{"componentChunkName":"component---src-templates-article-tsx","path":"/der-kredit-das-unbekannte-wesen/","result":{"data":{"allDatoCmsArticle":{"edges":[{"node":{"id":"DatoCmsArticle-8887542-de","slug":"der-kredit-das-unbekannte-wesen","articleType":"Normal","visibility":"Geschlossen","deactivateAudio":null,"authors":[{"id":"DatoCmsAuthor-5697487-de","slug":"heiner-flassbeck","name":"Heiner Flassbeck","description":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. Seine Hauptarbeitsgebiete sind die Globalisierung, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung sowie Geld- und W&auml;hrungstheorie.</span></p>","shortDescription":"<p><strong>Heiner Flassbeck </strong>ist Mitbegr&uuml;nder von MAKROSKOP.<span> Er war Honorarprofessor an der Universit&auml;t Hamburg, Chef-Volkswirt der UNCTAD und Staatssekret&auml;r im BMF. 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Befragt man Menschen auf der Straße und Volkswirtschafts-Professoren auf ihren Kathedern zu dieser gerade in Schuldenkrisen fundamentalen Frage, werden sie in etwa Folgendes antworten: Kredit entsteht, wenn jemand weniger konsumiert und mehr spart, das ersparte Geld auf die Bank legt und diese das Geld an willige Schuldner verleiht. Spart aber niemand, hat die Bank kein Geld und kann keinen Kredit vergeben – Unternehmen erhalten dann keine Kredite mehr und können nicht mehr investieren.</p>\n<p>Die Professoren behaupten noch mehr: Sparen ist nicht nur erste Bürger- sondern auch Politikerpflicht. Wenn der Staat das sauer Ersparte seiner Bürger anstelle der Unternehmen zur Finanzierung seiner Defizite verwendet, nimmt er den Unternehmen die Kredite weg. Schließlich kann nicht mehr Kredit vergeben werden, als vorher gespart wurde. Das gefährdet Wachstum und Beschäftigung. Fängt der Staat aber endlich selbst mit dem Sparen an, sprudelt es auch aus dem Kredithahn und die Investitionen steigen (Belege, dass und welche Professoren solche Behauptungen aufstellen, finden Leser <a href=\"http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_wp_120_2013\">hier</a>).</p>\n<p>So plausibel das alles auf den ersten Blick klingen mag: Die Vorstellung, für die Kreditvergabe müsste jemand seine Ausgaben reduzieren und mehr sparen, ist grundfalsch. Darüber hinaus ist sie wirtschaftspolitisch hochgefährlich.</p>\n<p>Um das zu sehen, führen wir ein kleines Gedankenexperiment durch: Stellen wir uns eine Wirtschaft vor, in der es nur Haushalte und Unternehmen gibt; den Staat und das Ausland lassen wir zur Vereinfachung vorerst weg. Nehmen wir weiter an, die Haushalte gäben erst mal genau so viel für Konsumgüter aus, wie sie an Löhnen von den Unternehmen erhalten. Am Monatsbeginn zahlen die Unternehmen den Haushalten die Löhne auf ihre Bankkonten; im Laufe des Monats kaufen die Haushalte Konsumgüter von den Unternehmen. Das Geld läuft also zwischen Haushalten und Unternehmen hin und her.</p>\n<p>Was passiert, wenn Haushalte plötzlich entscheiden, nicht mehr ihr ganzes Einkommen für den Konsum zu verwenden, sondern einen Teil zu sparen? Man sieht sofort: In genau dem Maße, wie die Haushalte weniger konsumieren, fallen die Einnahmen – also der Umsatz - der Unternehmen. Die Unternehmen haben weniger, die Haushalte mehr Geld.</p>\n<p>Nehmen wir jetzt den Staat und das Ausland dazu: Sinkt der Umsatz, so verliert in einer Wirtschaft mit Staat auch der Fiskus, denn es kommt weniger Mehrwertsteuer zusammen. Sparen die Haushalte an importierten Gütern, werden die Exporte des Auslands um genau den gleichen Betrag sinken.