{"componentChunkName":"component---src-templates-article-tsx","path":"/die-okonomische-zukunft-palastinas-teil-ii/","result":{"data":{"allDatoCmsArticle":{"edges":[{"node":{"id":"DatoCmsArticle-9474318-de","slug":"die-okonomische-zukunft-palastinas-teil-ii","articleType":"Normal","visibility":"Geschlossen","deactivateAudio":null,"authors":[{"id":"DatoCmsAuthor-7812792-de","slug":"raja-khalidi","name":"Raja Khalidi","description":"","shortDescription":"","picture":null,"books":[]}],"title":"Die ökonomische Zukunft Palästinas - Teil II","smallTitle":"Länder","publishDate":"2013-10-11T04:00:37+02:00","editDate":"2013-10-11T04:00:37+02:00","seo":null,"image":null,"content":[{"__typename":"DatoCmsText","id":"DatoCmsText-9474317-de","text":"<p>Das israelische Pro-Kopf-Einkommen beträgt heute das 8-fache des palästinensischen Pro-Kopf-Einkommens (im Vergleich dazu war das Verhältnis 1944 nur 2:1), und die Wirtschaft Israels lässt bei einem Verhältnis von 25:1 die palästinensische Wirtschaft wie einen Zwerg aussehen. Der Dualismus in seiner Version des 21. Jahrhunderts postuliert, dass die Kluft zwischen der arabischen und der jüdischen Entwicklung, die sich seit 1948  und besonders seit 1967 herausgebildet hat, einfach die Fortsetzung einer alten Geschichte ist. Nach dieser Version der Geschichtsschreibung begann der jüdische (europäische) industrielle und technologische Vorsprung bereits vor einem Jahrhundert, während eine sozial und politisch zerstückelte, kulturell eingezwängte arabische Bevölkerung sich erst noch von ihren agrarischen Wurzeln lösen und die Modernisierung und das Streben nach Erfolg lernen musste. Alles, so die Verheißung des Liberalismus, was sie dazu brauchen, ist marktbasierte Freiheit, denn dann werden die komparativen Vorteile jeder Wirtschaft sicher zu gegenseitigem Wohlergehen und zu beiderseitigen Vorteilen führen - <i>ceteris paribus </i>jedenfalls<i>.</i></p>\n<p>Von den Dualisten wird die Beobachtung, dass sich die Kluft zwischen den Wirtschaften vergrößert hat und dass der Pfad in die Abhängigkeit als Folge der allmählichen Kolonisierung Palästinas schon vor langer Zeit beschritten wurde, als „Politisierung“ der reinen ökonomischen Analyse abgetan. Auf ähnliche Weise ignoriert der ökonomische Mainstream die systemischen Ungleichgewichte, während  Prebisch und nach ihm die UNCTAD nachgewiesen haben, dass diese Ungleichgewichte oft die Wurzel der globalen Entwicklungsprobleme bilden. Die einleuchtende Aussage, dass anhaltende, signifikante, wirtschaftliche und soziale Lücken zwischen reichen und armen Ländern einem <i>zu viel</i> an Liberalisierung zuzuschreiben sind und nicht einem <i>zu wenig,</i> ist für den Mainstream einfach nur ein der falschen Ideologie geschuldetes Vorurteil.</p>\n<p>Wenn man sich den palästinensisch-arabischen Wirtschaftsraum in seiner weitesten geographischen Ausdehnung ( einschließlich jener 4,5 Millionen Palästinenser in den besetzten Gebieten und den 1,2 Millionen arabischen Bürgern in Israel) anschaut, dann erscheinen Prebischs Ansichten über die strukturelle Abhängigkeit der armen, Rohstoff produzierenden Peripherie vom wohlhabenden, industrialisierten Zentrum besonders aktuell. Sie bieten einen hilfreichen Einstiegspunkt, um das irreführende Bild von der Marktnormalität zu überwinden, das den dualistischen und neoliberalen Interpretationen der palästinensisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen zugrunde liegt.</p>\n<p>Sicherlich sind in diesem Fall die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem besetzten Ramallah oder Gaza und Tel Aviv anders gelagert als systemische Ungleichgewichte zwischen Afrika und Europa. Aber die Abhängigkeitstheorie hat ihre Wurzeln in dem historischen Verständnis der unfriedlichen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Kolonialmächten und den Regionen der Welt, die sie seit dem 16. Jahrhundert besetzt hatten. Angesichts der Tatsache, dass die Mainstream-Analyse der palästinensischen Entwicklung immer mehr versagt, kann  der Ansatz der “alten Schule“ einen geeigneten Rahmen liefern, um die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Palästinensern und Israelis zu verstehen, besonders heute, da die unausweichliche Logik einer zügellosen Kolonialisierung und Ausgrenzung sich in ihrer ganzen Dimension zeigt.</p>\n<p>Heute breitet sich die israelische Siedlungspolitik und die Kapitalexpansion rasch vom industrialisierten Zentrum auf alle Gebiete des <i>Eretz Israel</i> aus, unabhängig von Grenzen (realen oder unsichtbaren) und begleitet von wachsender palästinensischer Resignation, wenn nicht gar offizieller Duldung. In den 65 Jahren seiner Existenz als ein Staat hat Israel es durch Zufall oder Planung geschafft, seine arabische Peripherie zu formen und ihr nach Gutdünken Rohstoffe, Arbeitskräfte und Konsum zu entziehen bzw. sich anzueignen und aus dem Steuersystem und der Geldschöpfung Gewinne zu ziehen. Wenn auch arabische Abhängigkeit nicht beabsichtigt war, so war sie jedoch das unvermeidliche Ergebnis des fortwährenden Kampfes zwischen jüdischem und palästinensischem Nationalismus, wobei das Potential der letzteren mit jeder neuen israelischen Siedlung, die in Jerusalem oder im Jordantal gebaut wurde, schwand.