftswissenschaften kann man es sich leisten, so ein Rätsel einfach zu ignorieren. Es gibt eben keinen Wettbewerb unterschiedlicher Ideensysteme in dieser Wissenschaft, der jeden einzelnen fordern würde, sich mit einem für das herrschende Paradigma unerklärlichen Phänomen wie dem genannten auseinander zu setzen. Stattdessen sitzen Leute, die den Staat bis auf's Messer mit ihren ideologischen Mitteln bekämpfen, bequem auf vom Staat finanzierten Lehrstühlen und drücken sich um die Aufgabe, die sie von der Gesellschaft erhalten haben: die Deutung der Wirklichkeit ohne ideologische Scheuklappen.</p>\n<p>Auch könnte man erwarten, dass die glühenden Anhänger freier Märkte sich etwas konkreter mit den Finanzmärkten auseinandersetzen und fragen, was ihr Vordenker Hayek dazu sagen würde, dass man dort jeden Tag Herdenverhalten beobachten kann. Herdenverhalten ist exakt das Gegenteil dessen, was Hayek unter einem freien Markt verstanden hat (dass der Handelsblatt-Redakteur gar glaubt, Schwarmintelligenz sei ein Beleg für eine spontane Ordnung à la Hayek, ist allerdings eine Entgleisung, die man besser ignoriert, was sogar der Befragte, Karl-Heinz Paqué, tut). <a href=\"http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Interviews/2013_10_23_lautenschlaeger_sueddeutsche.html\">Richtig hat das dieser Tage Sabine Lautenschläger von der Bundesbank gesagt</a>, als sie bemerkte: „Und schließlich lebt jedes Geschäft davon, dass die Vertragspartner die Gewinn- und Verlustchancen anders bewerten. Zu einer Marktwirtschaft gehört, dass Banken Risiken unterschiedlich einschätzen und sich nicht alle exakt gleich aufstellen. Ein solches System wäre bei Krisen sehr anfällig.“ Das aber ist genau das System, das wir heute an den Finanzmärkten haben: Herdenverhalten – gesteuert von einigen wenigen frei verfügbaren volkswirtschaftlichen Informationen, die von den Händlern an den Finanzmärkten in der Regel in der gleichen Weise interpretiert werden. Was das mit einem marktwirtschaftlichen Modell zu tun haben soll, bei dem die Intelligenz und das Wissen der Vielen (voneinander vollkommen unabhängigen Wirtschaftssubjekte mit jeweils unabhängig erworbenem und verarbeiteten Wissen) der begrenzten Intelligenz und dem notwendig begrenzten Wissen des Staates überlegen ist, bleibt das Geheimnis der Liberalen und Ultraliberalen. Wenn man sich allerdings von vornherein um solche Phänomene gar nicht kümmert und immer nur über den Markt als solchen faselt, braucht man für so konkrete Dinge keine Erklärungen zu finden.</p>\n<p>Die meisten der Ökonomen, die rein akademisch arbeiten, sind immer erstaunt, wenn sie jemandem wie mir zuhören, der seine Schlussfolgerungen auf einfachen empirischen Befunden aufbaut und eine Menge Erfahrungen aus der Politik mitbringt. Auch Gutwillige unter ihnen sagen dann, man könne das ja alles nicht wissen und man arbeite vielleicht in einem Feld, auf dem man diese makroökonomischen Erkenntnisse gar nicht brauche. Das mag so sein. Doch wenn der Staat ein paar tausend wirtschaftswissenschaftliche Lehrstühle in Deutschland finanziert, dann hat er gefälligst dafür zu sorgen, dass auf einer kritischen Menge dieser Lehrstühle Leute sitzen, die sich – so unvoreingenommen, wie Menschen es sein können – systematisch darum kümmern, dass relevante Phänomene von verschiedenen theoretischen Blickwinkeln untersucht und wenn möglich erklärt werden.</p>\n<p>Tut der Staat das nicht, sollte er sich die Ausgaben für universitäre Volkswirtschaftslehre sparen und dem Markt überlassen, wie viel Volkswirtschaftslehre das Land braucht. Da gesamtwirtschaftlich orientierte Untersuchungen definitionsgemäß keiner einzelwirtschaftlichen Interessengruppe allein dienen, sondern eben die Gesamtheit der Volkswirtschaft und ihrer Akteure in den Blick nehmen, dürfte die Unterstützung solcher Untersuchungen durch Lobbyisten weitgehend entfallen. Damit wäre in Sachen Makroökonomik zwar nichts gewonnen, aber immerhin müssten die Steuerzahler nicht mehr für diejenigen aufkommen, die entweder Irrelevantes 'erforschen' oder den Standpunkt von Lobbyisten 'wissenschaftlich' zu bemänteln versuchen.</p>\n"}]}}]},"allDatoCmsEdition":{"edges":[]},"allDatoCmsSpotlight":{"edges":[]}},"pageContext":{"id":"DatoCmsArticle-9456708-de","edition":"","spotlight":""}},"staticQueryHashes":["1132069882","1534434256","1810303247","2076357383","2564995746","3939919066","4078341254","826177454"]}