</p>\n<p>Allgemein ausgedrückt: Senkt jemand seine Ausgaben, werden die Einnahmen des Rests der Wirtschaft um genau den gleichen Betrag sinken. Es gibt nun mal keine Einnahme, der nicht anderswo eine Ausgabe entspricht. Es ist also genau umgekehrt, wie es die Professoren sagen: Sparen die Haushalte (oder wer auch immer) und haben damit <i>mehr</i> Geld, hat der Rest der Volkswirtschaft genau um den Betrag der Ersparnis <i>weniger</i> Geld! Einen Kredit hat durch das Sparen aber noch lange niemand vergeben oder bekommen.</p>\n<p>Jetzt können sich die Sparer natürlich überlegen, ob sie den Unternehmen ihr Geld leihen. Nehmen wir zur Vereinfachung wieder eine Welt an, in der es nur Haushalte und Unternehmen gibt. Doch bevor die Haushalte ihr gespartes Geld an die Unternehmen verleihen, werden sie ihre potenziellen Schuldner genauer unter die Lupe nehmen. Sie werden dann sehen, dass es vielleicht ein großes Risiko wäre, den Unternehmen einen Kredit zu geben. Offensichtlich sind die Einnahmen der Unternehmen in letzter Zeit gesunken und sie haben weniger Geld, ihre ausstehenden Schulden zu bedienen.</p>\n<p>Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie zahlungsunfähig werden und damit insolvent gehen. Nehmen sie jetzt noch mehr Kredit, wird ihr Risiko weiter steigen, da sie sich dann ja auf einen noch höheren Zinsdienst verpflichten.  Vernünftige Haushalte werden also desto weniger bereit sein, den Unternehmen Kredite zu geben, je höher deren Risiko ist. Und das Risiko steigt genau mit der Höhe der Ersparnis der Haushalte! Es ist also überhaupt nicht gesagt, dass die Haushalte ihr erspartes Geld tatsächlich verleihen wollen.</p>\n<p>Auf der anderen Seite ist aber auch nicht gesagt, dass die Unternehmen sich das Geld überhaupt leihen wollen. Nicht nur die Haushalte, auch die Unternehmer werden bemerken, dass ihr Risiko gestiegen ist und sie sich der Insolvenz angenähert haben. Bevor sie sich also mehr Geld leihen, werden sie zur Wahrung ihrer Solvenz eher versuchen, ihre laufenden Ausgaben zu senken, ergo ihre Arbeiter entlassen. Für die Unternehmer hat das zwei Vorteile: Sie sparen Geld und schonen ihre Gewinne; darüber hinaus brauchen sie ja gar nicht mehr so viele Arbeiter. Da die Haushalte weniger konsumieren, müssen die Unternehmen nicht mehr so viele Konsumgüter herstellen. Darüber hinaus brauchen die Unternehmer nicht mehr so viele neue Maschinen, also Investitionsgüter. Das heißt, dass auch die Investitionsgüterindustrie weniger verkaufen können wird – und sich wiederum selbst überlegt, ob sie Kredite aufnimmt, oder Produktion und Belegschaft reduziert.</p>\n<p>Wenn sich Unternehmen für Entlassungen und gegen den Kredit entscheiden, wird es unangenehm für die Haushalte: Sie haben dann weniger Einkommen, aus dem sie sparen können. Am Ende kann das dazu führen, dass ihre anfängliche Sparabsicht, die den ganzen Prozess erst ins Rollen gebracht hat, gar nicht aufgeht. Denn ihr eigenes Einkommen sinkt infolge ihres Versuches zu sparen!</p>\n<p>Das Gleiche kann natürlich passieren, wenn der Staat mehr sparen will – etwa, um seine Schulden zu reduzieren. Er senkt seine Ausgaben für Investitionen, öffentlichen Dienst, Sozialleistungen etc., und in genau dem Maße werden die Einnahmen von Unternehmen und Haushalten sinken. Senken nun Unternehmen und/oder Haushalte selbst ihre Ausgaben, werden auch die Steuereinnahmen des Staates sinken. Bei geringeren Löhnen und Umsätzen werden Lohnsteuer- und Mehrwertsteuereinnahmen fallen und die Sparabsicht des Staates kann sich nicht erfüllen. Die Defizite werden gleich bleiben und die Schulden steigen.</p>\n<p>Das ist keine graue Theorie, sondern für viele Menschen in Südeuropa gerade schreckliche Realität. Diese Realität ist die direkte Folge davon, dass Professoren der Volkswirtschaftslehre und Bürokraten in den europäischen Institutionen nicht begreifen, dass die Ausgabensenkungen eines Sektors notwendig und immer zu Einnahmensenkungen anderer Sektoren führen.