</p>\n<p>Beim offiziellen Umgang mit dem palästinensischen Wirtschafts“system“ wird immer noch versucht, der palästinensischen Wirtschaft (in der West Bank und im 1967 besetzten Gaza Streifen) die israelische Wirtschaft gegenüberzustellen. Aber sowohl die Realität vor Ort als auch die Dynamik der systemischen Beziehungen zwischen der dominanten israelisch-jüdischen Makroökonomie und der palästinensisch-arabischen Mikroökonomie (oder Märkten) widerlegen einen solchen statischen Dualismus und weisen stattdessen auf einen ganz speziellen Fall des Zentrum-Peripherie-Abhängigkeitssyndroms hin.</p>\n<p>In dieser Lesart gibt es tatsächlich eine „Palästinensische Wirtschaft“ auf dem Boden des historischen Gebiets Palästina/<i>Eretz</i> <i>Israel,</i> aber zwei unterschiedliche Wirtschaftsmodelle. Das eine ist die überwiegend globalisierte, industrialisierte, finanzialisierte, technologisierte Wirtschaft des Staates Israel. Aber innerhalb der umfassenden israelischen Hülle behauptet sich auch eine arabische Wirtschaft, allerdings abgeschnitten von ihrem Entwicklungspfad aus der Zeit vor 1948 durch die unbestreitbare Kolonialisierung und die regionale Geopolitik. Diese arabische Wirtschaft ist nicht homogen, sie ist keine zusammenhängende Einheit wie das jüdische „Gegenstück“, und genau deshalb kann sie nicht “die Gegenpartei“ sein, wie in dem dualistischen Modell unterstellt. Auch ist sie weder post-agrarisch noch industrialisierend, weder eine Dienstleistungs- noch eine Exportwirtschaft. Stattdessen bleibt ihre Transformation, (oder genauer gesagt: Deformation) im Geflecht von Interessen stecken, eingebunden in die israelische Staatsbildung und die nicht weniger erniedrigende lokale, regionale und globale kapitalistische Expansion.</p>\n<p>So setzt sich die „Wirtschaft Palästinas“ tatsächlich aus ganz verschiedenen und divergierenden arabischen Kernregionen zusammen, die trotz wirtschaftlicher Zermürbung oder Stagnation irgendwie der kolonialen Beeinträchtigung mit rechtlichen, demographischen und politischen Mitteln widerstanden haben. Das sind die Überbleibsel der einheimischen arabischen Wirtschaft Palästinas: wenigstens vier, wenn nicht sechs auseinander liegende, wirtschaftliche Enklaven, verteilt von Nord bis Süd und Ost bis West , unter israelischer Vorherrschaft, von einander getrennt in abgeschiedenen Zonen.</p>\n<p>Jede Region befindet sich auf ihrem eigenen Pfad der Abhängigkeit oder Autonomie im Verhältnis zu der Wirtschaft der israelischen Metropole. Jede dieser Regionen liegt abseits des israelischen Zentrums und auch abseits der regionalen (arabischen) und der globalen Wirtschaft und ist immer noch abhängig von der „nationalen“ israelischen Volkswirtschaft, was den Außenhandel, Finanzen und die Verkehrslogistik angeht. Und in vielerlei Hinsicht – mit einigen wichtigen Ausnahmen – ist jede peripher zur andern, nachdem sie 1948 gewaltsam geteilt wurden, im Jahr 1967 wieder verbunden, dann seit 2001 unsanft getrennt und nun teilweise wieder verbunden, allerdings unter neuen, strengen Auflagen.</p>\n<p>Das ist die Realität des palästinensischen wirtschaftlichen “Nicht-Systems“ im heutigen Palästina, erkennbar sowohl auf der Landkarte als auch vor Ort. Unabhängig vom Ausgang der fortgesetzten Anstrengungen, die Zwei-Staaten-Lösung zu retten, ist es für Politiker und Analysten nicht hilfreich für das Verständnis des gegenwärtigen Ungleichgewichts in der Wirtschaftskraft, weiterhin ein dualistisches Wirtschaftsmodell zu propagieren. Auch kann auf der Basis dieser Ideologie keine effektive Entwicklungsstrategie für die arabische Wirtschaft in Palästina gefunden werden. Diese muss in der Peripherie ihre Wurzeln haben und muss versuchen, diese Peripherie in einer neuen Konfiguration wieder zu verbinden, passend zur Demographie, der Geographie, dem expandierenden Siedlungskolonialismus und einer Wirtschaftspolitik, die dem 21. Jahrhundert angemessen ist.</p>\n<p><i>Dieser Beitrag <a href=\"http://www.flassbeck-economics.de/what-economic-future-for-palestine-part-ii/\">erschien auf Englisch</a> am 8. Oktober 2013. </i></p>\n<p><i>Übersetzung: Stephanie Flassbeck</i></p>\n"}]}}]},"allDatoCmsEdition":{"edges":[]},"allDatoCmsSpotlight":{"edges":[]}},"pageContext":{"id":"DatoCmsArticle-9474318-de","edition":"","spotlight":""}},"staticQueryHashes":["1132069882","1534434256","1810303247","2076357383","2564995746","3939919066","4078341254","826177454"]}