</p>\n<p>Wir sehen also: Der Kredit entsteht nicht durch Sparen. Aber wie entsteht er dann? Auf diese Frage bekommt der Student der Volkswirtschaftslehre in den wenigsten einführenden und sogar in den wenigsten weiterführenden Lehrbüchern eine Antwort. Er findet sie aber, wenn er etwa die Schulmaterialien der Deutschen Bundesbank anschaut: Der Kredit entsteht aus dem Nichts, als einfacher Buchungsvorgang (sehr schön <a href=\"http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Buch_Broschuere_Flyer/geld_und_geldpolitik_schuelerbuch.pdf?__blob=publicationFile\">hier</a>, S. 70-78). Wenn ein Kreditnehmer bei einer Bank einen Kredit aufnehmen möchte, richtet ihm die Bank ein Konto ein, über das er verfügen kann. Das macht der Bankangestellte per Mausklick. Niemand muss dafür etwas sparen.</p>\n<p>Das heißt aber nicht, dass Banken unendlich Kredit vergeben können. Die Bank verdient mit dem Kredit nur etwas, wenn der Kreditnehmer später auch seine Zinsen zahlen wird; und das kann er nur, wenn er später genügend Einnahmen hat – das heißt, wenn andere in Zukunft nicht zu viel sparen! Wenn ein Schuldner seine Zinsen nicht mehr zahlen kann, die Bank aber selbst Zinsen auf ihre Einlagen zahlen muss, hat die Bank natürlich selbst ein Problem. Das ist der Stoff, aus dem Bankenkrisen gemacht sind.</p>\n<p>Dazu kommt: Die Bank kann zwar jedem Kunden per Mausklick einen Kredit aus dem Nichts schaffen, braucht der Kunde aber Bargeld, muss die Bank es haben oder besorgen. Bargeld kann eine Geschäftsbank nicht selbst herstellen, das kann nur die Zentralbank. Die Bank kann sich das Bargeld entweder von anderen Banken, von ihren Kunden oder von der Zentralbank leihen – wenn sie es nicht selbst durch Zinseinnahmen verdient.</p>\n<p>Damit sie an Bargeld kommt, muss aber wieder niemand sparen, sondern es müssen nur Menschen bereit sein, ihr Vermögen nicht in Bargeld zu halten, sondern etwa in Bankdepositen, Bankanleihen etc. Sie müssen also auf <i>Liquidität</i> verzichten, nicht auf Ausgaben, damit Banken Bargeld bekommen und zahlungsfähig sind. Die Zentralbank ist in ihrer Kreditvergabe allerdings nicht beschränkt. Sie schöpft das Bargeld (das Zentralbankgeld), das andere brauchen, aus dem Nichts.</p>\n<p>Damit wird die Vorstellung der herrschenden Volkswirtschaftslehre vom Kopf auf die Füße gestellt: Niemand muss sparen, damit andere einen Kredit erhalten; aber jemand muss einen Kredit aufnehmen, damit andere sparen können. Will jemand Unternehmer werden, hat aber selbst kein Geld, muss er es sich von der Bank leihen, die es ihm per Mausklick neu schafft. Erst wenn er Löhne zahlt und seine Arbeiter nicht alles ausgeben, entsteht Ersparnis.</p>\n<p>Das alles heißt freilich nicht, dass die Zentralbank nur ordentlich Geld drucken muss und niemand sparen darf, damit alle im wirtschaftlichen Paradies leben. Die eigentliche Beschränkung für den Wohlstand der Menschen ist immer noch die Verfügbarkeit tatsächlicher Arbeitskraft und tatsächlicher Maschinen. Solange aber Menschen keine Arbeit finden und Maschinen brach liegen, muss irgendjemand mehr ausgeben und dazu auch die Mittel – notfalls direkt von der Zentralbank – bekommen.</p>\n<p><i>Fabian Lindner ist Referent für Konjunktur und Finanzmärkte am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung. </i></p>\n"}]}}]},"allDatoCmsEdition":{"edges":[]},"allDatoCmsSpotlight":{"edges":[]}},"pageContext":{"id":"DatoCmsArticle-8887542-de","edition":"","spotlight":""}},"staticQueryHashes":["1132069882","1534434256","1810303247","2076357383","2564995746","3939919066","4078341254","826177454"]}